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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 London oder anderen Plätzen znrückkommen und im Bureau des Hilfsvereins darum bitten, nach Rußland zurückgeschafft zu werden. Diese Rücksendung geschieht in jedem Falle, sobald man überzeugt ist, keinen berufsmäßigen Schwindler vor sich 31t haben. Denn leider kommen auch Fälle vor, in denen berufsmäßige Schnorrer die öffentliche Mildtätigkeit unter dem Vorwände, daß sie ans Kischinew stammen, zu mißbrauchen versuchen. Die verhältnismäßig starke Rückwanderung ist die beste Rechtfertigung für den Beschluß der Konferenz, eine Emigration, die unter allen Umständen planlos gewesen wäre, nach Kräften hintanznhalten. ----- Berlin, 8. September. Dem Bureau des Deutsch-Israelitischen Genreindebundes geht soeben eine gemeinsame Verfügung der Herren Minister der Justiz, der Finanzen und des Innern an den Vorstand des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie und Asyl in Weißensee bei Berlin" vom 26. August d. I. zu. wonach der die Rechtsfähigkeit bereits besitzende Verein als milde Stiftung anerkannt wird. Dem Verein steht hiernach im gesetzlichen Umfange Befreiung von der preußischen Stempelsteuer, der Erbschaftssteuer und den Gerichtsgebühren zu. In diesem Erlaß darf wohl ein neuer Beweis der von den höchsten Staatsbehörden dem gemeinnützigen Zwecke des genannten Vereins gezollten Anerkennung erblickt werde,«. Neben diesem moralischen Wert ist aber auch der materielle nicht zu unterschätzen. Nunmehr können Wohltäter der Arbeiterkolonie Schenkungen und letztwillige Zuwendungen in beliebiger Höhe gewähren, ohne daß ein nicht unbeträchtlicher Teil (vier vom Hundert) dem gewollten Zweck entfremdet wird. Es ist dem genannten Institut zu wünschen, daß ihn« nunmehr das Interesse unserer Philanthropen in erhöhtem Maße zu teil wird. Denn die Aufgaben der Arbeiterkolonie sind überden von den Leitern selbst gezogenen Rahmen weit hinausgewachsen. Statt der für das Jahr 1903 veranschlagten Besetzung mit durchschnittlich 50 Mann, ist eine solche von 70 Kolonisten zu verzeichnen, so groß ist der Zudrang der Arbeitswilligen gewesen. Hierzu kommen noch durch mehrere Wochen 10 Flüchtlinge aus Kischinew. Es ist bisher gelungen, allen Schützlingen Beschäftigung zu verschaffen, lieber die Bedeutung dieser sozialen Leistung brauchen wir uns an dieser Stelle nicht zu verbreiten. Man wird aber einsehen, daß die Vereinsleitung in gesteigertem Maße auf das Wohlwollen weiter Kreise angewiesen ist. Für den Verein bestimmte Geldsendungen und Zuschriften beliebe man an das Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Berlin W, Steglitzerstraße 85, zu adressieren. Beabsichtigte Naturalienspenden, insbesondere die sehr erwünschte Zuwendung von gebrauchten Kleidungsstücken, sind direkt zu melden der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee, Wörthstraße 20, Telephonamt Weißensee, Nr. 192. — Berlin, 8. September. Herr Rabbiner Dr. Rosenak hat den Bericht über seine vierwöchentliche Reise durch Galizien dem geschäftsführenden Vorstand des Nabbinerverbandes — in dessen Auftrag diese Emissionsreise unternommen wurde — unterbreitet. Der Bericht ist ein interessantes, nach mehr als einer Richtung hin wichtiges Dokument für die Beurteilung galizischer Verhältnisse und bestätigt das, was der Berichterstatter in seinem Referat über Be. kämpfung des Mädchenhandels bei der Rabbinerversammlung in Frankfurt a. M. im Juli v. I. über dieses Thema gesagt hat. Es sind tief traurige Verhältnisse, die hier geschildert werden. Die Armut ist eine erschreckend große lind nimmt von Tag zu Tag eher zu als ab — trotz der regen Tätigkeit die von unzähligen Vereinen und Wohltätigkeitsanstalten in Galizien entwickelt wird. Man kann demnach den galizischen besser situierten Juden keinen Vorwurf machen, daß sie sich ihrer armen Brüder uicht annehmen. Sie würden aber viel mehr leisten können, wenn alle Kräfte sich vereinigten und mau sich nicht auf Almosen allein beschränken, sondern in Gemeinschaft mit den großen ausländischen Hilssvereinen zu einem großen Hilfswerk organisieren würde. Nicht durch Almosen können die Mißstände in Galizien abgestellt werden, sondern durch tatkräftige Förderung der in der armen Bevölkerung schlummernden eigenen Kraft. Wie dies am zweckmäßigsten geschehen kann, dafür liefert der Bericht ein wertvolles Material, welches der am 15. und 16. September in Lemberg stattfindenden großen Versammlung zum Ausgangspunkt der Erörterungen dienen wird. Das Zustandekommen dieser Versammlung, zu welcher sämtliche in- und ausländischen Hilssvereine Vertreter entsenden werden, ist bereits ein Erfolg der Emissionsreise. Herr Rabbiner Dr. Rosenak war es nämlich, der bei seiner Allwesenheit in Lemberg den Beschluß zur Einberufung dieser Versammlung erlvirkt hat. Hoffen wir, daß die persönlichen, selbstlosen Bemühungen des Herrn Dr. Rosenak nicht umsonst gewesen sind, und daß, wenn auch nicht gleich alles, so doch vorläufig ein Teil von dem, was in dem Berichte als Programm für die Versammlung aufgestellt ist, zur Befriedigung aller wahren Menschenfreunde erledigt wird. F. Berlin, 4. September. Die diesjährige Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg fand hier in Dräsels Festsäle statt. