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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 446 (sequence 4)
Language
German
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446 Segens des Himmels. So du nicht mehr „in Feindesland bist", so du überall als Gleicher unter Gleichen bist, anerkannt und nicht bloß geduldet, da bewährt sich die Macht des Gottesgedenkens, da triumphieren Recht und Sittlichkeit, und genaht ist die Zeit der Ernte sür dich, da du einsanimelst den Lohn für dein Wirken. Sie kommt, diese Zeit, nach all den schmetternden und lärmenden Tonen erschallt die Tekioh gedola, der Jubelruf, der allen Freiheit und Erlösung bringt, der sammelt die Verstoßenen und Verirrten und alle Menschen zum Bunde der Liebe und Treue einet. Möge das neue Jahr die gesamte Menschheit diesem Ziele näher bringen und Israel in dieser Hoffnung gestärkt, zu neuem mutigen Schaffen und Wirken angespornt werden, daß auch lins der Gnadenruf des himmlischen Vaters werde: „Es gibt einen Lohn für euer Wirken, eine Hoffnung für eure Zukunft!" Die Woche. Berlin, 16. September. er einmal die Geschichte der antisemitischen Bewegung schreiben wird, der wird vor allem auf die innere logische Entwicklung derselben achtelt müssen. Was man auch unfern Gegnern sagen kann und muß, zweierlei wird ihnen niemand absprechen können: Die Zähigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele und die teuflische Logik in ihren Plänen. Zuerst ging es gegen die jüdischen Richter, dann gegen die Rechtsanwälte und Notare, hierauf unter der Flagge der Mittelstandspolitik gegen die Kaufleute und Gewerbetreibenden. Nunmehr geht jetzt seit einiger Zeit mit einer der bessern Sache würdigen Beharrlichkeit der Kampf gegen die jüdischen Aerzte los. Es gilt eben, die Juden aus allen Positionen zu verdrängen. Wir herrlich weit wir es nun auch schon auf diesem Gebiete gebracht haben, zeigt uns ein Blick tu die medizinischen Fachzeitschriften. Wenn wir lesen, wie in den Fachblüttern für Arztstellen so oft eüie bestimmte Konfessioll verlangt wird — doch nein, es wird nur ein Christ verlangt, selten rnal ein Katholik, nie ein Jllde —, so deuten uns diese Zeichen zur Genüge, daß es auch faul im Staate der Aerzte ist. Wir können beim besten Willen uns nicht vorstellen, in welchen Wechselbeziehungell das religiöse Bekenntllis zu denr Könllen oder vielleicht zur beruflichen Opferfreudigkeit des Arztes steht. Hub doch lesen wir, daß der Vorsitzende der Badegesellschaft Schwarzort all der kurischen Nehrung einen evangelischen Arzt sucht, dem „nachlveislich" ein Jahreseinkommen voll über 3000 Mark zufallen. wird in einem Ort von ca. 500 Einwohnern; wir lesen, daß die Llmgenheilstätte „Auguste Viktoriastift" in Lippspringe einen evangelischen Assistenten sucht mit 1200 Mark Gehalt, daß in der Provinzialirrenanstalt zu Neustadt in Westpreußen ein Volontärarzt mit „Angabe der Religioll" gesucht wird, daß all der Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke zu Bernburg eine Stelle für einen evangelischell Bewerber frei ist. Diese verlangen offen einen evangelischen Arzt, viele andere, die sich scheilen, es offen anszusprechen, verlangen Lebenslauf ulld Zeugnisse, um — nur einen evangelischen Christen zu nehmen. Die offenen Stellen, bei denen von vornherein auf das Bekenntnis allscheinend fein Gewicht gelegt wird, sind so armselig dotiert, daß die Ausschreibenden sich wohl selber llicht getrauen, auch noch Ansprüche an die Konfession zll stellen, denn die evangelischell Aerzte stehell augenscheinlich höher im Preise als die Katholiken llnd Judell. Mall wolle uns llicht etwa einweudell, daß das religiöse Empfindell der Kranken einen kollfessiollell gleichgesinnten Arzt verlange, selbst well«, was wir llicht annehmen wollen, an den Landes-Heillmd Pflege-, an ben Provinzial-Jrrenaustaltei. oder an der Lllngenheilstütte „Auguste-Biktoriastift" nur