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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 443 (sequence 13)
Language
German
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443 zu beeinträchtigen, seine Stellung zu erschweren und ihn persönlich zu kränken. Mit den „anderen" aber hat er sich gut reingelegt, und wenn ein Tag is gekommen, wo die Frau Rabbinerin ihn hat starr angesehen und hat nicht auf seinen Grnß gedankt, weil er mit Josua Krvtoschiner ist zusammengegangen übern Ring, so is ihm recht geschehen. Die ganze Khille hat sich gefront über die mutige Frau, und wers nicht hat laut gesagt, hat es sich innewendig gedacht und der Führer der Schwarzen hat gekriegt die Platze. Kreideweiß soll er sein geworden. Alle Leut«, die auf der Straß gestanden sind, wie sie haben sich begegnet, haben es gesehen. Und wie er nächsten Schabbes is irr Schul gekommen, is er beim Rabbiner vorbei auf seine Stelle gegangen, ohne sich umzudrehen .... Und wenn schon, haben die Leut gesagt, und über ihn gelacht. Die Geschicht mit Josua Krotoschiner muß ich Ihnen aber noch erzählen, Herr Doktor, damit Sie erfahren, was an ihm war. Und so aus dem Hundertsten ins Tausendste kommend, und in jenem eigentümlichen Sprachengemisch, das seine Erzählungsweise charakterisierte, bald im Jargon der alten Kehilla, bald in den gebildetsten Ausdrücken berichtete er inir noch die Geschichte von Josuas Konkurs. „Sie müssen nämlich wissen, Herr Doktor, Krotoschiner hatte ein großes Spiritusgeschäft und Destillation, an der Ecke vom Ring, im eignen Hause. Er hatte aus reicher Familie geheiratet, eine geborene Steindorf, die eine große Mischpoche hatte, lauter ganz orthodoxe Leute, bei denen Josua sich eingeschmeichelt hatte durch falsche Frönnnigkeit. Ich war immer überzeugt, daß er ein Heuchler sei, aber wenn er so mit seinem biedern Gesicht und mit seiner Freundlichkeit ankam, glaubten ihm die Leut doch und schenkten ihm Vertrauen. Sein Geschäft ging sehr gut, er »nachte großen Aufwand in seinem Hause und galt als sehr reich. Er ist es auch sicher gewesen, und wenn er mit.starkem Kredit gearbeitet hat, so lag das in der Art seiner Geschäfte. Josua Krotoschiner hat jeder für gut gehalten und »vie damals das Unglück hat angefangen, hat kein Mensch gedacht, es könnte ihm was passieren. Mit einmal, wie man hat gehört von immer größere Leut, was sind Pleite gegangen, hat's geheißen, Josua hat einen Wechsel prolongiert und noch einen und noch ä mal. . . man hat's nicht wollen glauben, aber Saul Guttentag, sein Schwager, hat es selbst bestätigt, und mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Wie haißt? Heut zu Tag. die ganze Welt wackelt... warum soll Josua Krotoschiner nicht wackeln? Friedenthal is wenig groß dagestanden und hat müssen dran glauben .. . Der Kredit is erschüttert. .. was kann man dagegen tun? Wenn ich vorgestern uich einbekommen hätte', durch ü Zufall ä Paar Hundert Taler und hält gekonnt sie geben mein Schwager ... wer >veiß, Vormittag hätte Behrendt n’ Wechselchen protestiert!" .. . Ein Schreck is gefahren unter die Leute, aber niemand is eingefallen, daß diese vertraulichen Mitteilungen die Einleitung zu einer geschäftlichen Transaktion sein sollte. Schwindel nennt man das, Herr Doktor, betrügerischer Bankerott. Passen Sie nur auf! Aber man hängt keinen auf. wenn man ihn nicht hat. Und beweisen muß auch der klügste Herr Staatsanwalt, ivenn er seine Anklag' will durchbringen. Josua Krotoschiner aber war nichts zu beiveisen. Am Tage nach Louis Pulvermachers Beerdigung meldete Josua Konkurs an. Sie könne»» sich denken, was sich hat getan. Den Nachmittag, wie es is bekannt geworden, vergeh ich mein Lebtag nich. Einer is zum andern gestürzt und hat gefragt und hat gesagt.. . jeder wußte was anderes . .. jeder ivußte was Neues. — Leute, die nie ein Wort mit einander geredet hatten, blieben zusammenstehen und sprachen von den» Ereignis. Ans den Lüden liefen die Männer auf'n Riug und überall standen sie bei einander, und