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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 447 (sequence 5)
Language
German
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447 Rundschau" hier mit ihren eigenen Waffen schlügt. So ganz nebenbei wird auch voll den „Vorzügen" jüdischer Schüler gesprochen. Worin bestehen diese? Nach der eigenen Angabe des Blattes in einem etwa vor Jahresfrist erschienenen Artikel in der hohen Intelligenz und schnellen Auffassungsgabe der jüdischen Schüler, ihrem hervorragenden Fleiß. Der betreffende Aufsatz des Blattes befaßte sich damals mit den modernen Reformgymnasien und betonte, was in Frankfurt am Main bei dem hohen Prozentsätze jüdischer Schüler bei deren ausgesprochener Befähigung mit dem Schülermaterial erzielt werden könne, das sei in „rein germanischen Gegenden" wie Hannover und Schleswig-Holstein unmöglich; da könne man dem Schülermaterial nicht derartige schwierige Aufgaben aufbinden. Dieses Zugeständnis beweist, daß das jüdische Schülermaterial die Aufgaben des Gymnasiums mit besonderem Eifer erfaßt. Deshalb seufzt kein Lehrer, mag er auch sonst im allgemeinen noch so antisemitisch gesinnt sein, über den zu großen Prozentsatz jüdischer Schüler in seiner Klasse, freut sich im Gegenteil hierüber, da ihm das Arbeiten und die Erreichung des Pensums wesentlich erleichtert wird. Leistet der betreffende jüdische Schüler etwas — natürlich gibt es auch träge und unbefähigte jüdische Schüler — so stehen die Leistungen in Deutsch und Geschichte durchaus nicht hinter denen in anderen Fächern zurück, wie jeder Gymnasialdirektor, der an seiner Anstalt einen erheblichen Prozentsatz jüdischer Schüler hat, bestätigen wird. In: Gegenteil, gerade für Literatur und Geschichte haben die jüdischen Schüler nach dem Zeugnis namhafter Pädagogen eine besondere Befühigullg. Damit fallen aber die oben citierten Auslassungen eines verschäurten Antisemitismus in sich selbst zusammen. - Tie Meldung über die Ausschreitungen gegen jüdische Arbeiter in Süd-Wales hat in der gesamten antisemitischen Presse freudigen Widerhall gefunden. Allerdings gehen die Antisemiten dabei von falschen Voraussetzungen aus, oder — was noch viel wahrscheinlicher — sie suchen ihren Gläubigen Sand in die Augen zu streuen. Denn von den in den walisischen Schieferbrüchen arbeitenden polnischen und rumänischen Inden werden doch wohl selbst deutsche Antisemiten im Ernst nicht behaupten können, daß sie nicht arbeiten, daß sie reich seien und mit ihrem Kapital das Volk aussaugen und unterdrücken. Es ist den eingewanderten Juden in Wales nur widerfahren, was italienischen Arbeitern so oft in Frankreich und Amerika passiert, was ihnen auch schon in Deutschland passiert ist, daß sie nämlich voll den einheimischen Arbeitern angegriffen werdelr, weil diese für ihr Brot oder für die bisherige Höhe des Lohnes fürchten zu sollen glauben. Es ist nichts als der gewöhnliche Brotneid, der Fremden gegenüber sich keine Schranken auferlegt und zum Ausbruch kommt. Dieser Brotneid liegt allerdings auch in der Hauptsache überall dem Antisemitismus zu Grunde. Aber wahrend die Arbeiter, die sich in Süd-Wales gegen die Juden, in Marseille gegen die Italiener rc. mit Faustgewalt wenden, sich offen geben als das was sie sind, gehen die Antisemiten, wie gerade bei diesem Anlasse sehr treffend hervorgehoben worden ist, viel unehrlicher und heuchlerischer vor. Sie verleumden die Inden, legen ihnen alle möglichen und unmöglichen Verbrechen zur Last, um die eigenerl Roheiten, die sie verüben mrd verüben möchten, etwas zu beschönigen. Jeder Uubefangerle wird die ehrlichen Gewaltmenschen, die sich weder religiöse noch moralische oder wissenschaftliche Allüren geben, sondern einfach auf ihre Konkurrenten losschlagen, weil sie sie los werden wollen, viel eher eutschuldigen