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden Dr. Fiegel trat die Versammlung in eine Erörterung der von Dr. Kellermann zu seinem vorjährigen Referate: „Die Psalmen im Religionsunterricht" ausgestellten Thesen. Dieselben wurden mit geringfügigen Aenderungen in folgender Fassung angenonlmen 1. Aus der Unterstufe der höheren Schulen, sowie auf der Unter- und Mittelstufe der Volksschulen sind Kernsprüche aus Psalmen zu besprechen mld als Memorierstoff zu verwenden. Ihre Verwertung für den Geschichtsunterricht kann nur darin bestehen, daß die ethischen und religiösen Grundgedallken biblischer Erzählungen durch Sprüche aus den Psalmen beleuchtet werden. 2. Auf der Mittelstufe höherer Schulen und der Oberstufe der Volksschulen sind leicht faßliche Psalmen mit Rücksicht aus ihre ethischen und religiösen Ideen zu besprechen und als Memorierstoff zu verwenden. Eine geschichtliche Ergänzung des biblischen Stoffes durch diePsalmen darf nur unter Berücksichtigung der Ergebnisse derkritisch-historischellBibelwissenschast erfolgen. 3. Auf der Oberstufe höherer Schulen werden auch schwierigere Psalmen im Sinne der zweiten These behandelt. Ferner ist hier auch besonders auf den historischen Hintergrund hinzuweisen, dem die Psalmen ihre Entstehung verdanken. Endlich ist auf dieser Stufe auch die ästhetische Bedeutung der Psalmen zu berücksichtigen. 4. Sofern die Psalmen im hebräischen Unterricht zur Verwendung kommen, findet das in These 2 und 3 Gesagte Anwelldung. Auf der Oberstufe der höheren Schulen kann hierbei noch eingehender die ästhetische Seite Berücksichtigung finden. Hierauf hielt Kollege Ftanter ein kurzes Referat über: Ausgewählte Gebete und Psalmen von Dr. S. Apolant. In der sich anschließenden Diskussion stimmte die Versammlung mit dem Referenten darin überein, daß durch das Buch die Lücke, die auszufüllen es bestimmt war, nicht ausgefüllt sei. Kollege Tichauer erstattete nun den Bericht über das verflossene Vereinsjahr und forderte hierbei zu reger persönlicher Teilnahme au der Vereinstätigkeit auf. Die Entlastung des Schatzmeisters erfolgte statutengemäß. In der hierauf stattgefundenen Vorstandswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt, außerdemKollege Bellack-Frankfurta.O.zum zweiten Vorsitzenden. Der Vorstand besteht nuurnehr aus Dr. Fiegel-Berlin, I. Vorsitzender; Lehrer Bellack-Frankfurt a. O.. II. Vorsitzender; Lehrer Tichauer- Berlin, I. Schriftführer; Lehrer Goldschmidt-Köuigsberg <N.-M.), II. Schriftführer; Lehrer Weber-Berlin, Schatzmeister. Zwei Anträge von Mitgliedern lagen vor: 1. Für die uuglücf liefen Glaubensgenossen in Kischinew 10 Mark aus der Vereinskasse zu spenden. 2. Die Versammlungen nur einmal im Jahre während zweier Tage ftattfinben zu lassen. Beide Anträge wurden angenommen und als nächste Versammlungszeit zwei Tage im Dezember in Aussicht genommen. Damit schloß die Sitzung. Die meifteu Teilnehmer hielt ein gemeinsames Mittagsmahl noch länger beisammen. r. Königsberg i. Pr., 6. September. Am heutigen Tage feierte Frau Geheime Kommerzienrat Henriette Becker hier ihren siebzigsten Geburtstag. Der Tag wurde von vielen, besonders in ihrem Heimatsorte, mit freudiger Teilnahme begangen. Frau Geheimrat Becker hat sich allezeit als eine eifrige Förderin humanitärer Bestrebungen erwiesen und darin viel geschaffen. Ihrer Anregung verdankt die Samlandküste die Einrichtung der Rettungsstation für Schiffbrüchige zu Schwarzort. In Königsberg wurde sie die Begründerin des Vereins „Frauenbildung—Frauenstudium", eines Zweigvereins des allgemeinen Frauen-Studrenvereins. Der Königsberger Hochschulverein „Verein sür sortbildende Vorträge" wurde im Jahre 1893 auf ihre Anregung in ihrem Hause und mit ihren grundlegenden Mitteln gegründet. Ebenso hat sie die Gartenbauschule für Frauen in Königsberg ins Leben gerufen und den Verein zur Förderung der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Frauen schaffen helfen. Einer ganz besonderen Teilnahme seitens der Frau Geheimrat Becker haben sich noch die speziell jüdischen Interessen ihres Heimatskreises zu erfreuen. Sie hat gerade auch auf diesem Gebiete

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