Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Audienz. Sie schilderte ihre Familienverhältnisse. Sie sei die verarmte Witwe eitles Grundbesitzers und habe einen einzigen Sohn, der mit Auszeichnung das Qbergymnasium absolviert und eine unüberwindbare Neigung zum Militärstande habe. Sie bat um die Aufnahme ihres Sohnes in eine Militärakademie. Als der König schweigend diese Bitte anhörte, bemerkte die Frau schüchtern: „Mein Sohn ist Jude; wenn es aber notwendig ist. wird er auch zum Christentum übertreten." „Nicht notwendig," erwiderte der König huldvoll, „wenn er eine so große Neigung für die militärische Lausbahll empfindet, lvird er in eine militärische Akademie ausgenommen werden, ohne daß er den Glauben seiner Väter verleugnen müßte." Bald darauf erhielt Frau Duschanek aus der Wiener Kabinettskanzlei die Verständigung. daß ihr Sohn vollständig gebührenfrei in die Budapester Honved-Akademie ausgenommen ist. Frankreich. 8. Paris, 4. September. Einen schweren, ja unersetzlichen Verlust hat das Gesamtjudentum durch den am 2. d. M. erfolgten Tod von Vernard Lazare erlitten. Lazare wurde 1868 zu Nimes geboren, studierte zu Paris und wandte sich alsbald der Literatur und dem Journalismus zu. Die Mitteilung antisemitischer Blätter: „Lazare hieß einst Lazarus und war Rabbiner in Ostpreußen, er mußte wegen verschiedener Dillge schleunigst über die Grenze gehen, wurde in Paris Anarchist" ist natürlich von Anfang bis Ende — erlogen. Vielmehr hatte er sich schon in jungen Jahren kopfüber in die Sturm- und Drangperiode der jungen französischen Schriftstellerschule gestürzt und an zahllosen Revuen und Tagesblättern mitgearbeitet. Er versuchte sich auch mit großem Erfolge in der Pariser Chronik und war bereits ein sehr gesuchter Mitarbeiter der Boulevardsblätter, als er sich, der erste in der gesamten Pariser Presse, des Falles des Hauptmanns Drehfus bemächtigte und in zwei sensationellen Flugschriften („La verite sur Taffaire Dreyfus“, „Comment on condamne un Innocent“) die Unschuld des Gefangenen von der Teufelsinsel nachzuweisen suchte. Er war somit der eigentliche Urheber der Revision des Prozesses von 1894 und wurde als solcher auch von allen Verteidigern der Wahrheit und Gerechtigkeit angesehen. Durch seine leidenschaftliche Parteinahme für Dreyfus verschloß Bernard Lazare sich für lange Zeit die Türen der meisten Pariser Redaktionen und gab nur noch ab und zu der „Aurore" einige Artikel. 1896 hatte er ein Duell mit Ed. Drnmont. In den letzten Jahren beschäftigte sich Bernard Lazare sehr eifrig mit der Lage seiner jüdischen Glaubensgenossen in Runlänien und Rußland. Seine Reise nach Rulnänien 1902 ist bekannt. Ebenso seine Schriften: „L’Antisemilisme, sou historie et ses causes“, „Les juifs de Romaine“. Die russische Regierung machte ihm noch vor kurzem das Anerbieten, auf ihre Kosten die russischen Provinzen zu bereisen und die dortige jüdische Bevölkerung durch seinen Einfluß dahin zu bringen, daß sie sich jeder Beteiligung an der revolutionären Bewegung enthalte. Bernard Lazare lehnte dieses Anerbieten kurzweg ab. Lazare war auch eine Zeitlang einer der entschiedensten Anhänger des Zionismus, dann aus theoretischen Gründen ein Gegner desselben. Bald nach Beendigung des Dreyfus-Handels erhielt er eine Berufung als Professor für jüdische Geschichte an die freie Universität in Brüssel. Sein jäher Tod überraschte nur diejenigen, denen es unbekannt war, daß Bernard Lazare trotz seines kräftigen Aussehens unheilbar au der Tuberkulose erkrankt war. Inmitten seiner rastlosen Tätigkeit ist er uns entrissen worden. Mit ihm scheidet einer der wackersten und energischsten Vorkämpfer des Judentums aus unseren Reihen. Seine Verdienste bleiben unvergessen; sie gehören der Geschichte an, die den Namen Bernard Lazare als einen der mutigstell Kämpfer für die Sache des Judentums stets in Ehren nellnen wird. Grotzbrilsnntea. — London, 3. September. Angriffe auf jüdische Arbeiter in Südwales werden aus Dowlais gemeldet. Eine größere Anzahl Juden, meistens russischer und rumänischer Herkunft, ist in den dortigen Schieferbrüchen beschäftigt. Die irischen und. auch die anderen Arbeiter sind damit sehr unzufrieden und weigern sich vielfach, mit den Juden zusammen zu arbeiten. Die ersten Anzeichen einer ernsten Lage traten am 31. August auf. An diesem Tage wurden zwei jüdische Arbeiter auf der Landstraße angegriffen. Am nächsten Tage wurde eine Abteilung von 20 jüdischen Arbeitern an derselben Stelle belästigt. Sie leisteten entschlossenen Widerstand, bis sich eilte feindlich gesinnte Volksmenge ansammelte, vor der sie fliehen mußten. Mehrere von ihnell wilrden bei diesem Zusammenstoß verletzt, darunter einer ernstlich. Später sammelte sich eine große Menschenmenge vor der Einfahrt in die Schieferbrüche an, um dort das Erscheinen der jüdischen Arbeiter abzuwarten. Die Häuser der letzteren wurdelr mit Steinen bombardiert. 