als jene gewissenlosen Hetzer. $ In Britisch-Ostafrika selbst hat die Nachricht, daß die englische Regierung den Zionisten in Ostafrika Land angeboten hat, wie wir bereits gemeldet haben, große Erregung hervorgerufen. Das Land soll nämlich das beste des Protektorats sein. Von Mombasa ans sind, wie der „Daily Mail"-Korrespondent mitteilt, energische Proteste an das Auswärtige Amt in London abgegangen. In der „Times" findet sich ein Brief Sir Harry Johnstons, in welchem dieser gegen das Projekt einer Anstedlung in Uganda sich ausspricht. Das Land, sagt Johnston, um das es sich handelt, ist überaus wertvoll, und es sei ein zum mindesten seltsamer Gedanke, einen großen Teil davon russischen oder rumänischen Juden anstatt englischen Kolonisten zu überlassen. Es wäre sehr unklug vom Auswärtigen Amte, Ausländer zu ermutigen, sich dort niederzulassen oder gar einen selbständigen jüdischen Staat dort zu gründen. Noch entschiedener ist das folgende Telegramm, welches demselben Blatte Lord Delamare aus Nairobi, der Haupstadt Ugandas, zugeschickt hat: „Wir sind hier gegen die Einführung fremder Juden. Es besteht hier eine Bahn von 260 (engl.) Meilen Länge, welche für die britische Kolonisation sehr geeignet ist. Das Auswärtige Amt soll 200 Meilen besten Landes unerwünschten Fremden geben. Ist die kostspielige Bahn zu diesem Zwecke gebaut worden? Eine Flut von den genannten Leuten würde sicher zu Unruhen mit beit halbgezähmten auf ihre Rechte eifersüchtigen Eingeborenen führen. Es würde ein eigener Stab dazu gehören, sie zu kontrollieren. Ist der britische Steuerzahler, der Eigentümer von Ostafrika, damit zufrieden, daß dieses herrliche, kostbare Land Fremden übergeben werden soll? Würde das Land nach und nach kolonisiert werden, so würde es sicherlich von britischen Kolonialansiedlern ungemein gern ausgesucht werden. Die hiesigen Engländer rufen die öffentliche Meinung, insbesondere derjenigen, welche dieses Land kennen, gegen jene Entscheidung auf. welche die Zukunft dieses Landes in unendliche Schwierigkeiten stürzen würde." Man sieht also, daß mau schon jetzt die Juden in Uganda „unerwünschte Fremde" nennt. Wie soll das erst werden, wenn dort eine jüdische Kolonie begründet wird! Die „Times" dagegen steht dein Projekt nicht so feindlich gegenüber. Das englische Weltblatt ist sogar entschieden f ü r eine jüdische Kolonie, indem es zu dem Telegramnt des Lord Delamare bemerkt: „Es gilt jetzt vielmehr die ettgltschm Staatsmänner zu unterstützen bei ihrem großherzigen Entschluß, die Laudkonzession an eine verfolgte Rasse zu geben, die den Vorzug hat, daß sie wertvolle Freunde und Staatsbürger hervorbringt, an eine Rasse, welche jetzt wieder einmal herabgesetzt wird, aber nur von der Außenwelt, und die ihrem inneren Werte nach nie herabgesetzt werden kann; darum ist die Entstehung einer jüdischen Kolonie in Afrika zu fördern — einer Kolonie, welche, aus den breiten Massen bestehend, zu ihren Pionieren Männer zählen würde, die Wissen haben, die umsichtig sind und die zu führen verstehen." Im Uebrigen wirft das Ostafrika-Projekt bereits jetzt seine Schatten. Folgende Notiz entnehmen wir den rumänischen Tagesblättern.' „Eilte Gruppe junger jüdischer Handwerker in Jassy hat die Absicht, nach Ostafrika auszuwandern. Vorgestern hielt die Gruppe in der Synagoge eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, Fonds für die Ausführung dieses Planes zu sammeln. Es wurde ferner beschlossen, sich an Dr. Herzt ztt wenden und ihn zu bitten, daß er zu Gunsten der Emigranten bei den euglischett Behörden interveniere." Es wäre angebracht, schon jetzt die jüdischen Massen in Rumänien und Rußland vor derartigen übereilten Schritten zu warnen, die geeignet sind, die schlimmsten Folgen nach sich zu ziehen.

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