Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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'.r* (»7. Jahrgang. No. 38. Berlin, 18. September 1903. eitung desAudmtums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements.preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin j unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITC. i Redakteur: Gustav rttarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig PHMppfon. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Mujshrsgrdandrn. Berlin, 17. September, elches ist Israels bedeutsamstes Gebet an seinen erhabenen Festen? Ist es nur seinen Bedürfnissen und 'einen besonderen Wünschen angepaßt? Oder betet da der inzelne in Juda an erster Stelle um der Erdengüter Glanz, um des Kornes und Mostes Fülle? Es ist gar lehrreich!>araufhin prüfend das Festgebet zu betrachten, denn als wahr i.mfe anerkannt werden, was einer der modernen Streiter im Kampfe gegen das Judentum in seinem epochemachenden Werke niedergeschrieben, daß für jede wahre Religion die Gebete ent- > Heidend seien. Warum betet also der Jude am Neujahrsi?ste und auch am Versöhnungstage im Hauptgebete zu allererst: „So laß denn kommen. Ewiger, unser Gott, deine Furcht über alle deine Geschöpfe und ehrfürchtiges Bangen i or dir über alles, was du erschaffen, daß dich fürchten alle deine Geschöpfe und sich vor dir bücken alle Wesen und sie i lle werden ein Bund, deinen Willen zu tun mit > anzem Herzen . . . Man lese dieses Gebet und wage es noch, Israel der Engherzigkeit zu zeihen, das Judentum rls partiknlaristische Religion auszugeben, ihm Mangel an Universalität zum Vorwurfe zu machen. Mit ihrem Gebete ist sich aber unsere Bekennerschar nur ireu ihrem Hoffen und Wünschen; es ist jenes Gebet nur eines i nter vielen Gebeten, deren Grnndton unser sehnsüchtiges verlangen um die Erleuchtung der ganzen Menschheit und las Nahen des Gottesreiches auf Erden bildet. Israel denkt , ls getreuer Sendbote des Herrn niemals an sich allein, auch dort, wo es Unrecht von sich abwehrt und sich gegen seine Verfolger wendet, kämpft es namens des Gottesgedaükrns, dessen endgültigen Sieg es vorbereiten soll. Der Neujahrstag gilt uns als Weltschöpfungstag; damit ist die Lehre von Gott als dem Schöpfer der Welt ausgesprochen. Kein Zufall und kein Ungefähr herrscht, sondern tat in Gerechtigkeit und Liebe waltender Vater im Himmel, der wie auf den weinenden Jsmael in der Wüste und auf die betende Hanna im Tempel zu Silo, auf jedes seiner Menschenkinder achtet. Die Ueberlieferung läßt ja an unserem Feste dm ersten Menschen aus Gottes Hand hervorgehen »nd spricht damit den bedeutsamen Gedanken aus: die ganze Welt ist nur um des Menschen willen ins Dasein gerufen. Kann es eine höhere Bewertung des Menschen wohl geben? Der Mensch — die Krone, die Vollendung der Schöpfung! Die Welt besteht erst, die Aeitrechnüng beginnt, seitdem die Erde ihren Herrscher hat: den Menschen. Unser Neujahr ist aber zugleich Gerichtstag nicht nur deshalb, weil Gott, der die Fäden und Lose der Welt in Händen hat, über Menschen und Völker bestimmt und richtet, als vielmehr damit der Mensch sich selbst vor Gericht lade. Die Lehre von dem freien Menschen, der sündhaft wird durch seine Schuld, wie seine Tugend sein Ruhm ist, das ist der zweite köstliche Gedanke, den unser Fest versinnbildlichen will. Die Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, das ist auch das große Geschenk, mit dem wir die Menschheit bedacht haben. Wie ein freier Gott die Welt und der Menschheit Geschicke leitet, so ist auch frei der Mensch, der die höchsten Stufen der Menschenbestimmung erklimmen kann oder sich in den Niederungen des Erdendaseins zu verlieren vermag, je nachdem er will. Der Mensch kann sündigen, kann sich aber wieder erheben, kann abwerfen die Fessel der Leidenschaft und die Bande des Lasters, er besitzt hierzu die Kraft und Einsicht. Jedem Menschen ist hierfür die gleiche Fähigkeit geworden, denn in einem jeden webt in gleicher Weise Geist von Gottes Geiste. E i n Gott hat alle Menschen erschaffen und eines Vaters Kinder sind sie alle. Der Menschen schönster Gottesdienst ist daher Betätigung von Menschenliebe. Darum sprengte im alten Israel bei Beginn des Jubeljahres der erste Schofarton auch dem Geknechteten seine Ketten, ledig wurde der Sklave seiner Fessel, und in dem Augenblicke, da ein jeder zurückkehrte zu seinem Besitze, erhielt ein jeder seinen höchsten Besitz zurück: die persönliche Freiheit. Diese drei grundlegenden Wahrheiten: Gottes Welten - schöpfung und Vorsehung, der „unendliche Wert der Menschenseele" und die Freiheit des menschlichen Willens, die Idee der uneingeschränkten Menschenliebe iverden alljährlich durch Schofarton Israel von neuem eingeschärft, damit es der Bringer und Träger derselben, sie nimmer vergesse und fortgesetzt für sie eintrete, unaufhörlich willig und freudig für sie trage und dulde, kämpfe und streite. Gewiß ist unsere Mission ja noch nicht erfüllt. Wo es Unglückliche genug gibt, die ihr Glück suchen im Berauben Wehrloser und in der Kränkung Hilfloser, wo noch die Welt unter Waffen starrt, weil Völker einander nicht trauen, wo überall Engherzigkeit und Haß und Groll das Szepter führen, wo von Liebe soviel geredet wird, statt Liebe zu betätigen, da ist der Gottesgedanke fürwahr noch nicht wirksam genug, da bedarf es noch des lebendigen Zeugen und Verkünders der göttlichen Allmacht und Liebe. Ja, Israel, so sicher es einen Lohn für dein Wirken gibt, so ist deine Aufgabe noch nicht verjährt. Dies wird dir zu Beginn des neuen Jahres von neuem eingeschärft, auf daß du von neuem deinen Bund mit deinem Gotte erneuerst, zu bleiben der laute Mahner im Streite um des Lebens höchste Ideale, im Kampfe für Gott und Glauben, für Recht und Menschenliebe. Du Israel bist ja für alle Zeit der Gradmesser für die Kultur und Gesittung der Völker, in dir erblüht ihnen der