Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 sowohl in humanitärer, wie bildungssördernder Hinsicht viel Gutes geschaffen, das bleibenden Wert hat. Ganz besonders hat sich das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz zu Königsberg ihrer herzlichen Teilnahme zu erfreuen, der sie erst eben wieder durch eine reiche Schenkung zur Errichtung einer „Moritz und Henriette Becker- Stiftung", die den Zwecken eines Neubaues des Waisenhauses dienen soll, Ausdruck gegeben hat. Für ihre mannigfachen Verdienste um die Anstalt ist Frau Geheimrat Becker zum Ehrenmitgliede des Waisenhauses ernannt worden. Die Dame zählt ferner neben ihrem verstorbenen Gatten zu den Mitbegründern des israelitischen Studien- Beförderungsvereins für Ost- und Westpreußen, dem sie einst bedeutende Summen zürn Gründungsfonds zuwendete. Der Pensionskasse für jüdische Kultusbeamte in Ostpreußen ist sie von jeher eine besondere Gönnerin gewesen; auch gehört sie dem Lokalkomitee sür das israelitische Lehrerinnenheim zu Berlin-Steglitz als eifriges Mitglied an. So vereinigten sich an dem Tage ihres siebzigsten Geburtstages viel Kreise mit herzlichen Glückwünschen sür die verehrte Frau. Möge ihr noch ein langer Lebensabend beschieden sein, zum Segen der zahlreichen Humanitären Bestrebungen, die sich ihrer Förderung erfreuen. 1'. Allenstein (Ostpr.), 4. September. Auf Veranlassung des Herrn Rabbiner Dr. Olitzki, Hierselbst, ist Mitte des vorigen Monates eine „Literarische Vereinigung jüdischer junger Leute", hier gegründet worden. Zweck derselben ist die Mitglieder durch geeignete Vorträge mit der jüdischen Literatur und Geschichte bekannt zu machen. Dieser Vereinigung finb bei der Gründung unter dem Ehrenvorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Olitzki circa 20 Herren als Mitglieder beigetreteu, die ein sehr reges Interesse bei der Sache bekunden. c. Rogaseir, 1. September. Für den zum 1. September nach Gleiwitz berufenen Kantor und Neligionslehrer Herrn H. Markus veranstalteten die Gemeindemitglieder am Sonntag abend eine Abschiedsstier. Herr S. Ruschin, Mitglied des Korpsvorstandes, widmete dem Scheidenden feierliche Worte des Abschieds. Lehrer Brock toastete alsdann aus Frau Kalltor Markus. Ernste und heitere Reden und Gesänge wechselten ab. Die erhebende Abschiedsfeier zeigte, welcher Beliebtheit Herr Markus sich zu erfreuen hatte, obwohl er erst zwei Jahre hierorts amtierte. I. Dresden, 3. September. In unferm schönen Sachsenlande hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet: In dem nahen Birkwitz wurde ein jüdischer Gutsbesitzer, Herr Immanuel Ephraim, zum Gemeindevorsteher einstimmig gewählt. Zwar wollte der Amtsvorsteher die Wahl nicht bestätigen, mit der Motivierung, daß ein Jude doch in einer christlichen Gemeinde nicht Obrigkeit sein könne. Aber ein Rekurs an den k. Kreishauptmann genügte, um diese Bedenken hinwegzuräumen. Bei der Eillführung des neuen Gemeindevorstehers erklärte der betreffende Beamte trotzdem, daß er all seiner ursprünglichen Anschauung festhalte, sich aber der Entscheidung der Vorgesetzten Behörde selbstverstäildlich füge. Hoffentlich wird der jüdische Gemeindevorsteher, der sich weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus allgemeiner Achtung erfreut, der: Herren beweisen, daß auch ein Jude sehr gut geeignet ist, die Geschäfte einer Gemeinde treu und sorgsam zu führen sowie deren Wohl zu fördern. — Ballenstedt, 3. September. Der Ehrenbürger unserer Stadt Herr Sieskiud Sieskind aus Leipzig traf am 27. v. M. abends hier ein und überwies alsbald Herrn Bürgermeister Mendt eine größere Summe zur Verteilung an die Armen. Am gestrigen Tage, denl 70. Geburtstage des Herrn Sieskilld, wurde demselben von der Stadtkapelle morgens ein Ständchen gebracht. Darauf wurden dem Jubilar durch den Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher unter Ueberreichung eines prachtvollen Blumenkorbes, dessen Bänder die Stadtfarben zeigten, die Glückwünsche der Stadt ausgesprochen. In der Ansprache des Bürgermeisters hob derselbe die Verdienste des Ehrenbürgers hervor uild betonte den einstimmigen Beschluß des Gemeinde - rates. durch welchen zum dauernde« Gedächtnis die neu zu errichtende Straße zwischen Allee und Poststraße den Namen des Ehrenbürgers tragen und „Sieskind-Straße" benannt werden soll. Der Jubilar dankte tief gerührt und versicherte, daß er sowohl wie seine ganze Familie durch den Beschluß sich hoch geehrt fühlten. Er teilte mit, daß er durch die Gnade Sr. Hoheit des Herzogs zum Geheimen Kommerzienrat heute ernannt sei ul,d schloß seinen Dank mit einem Hoch auf seinen Landesherrn, dem Herzog Friedrich von Anhalt und seine Heimatstadt Ballenstedt. Darauf brachte mit einer wundervollen Blumengabe der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde seine innigen Glückwünsche dar. Um 2 Uhr fand im Großen Gasthof hier eine größere Festtafel statt, an welcher eine große Anzahl von Mitgliedern der Familie Sieskind aus Nah und Fern teilnahmen und zu welcher Herr Bürgermeister Wendt und Herr Stadtverordnetenvorsteher Höhne sowie der israelitische Gemeindevorstand Herr Simon und Herr Cohn eingeladen waren. Zahlreich waren die Glückwünsche, welche voll Nah und Fern eintrasen. Das Rathaus hatte zum festlichen Tage des Ehrenbürgers Flaggenschmuck angelegt. 