300 von ihnen tarnen gestern aus Furcht vor der aufgeregten Menge in den Straßen nicht zur Arbeit. Eine starke Polizeimacht gab ihnen dann Geleit und blieb lvährend des ganzen Tages im Dienst. Von Kah und jfrrn. — Den Magistratsassessoren Dr. Meyer I, Dr. Ledermann, Dr. Brasch und Hamburger ist die Amtsbezeichnung „Magistratsrat" beigelegt worden. — Ein Gnadengeschenk von 50 Mark hat der Kaiser einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden jüdischen Frau in Gnesen zukommen lassen. — Die israelitische Gemeinde zu Beuel hat am 28. v. M., die Gemeinde zu Limburg am 5. d. M. ihre neue Synagoge eingelveiht. — Von Dr. Böckel in Marburg, dem ersten antisemitischen Abgeordneten im Reichstage, sagt die zuletzt von ihm geleitete „Deutsche Hochwacht" auf Anfrage: „Dr. Böckel hat sich seines Gesundheitszustandes wegen völlig von der Politik zurückgezogen." — Nach der nunniehr vorliegenden anltlichen Statistik über die letzten Reichstags Wahlen haben die Antisemiten 244543(2,6) Stimmen gegen 284 250 (3,7) im Jahre 1898 aufgebracht. — Der ehemalige Rabbiner in Faaborg (Dänemark) M. Wallach, ist im Alter von 70 Jahren gestorben. In den letzten Jahren lebte er in Kopenhagen. — Auf Veranlassung von Dr. E. Morpurgo hat sich in Mailand ein „Komitee zur Gründung eines Seehospizes für arme jüdische Kinder" gebildet. Die Kinder werden in Riccione, einem am Meere gelegenen Orte, der Obhur des Bürgermeisters anvertraut und befinden sich unter der Beobachtung tüchtiger Aerzte und der besonderen Aufsicht einer Vorstandsdame. Die Kosten für ein Kind betragen ca. 100 Lire für den Sommer. — In Salonicht ist am 25. v. M. der Divisionsgeneral Dr. Jacques N issim Pascha, Chefarzt des dritten Armeekorps und Generalsanitätsinspektor der Vilajets von Monastir, Cossova und Salonichi, im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung bei der Behandlung eines bulgarischen Insurgenten gestorben. Er war der erste Jude, der diesen hohen Rang inne hatte und der Sultan schätzte ihn sehr hoch. An dem Begräbnis nahmen 40 000 Menschen teil. Der Großrabbiner Modiano hielt die Grabrede. — Eine Antisemitenversammlung in Belgr a d verhinderten die Sozialisten, die sich gegen die Aufwerfung der Judenfrage erklärten. — Der Bischof von Cremona, Monsignore Bonomelli hat soeben unter dem Titel „Gegen den Antisemitismus" eine Schrift veröffentlicht, in welcher er diese „schmachvolle Bewegung" als nicht nur ungerecht, sondern „in ihrem innersten Wesen unchristlich" scharf vei> urteilt. — Das Testament des bekannten Londoner Rechtsanwalts Sam Lewis, der im Januar d. I. starb, hat jetzt die gerichtliche Bestätigung erhalten, wodurch Wohltätigkeitsanstalten und andere öffentliche Institute Zuwendungen von 50 Millionen Mark erhalten. Der Gesamtbetrag der Legate wird auf 60 bis 80 Millionen Mark beziffert. Das größte Vermächtnis, 8 Millonen Mark, ist zum Bau von Wohnstätten für Arme bestimmt und soll durch einen verantwortlichen Ausschuß verwaltet werden. 5 Millionen Mark erhält der Londoner Hospitalfond, 2 Millionen Mark das Komitee der jüdischen Wohltätigkeitsanstalten. Außerdem sind noch zahlreiche andere'Legate ausgesetzt. — Ein furchtbarer Brand hat, wie aus Serajewo gedrahtet wird, in Trawnik 600 Häuser, darunter die Synagoge, eingeäschert. — Der entlassene russische Finanzminister Witte soll Freunden gegenüber geäußert haben, daß er ein Opfer seiner judenfreundlichen Gesinnungen sei. Das wird wohl kaum stimmen. — In Philadelphia ist Moses Polock im 87. Lebensjahre am 14. v. M. gestorben. Er war der erste Verleger und Buchhändler in den Vereinigten Staaten. — Die Vorschläge der englischen Negierung, in Uganda die Gründung einer jüdischen Kolonie zu gestatten, sind natürlich nach Mombassa telegraphiert worden, und haben dort Proteste hervorgerufen. Man ist im Begriff, energisch gefaßte Protesterklärungen an das auswärtige Amt zu senden. Die Strecke zwischen Nairobi und dem Mau-Hange, entlang der Uganda-Bahn, wird gerade für eine der besten, wenn nicht die beste des Landes gehalten, und es erregt große Aufregung, daß dieselbe an Fremde fortgegeben werden soll.