unterhielten sich aufgeregt von Louis Pulvermacher und Josua Krotoschiner. Wie kamen die beide»» zusaininen.. . was hat eins mit den» andern zu tun? Nie hat »»»an gehört, daß P»llvermacher und Krvtoschiner in Geschäftsverbindung gestanden haben. Und trotzdem »var es so. Der Schwager und einige andere aus seiner Mischpoche versicherten, daß sie seit .lange in Wechselverbindlichkeit gestanden haben, und daß Krotoschiner Pulverinachern noch vor drei Tagen 22 000 Taler gegeben habe, für die er ihn» Wechsel geben sollte. Jrizivischen hat er sich aufgehangen. Wo »var das Geld, »vo »varei» die Wechsel? Pulvermacher war tot. Sicherlich war er schon ein paar Tage vorher geistesuinnachtet, »vie der Herr Rabbiner so schön an seine»»» Grabe gesagt hatte, er »var jeder Verant- >vort»lng ledig und stände vor Gott. Josua aber hat »Nüssen Pleite gehn ... vßer! Oßer ein »vahres Wort. Aber so erzählte man es in der Khille rum, und »»»anche Leute glaubten es. Denn der Herr Vorsteher und andere bestätigten es und niemand fiel es auf in der Aufregung, daß von dieser Seite plötzlich die Worte des Rabbiners als Beiveis angeführt »vurden. Nur als die Frau Rabbiuerin air» nächsten Tag bei n»ir schwarzes Tuch auf eine Jacke kaufte, sagte sie: es bleibt doch »»»erkivürdig, daß die andern, die meinen Mann so angegriffen haben, »veil er bei Pulvermacher gesprochen hat und es beinahe durch ein Verbot des Vorstandes verhindert hätten, mit einer»» Mal seine Worte hervorheben, um das Abhandenkommen von Krotoschiners 22 000 Taler zu erklären ... Wie »narr's braucht, Herr Naphtälh! Jedes Ding hat zwei Seiten!" Die kluge Frau hat wohl geahnt oder durchgeschaut, »vie es dainit sta»»d. Vor der Welt aber »var Krotoschiners Pleite eine Folge von P»»lver>i»achers Sturz. Und lveiter?" er »nachte eine kleine Pause.,nu der Konkurs »rahm seinen rechten Verlauf und als der Herr Krotoschiner niußte manifestieren, ist der Herr Rabbiner zu ihm in sein« „Schul" gegangen und hat ihin dort den Eid angenommen. Die Inden haben damals noch müssen schivören vor dem Rabbiner. U»»d dann hat man ei»»' Ausgleich zu [taube gebracht mit 15 Prozent. Was »na»» aber hat gesagt und geredt in dieser Zeit von ihn», soll keinem anständigen Menschen z»rkon»n»en. Geschimpft und geflucht haben die Gläubiger, die ihr Geld haben verloren, »vas aber »»icht hat gehindert, seine Frau gleich nachher mit beit» größte»» Luxus den Leuten die Augen aufzureißen. Man hat dann »vohl erfahren, »vie viele in der Khille Josua Krotoschiner ihr Geld anvertraut hatten und »ver alles hatte verlöre»» seine Ersparnisse. Grad »vie bei Louis Pulvermacher. Aber Pulvermacher hat nebbich bezahlt die Schand mit seinem Leben und Krotoschiner is geivorden ä reicher Mann. Und wie die Frau von Isaak Perl, der daran is zu Grund gegangen, er hat auf dem „Sand" draußen ein ganz gutes Geschäft gehabt, Prilvermachers Schivager hat zugerufen: „Falsch hat er geschivoren, Dein Schwager Josua . . . unser Geld hat er gehabt, »vie er is vor'n Omed getreten, zwei Tag zuvor hat ihm mein Mann noch gebracht 9000 Taler, und hat gesehen, »vie er das Geld hat gelegt in sein eisernes Spind . . . wo is es hingekommen unser Geld?" Da hat der fromme Mann gehei»»»nisvoll geantwortet: „Ein Neß is geschehen. Wie er is in der Früh gekommen an de»» Schrank, »var das Geld elveg, nich ä Pfennig is dagelegen und er hat faktisch schören können." Was blieb den armen Geschädigten übrig, als sich stillschlveigend in ihr Unglück zu fügen? Diese fortdauernden Zahlungseinstellungen singen soivie so schon au, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und es »var am besten, man »nachte das ohne »veiteres Geschrei und Denunziativne»» ab. Die Verluste brachte man da»»»it nicht ein, und die Jude»» hatten sich zu hüten, daß man nicht voi» betrügerischen Bankerotten und falschen Offenbarungseiden sprach. Es is doch leider Gottes einmal so, daß »»»an immer allen zur Last legt, »vas einzelne sich zu

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