Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Die lkunlt im Gottesdienst. Von Kantor Davidsohn in Gleiwitz. n kurzer Zeit feiern wir den hundertsten Geburtstag jenes gewaltigen Geistesheros, der berufen ward, kraft seines Wisfens und seiner Intelligenz Licht hineiuzubringru in das Dunkel jener heiligen ernsten Kunst, die sich nur Gott dem Herrn weiht' und lediglich zu seinem Dienste besteht. Wie ein Sebastian Bach im siebzehnten Jahrhundert die Basis für eine künstlerische Gestaltung der Kirchenumsik in seiner Glaubensgemeinschaft schuf, so wirkte Salomo:: Sulzer zu seiner Zeit, da die Morgenröte der Freiheit für unser bedrücktes Bolk anbrach, reformatorisch für den jüdischer: Gottesdienst. Ihm haben wir es lediglich zu verdanken, daß heute nicht mehr in der Synagoge Zustände vorherrschen, wie sie Richard Wagner in seiner berüchtigten Broschüre „Das Judentum in der Musik" schildert. Das Chaos ist verschwunden und in der größten wie in der kleinsten Gemeinde hat ein geregelt musikalischer Gottesdienst Platz gegriffen, der erbauend und andachterregend auf das Gemüt einwirkt. Das hat Salonwn Sulzer zuwege gebracht und seine Jünger und alle diejenigen, die gleich ihm derselben heiligen Kunst dienen, bewahren sein Erbe und wirken irr seinem Geiste und feinem Sinne. Wie befremdend mutzte es nurr rvirken, da wir in den Spalten dieses Blattes einer: Bericht vor kurzer Zeit aus dem Lande, wo Sulzer lebte und rvirkte, vorfanden, der das Wirker: des Karrtors nicht gerade gürrstig beurteilt. Sollte der Verfasser des Artikels in seinen: gewitz recht löblichen Eifer um die heilige Sache rricht zu weit gegarrgen fein? Der Verfasser des Artikels beklagt sich über eine allzu dramatische Gestalturrg des Gottesdienstes nr:d führt merkwürdigerweise Sulzer als denjenigen an, der sieh stets nur eirres schlichter: Vortrages beim Gottesdier:ste befleitzigte. Ich sage: merkwürdigerweise, weil gerade Sulzer der Meister des Rezitativs zugleich der Schöpfer eines gewisser: dranmtischer: Stiles in: Gottesdienst gewesen ist. Es wird darüber Klage geführt, daß mit Rücksicht auf den rrrusikalischer: Gottesdienst die Andacht leide, doch sollte der Kantor daran schr:ld fein? Derjenige, der sein ganzes Kör:nen und seine gar:ze Kraft dasür eir:setzt, seine Gemeinde zur Ar:dacht anzuregen. Gewitz, ich gebe zu, datz in n:ancher: Gemeinden Oesterreichs die Gestaltrrr:g des Gottesdienstes ihren synagogalen, d. h. jüdischer: Charakter verloren hat, doch ist rvohl die wenigste Cchrüd hierbei dem Kar:tor beizumesser:. Ir: den meister: Faller: rr:utz der Kantor der „ausführende Beamte" sei::, in der: selterrster: Fallen darf er der selbstgestaltende Künstler sein. Der Geschmack feiner Gemeinde mutz für ihn ausschlaggebend sein. Der Jndifsererrtisrnus und das geringere Interesse für der: Gottesdienst rrracht sich in Oesterreich allerdings bedeutend mehr benrerkbar, als in Deutschland, und darrrrr: mutz nach Arrsicht der Gemeindekörperschafterr der Gottesdienst dort — interessant gestaltet werden. Datz ein derart porrrphaft zugestutzter Gottesdienst dann mehr an eine konzertarrte Berarrstaltung erinnert, ist klar; doch will man den Kantor dafür verantwortlich machen, der oft gegen seinen Willen den Wünschen seiner Vorgesetzten Behörde Rechnung trügt? Ich hatte Gelegenheit, einem Gottesdienste im Wiener Stadttempel der Seitenstettengasse beizuwohnell; der trotz seines vorgerückten Alters noch immer bedeutende Singer nebst seinem wohlgeschulten Chorpersonal Hütte wohl verdient, ein andächtigeres Auditorium in seinem Teuchel vorzufinden. Ich gehe nicht zu weit, we:n: ich behaupte, datz von dem zahlreich versammelten