evangelische Krallke ausgenommen werden sollten. Oder ist es vielleicht dem wirklich schwer Krankell und schmerzhaft Leidenden nicht ganz gleich, ob sein Leben von einem wie auch immer Andersgläubigen gerettet, oder ob seine Schmerzen und Leiden von einem Religionslosen gelilldert werden, wenn dessen Kunst ihn nur gesllnd macht? Fürchten die hochwohlweisen Herren, die allscheinend mehr für das religiöse Heil der Kranken als für ihre körperliche Heilung besorgt sind, daß ein katholischer Arzt oder eill Jilde Proselhten machen wird? Die soziale Frage des Aerztestandes beschäftigt jetzt mehr als je die öfferltliche Mei llung. Gerade darum aber müssen solche Mißställde unbarmherzig gegeißelt werden. Die hohe Stellung, welche sich die jüdischen Aerzte in Deutschland in der Wissenschaft wie im Leben errungen haben, wird ja trotzdem durch die antisemitische Mellte doch niemals erschüttert werden. * Die „Tägliche Rundschau" bringt wieder einmal einen Leitartikel mit der Ueberschrift: „Die Berliner höheren Lehranstalten und das Judentuul." In letzterem wird das soeben erschienene Schriftchen von Oberlehrer O. Spruth- Charlottenburg „Berliner Schulkalender, Führer dllrch die höheren Schulen Berlins und feine Vororte" in der bekannten tenden ziösell Weise ausgenützt, obwohl dem Schriftchell, wie zugegeben werden muß, jede Tendenz fern liegt. Aber „mit Zahlen läßt sich trefflich streiten, mit Zahlen ein System bereiten." So werden denn aus dem genannten Schulkalender aufs Gerate wohl einige höhere Lehranstalten herausgegriffen, in denen infolge gewisser äußerer Umstände — die jüdische Bevölkerung drängt sich eben in gewissen Stadtvierteln zusammen — der Prozentsatz unserer Glaubensgenossen ein ziemlich beträchtlicher ist. Das sollen mm Zustände sein, die zu denken und zu sorgen geben: „Mögen zehnmal-in Theorien befangene Leute, sowenig sie auch bei anderen Völkern die Rassenverschiedenheit leugnen wollen, den Unterschied zwischen Juden und Germanen nicht sehen wollen oder als ganz belanglos hinstellen; er besteht doch und zwar in sehr aus prägter Form, und es ist gar keine Frage, daß der jüdische Schüler mag er auch sollst seine Vorzüge haben, doch in recht vielen Dingen anders denkt und fühlt als der christliche, daß er, von der Religion ganz abgeseherr — zum Beispiel der Literatur uub Geschichte, nament lieh der deutschen, und sehr vielem, was uns über alles lieb und wert ist. anders gegenübersteht und anders darüber urteilen wird und nluß, und daß er überhaupt beim eigentlichen Unterricht sowohl wie im Verkehr mit Lehrern eine andere Art betätigen, sie wohl auch zum Schaden sür die Gesamtheit und für eine einheitliche, harmonische Durchbildung oft und siegreich zum Durchbruch bringen wird. So ist es delin Tatsache, daß nicht wenige deutsche Familien Berlins —und in manchen anderen großen Städten, wie Breslau und Frankfurt am Main liegt es nicht anders — es recht schmerzlich empfinden, daß das semitische Element in den Schulen, die ihre Killder besuchen, so stark vertreteil ist. Und auch die Arbeitsfreudigkeit der Lehrer leidet darunter, daß in den überfüllten Klassen mehr als die Halste, ja in nicht wenigen Fällen mehr als zwei Drittel ihrer Schüler jüdischer Abstammung ist, so daß oft genug der jüdische Geist die Herrschaft gewinnt, und daß. was sie lehren, nicht den Widerhall findet im Herzen ihrer Schüler, den sie erwarten könnten, wenn diese Schüler Germanen wären wie sie." In diesem erbaulichen Tone geht der Artikel weiter. Jedes Wort der Widerlegung hieße dem Artikel zu viel Ehre antun. Handelt es sich doch durchweg nur längst widerlegte falsche Behauptungen, die dadurch allerdings nicht richtiger werden, daß man sie immer voll neuem wieder auswärmt, wohl aber gefährlicher! Auf eine Tatsache können wir aber nicht umhin, direkt hiuzuweisen, weil sich die „Tägliche

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