3. K. Luxemburg, 30. August. Gestatten Sie einem langjährigen Freunde des Verstorbenen Jhnell einiges Wesentliche alls dem Lebensgange unseres seligen Rabbiners mitzuteilen. Dr. Blumenstein wurde 1871 hierher berufen. Die Ideale, die dem Jüngling während seiner Studienzeit vorschwebten, suchte er als Mann in seiner Gemeinde zu verwirklichen. Ausgerüstet mit grülldlicher Gelehrsanlkeit, war es sein größtes Vergllügen, in geselliger Unterhaltung anderen die Früchte seilies Fleißes mitgenießen zu lassen. Seine Predigtell hatten nur das eine Ziel, seine Zuhörer mit den Wahrheiten des Judentllms so zu durchdringen, wie er selbst davon begeistert war. Sein ganzes Wirken und Streben galt nur seiner Gemeinde und der Veredelung ihrer Mitglieder; aber auch die äußere Form ließ er nicht aus den Augen. Und so widmete er zwei volle Jahre seine ganze Tätigkeit dem Bau des neuen Gotteshauses, welches der Stadt zur Zierde gereicht. Besonders an hohen Festtagen gestaltete sich der Gottesdienst unter seiner Leitung zu einer erhebenden Feier; alle waren gebannt unter dem Eindrücke der Ermahnungen, die er an seine Zuhörer richtete, und der Wärme, mit der er eillzelne größere Gebetstücke vortrug. Sein rastloses Streben rief Krankenulld Wohltätigkeitsvereine ins Leben; seine letzte Gründung war die eines Jünglingsvereins, dem er durch belehrende Vorträge die geistige Nahrung zuführte. Wie er für den Krallkenverein der tätigste Anwalt war, hat er auf seinem letzten Gange zum Lager eines Sterbenden durch seinen Tod besiegelt. Auch verdankt die Gemeinde seiner Initiative die Anlegung des neuen Friedhofes. Die Anerkennung für sein treues, selbstloses Wirken fand ihren beredtsten Ausdruck in den Dankesworten, die vom Vorstande bei Gelegenheit seiner 25 jährigen Amtstätigkeit an ihn gerichtet wurden; gelegentlich seiner silberneil Hochzeitsfeier wetteiferte die Gemeinde, dieses Familienfest zu eillem allgemeinen zu machen. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer Landestrauer. Unsere Glaubensgenossen aus dem ganzen Ländchen, dem benachbarten Lothringen und der Rheinprovinz waren herbeigeeilt, dem verehrten Landesrabbiner die letzte Ehre zu erweisen, die städtischen und Regierungsbehörden, die Einwohner der ganzen Stadt nahmen teil aur Leichenzuge, der nach Tausendell zählte und auf dem Wege von mehr als einem Kilometer die ganze Straßenbreite einnahm. Obschon der Verstorbene in einer letztwilligell Verfügung bestimmt hatte, sein Begräbnis solle ganz einfach veranstaltet, keine Rede sür ihll gehalten und außer Namen und üblichen Daten keine Worte auf seinen Leichenstein gesetzt werden, so konnte man doch eine so imposante Kundgebung nicht verhindern, daß Gemeinde, Stadt und Land dahin strebten, der Trauer um ihren allverehrten Rabbiner Ausdruck zu geben. Nachdem der Sarg in der schwarzdekorierteu Synagoge angelangt, intonierte der Synagogenchor den Psalm: Was ist der Mensch? als Recitativ mit dem Vorsänger Herrn Fuchs, dessen klangvoller Vortrag die Trauerversammlung in eine weihevolle Stimmung versetzte. Hierauf hielt Rabbiner Ury aus Straßburg die Gedenkrede, in der er den Lebenslauf des Verstorbenen uild seine Verdienste um das Gedeihen der Gemeinde in belvegten Worten schilderte. Am Grabe sprach noch Oberrabbiner Dr. Baßfreund aus Trier Worte des Trostes für die tiefgebeugte Gattin und Kinder. So endete die erhebende Trauerfeier für einen Mann, dessen Andenken in der Gemeinde nie erlöschen wird. Gesterreich-Aligsrn. □ Wien, 7. September. Am 29. v. M. abends lvurde in der Synagoge in Fünshaus der neue Rabbiner Dr. Grunwald als Seelsorger sür die Bezirke XII bis XV feierlich installiert. — In Baden bei Wien ist im Alter von 87 Jahren der Hauptmann d. R. Moriz Neustadtl gestorben, das Leichenbegängnis fand mit militärischen Ehren auf dem Badener Friedhofe statt. — Verschiedene Blätter erzählen das folgende Geschichtchen: Als sich zu Beginn des Sommers Kaiser Franz Joseph in der Hofburg zu Ofen aufhielt, meldete sich daselbst Frau Witwe Adolf Duschanek aus Szegedin zur