Publiknn: kaum ein Minjan Mensche:: ihre Gebete verrichteten, während die übrigen ganz ungezwungen die profansten Unterhaltungen pflegten. Ist hieran auch der Kantor schuld? Der Verfasser schildert ferner die früheren Chasanim, die es weit eher verstanden, zur Andacht anznregeu. Wir jüngeren Kantoren haben jene Tage noch nicht miterlebt, doch das, was uns aus jener Zeit überliefert worden ist, ich meine hier lediglich das eigene Geistesprodukt jener alten Chasonim, könnten wir wohl heute in unserem Gottesdienst nicht verwerten, ohne uns, gelinde gesagt, der Lächerlichkeit preiszugeben. Was würde wohl meine Gemeinde dazu sagen, wollte ich Attolj, saucher oder Attoh nigleszo nach den Melodien aus Troubadour oder Hugenotten anstimmen. Eelvitz, die Tradition soll und muß gewahrt werden, in der Traditio:: lebt das Jndentun: und die traditionellen Melodien sind das Signum des jüdischen Gottesdienstes. Keinem noch so modernen Kantor würde es einfallen, Kol Nitlre oder Neilah-Kadiscli in einer andern als der traditionellen Melodie anznstimmen, doch der ästhetische Gesehlnack gebietet es, die Regeln der musikalischen Form beizubehalten. Wir leben heute nicht mehr in dem Zeitalter, wo die gläubige Gemeinde Israels durch die Worte unsrer heiligen Sprache zur Andacht augeregt wurde; ein grotzer Prozentsatz unsrer Glaubensgemeinschaft steht heute unser::: Gottesdienst lecher verständnislos gegenüber, und dar::::: ist es unerläßlich notwendig, sich gewisser äußerer Mittel zu bedienen, ::::: den Gottesdienst wirkungsvoll und verständlich zu gestalten. Hier war Lewandowski Meister, der die Orgel nur da ti: Tätigkeit treten ließ, wo sie unser:: herrlichen ältjüdische:: Melodien nicht ihren Charakter nehmen konnte. Doch ich möchte nochmals betonen, daß all das nicht so geeignet wäre, die Andacht zu stören, würde der Besucher des Tep:pels gläubigen Sinnes und frommen Herzens das Gotteshaus betreten, um in Andacht die Zeit, die er im Tempel verweilt, Gott dem Herrn zu weihen. Mit geringen Ausnahrnen ist es das idealste Bestreben eines jeden Kantors, die Herzen seiner Zuhörer zur Andacht zu erwecken, und sei:: schönster Lohn ist es, wenn ihm dies gelungen. Zum Schluß inöchte ich noch eins erwähnen. Es ist nicht selten von einer Eifersüchtelei zwischen Rabbiner und Kantor die Rede. Gar oft bereits ist dieses unerquickliche Thema behandelt worden. Ich meine, daß grade ein freundschaftliches Einvernehmen zwischen diesen beiden Männern unerläßlich erforderlich ist. Beide wirken zur Ehre Gottes, aber aus grundverschiedenen Gebieten, doch es muß immer wieder betont werden, daß der Rabbiner die religiöse Autorität ist und bleiben mutz, auch für den Kantor. Handelt es sich um Differenzen, den Ritus betreffend, so umß der Kantor die religiöse Autorität des Rabbiners anerkennen, doch ebenso mutz die gesangliche und musikalische Gestaltung des Gottesdienstes ausschließlich dem Kantor überlassen bleiben. Nur in einem friedlichen Einvernehmen der beiden Persönlichkeiten kann deren Tätigkeit innerhalb des Gottesdienstes eine segensreiche sein; und daß dies überall der Fall sein möchte, ist der Wunsch vieler mir Gleichgesinnten. Kopf und %frs. Von Dr. B. Placzek (Briimi). VH. ie Ansichten von Friß Schultze (Entstehungsgeschichte der Vorstellung „Seele", Kosmos IH, 251 f und 331), eines originellen Forschers, der nicht renommiert, d. h. nicht zu jenen Gelehrten gehört, bei denen in einem Citatenwust nur selten eine anregende neue Idee zum Vorschein komint, werden hier noch an der richtigen Stelle sein. „In der ganz erfahrnngsmüßigen sinnlichen Erscheinung, daß dem Toten Puls und Atem fehlten, daß demzufolge diese