Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 442 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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442 rechten zu verhelfen suchten, waren lange nicht im stände, beim Volke und dessen Dichtern und Theoretikern Redensarten und Sprachgebrauch umzuprägen, das Herz behauptet sich jahrhundertelang als Sitz-Organ und Sinnbild auch der vernünftigen Denkseele. Bei den mit den angeführten kontemporären griechischen und lateinischen Schriftstellern begegnen wir beinahe durchweg der aristotelischen Auffassung vom Herzen als dem Sitze und Organ der vernünftigen Seele.') Bei der Mehrdeutigkeit und Misjverständlichkeit so mancher Aristotelischen Angaben ist die Auffassung, die seine Ansichten bei mittelalterlichen Autoren gefunden, nicht gleichgültig.' Auf Aristoteles (Theodor Gomperz nannte ihn den Unvergleichlichen, Einzigen) hat man geschworen, seine Ansichten besaßen die Unantastbarkeit eines unfehlbaren Dogmas. Die Scholastiker aller Zungen, von denen allerdings die meisten unter dein Zeichen einer figura repetitionis schrieben, gaben sich alle erdenkliche Mühe, seine Lehrmeinungen mit dem durch greifbare Tatsächlichkeit Erweislichen des Galenus, in welchem sie den eigentlichen Autor der Kopsseele erblickten, in Einklang zu bringen, einen Ausgleich zwischen Philosophen und Aerzten herbeizuführen. Wo dies nicht möglich war, stellten sie sich entschieden auf Seite des Stagiriten?) (Forts, folgt., SÜD * W Was mein alter Freund erzählt. Von Ludwig Weiß. V. T| I ein alter Freund schien mit seinen Gedanken ganz wo anders zu weilen und halb visionär, halb positiv hatte er die philosophische These der Evolutionslehre vor mir entwickelt, Dieses Gemisch einfachster Daseinsbedingungen und kompliziertester Lebensanschauungen ist zu merkwürdig. Auch jetzt kam er nach dieser Abschweifung ins Reich des Abstrakten zu den alteil Geschichten zurück, von denen er ausgegangen war und sagte: „Eigentlich Herr Doktor, ivill ich Ihnen noch die Geschichte von Josua Krotoschiners Pleite erzählen, dann werden Sie wohl wissen, was sich hier hat getan. Eines der angesehensten Häuser dort war Louis Pulvermacher, Weißwaren und Posamenterien e» gros und en detail. Pulvermacher versorgte das ganze Herzogtum Posen mit diesen Artikeln, und bis über die Grenz' gingen seine Waren, und aus Polen kamen die reicheil Juden und bestellten die Aussteuer für ihre Töchter, was daun rübergeschmuggelt wurde, bei Louis Pulvermacher. Sie können sich also vorstellen, was für ein Hans das war. Natürlich mußte er geben viel Kredit, und die ganzen kleinen Geschäfte tlahmen bei ihm gegen Dreimouatswechsel und Prolongation. Dagegen genoß er so viel Achtung und Vertrauen, daß inan zu ihm Geld brachte wie in die Baiik, und viele hatten lieber mit Louis Pulverniacher zu tun, ivie mit den sichersten Bankiers *) Das Herz wird als Quell und Sitz des Lebens, der Weisheit, Vernunft, Einsicht und sonstigen Eigenschaften und Funktionen der Denkseele bei den verschiedensten römischen Autoren erwähnt, besonders: Fnuius apuä 6sIIiuin 7, 2, Terentius, Pliormio. 2, 2, 7, 5, 3; 17; Cicero, Div. 1, 152, Tusc. 1, ii, Fin. 2, 28, Lucrelius 4, 51; Horaz Oil. I. 13, 17, Sat. 2. 3, 29; Livius v, 20; Martial 6, 6i; Persius 6, 10; Tacit. H. 3, 53; Gellius 17, 19, 18, 7. •') In Nummer 35, Seite 415, Spalte I, Zeile 25 muß es statt „Psyche" vielmehr „Phrenologie"; Zeile 4 von unten statt „Professor" — „Rektor"; Spalte 2, Zeile 13 von unten statt „Galen" — „Gussenbauer" heißen. oder sogar mit der Bank. Es ging auch immer alles sehr gut, und sein Vermögen wuchs und sein Ansehen, und er war auch als ivohltätiger Mann sehr geachtet, und welln jemand einen Rat brauchte, wußte er, daß er bei Louis Pulvermacher nicht vergeblich anklopfen würde. Es war sosweit gekommen, daß kleine Leute, Handwerker, Beamte und andere ihre Ersparnisse Louis Pulvermacher hinbrachten, der sie ihnen mit 5 Prozent verzinste. So stand er da, als die Katastrophe losbrach. Alle die Geschäfte, denen er Kredit geben sollte, brachen zusammen. Jeden Tag erfolgten andere Bankerotte, und bei jedem verlor Louis Pulvermacher. Die ganze Provinz war pleite. Man traute sich gar nicht die Namen zu nennen, die als faul bezeichnet wurden, und am anderen Tage schon war es Wahrheit, und eines Tages hieß es: Louis Pulvermacher suche ein Moratorium nach. Was sich an dem Tag in der Khille getan hat, soll nicht gedacht werden. Der Rabbiner, der mit Pulvermacher sehr befreundet war, fuhr sofort nach Breslau, um mit den Bankdirektoren zu sprechen und die Fabrikanten zu besuchen, mit denen Pulvermacher gearbeitet hatte, und es gelang ihm ivirklich, das Moratorium zu stände zu bringen. Haben Sie so was schon gehört, von einem Ralv, Herr Doktor? Ueberhanpt, was hat der Mann in dieser Zeit geleistet! Nicht zu glauben. Als ob er wär' ein gelernter und erfahrener Kaufmann, so hat er alle diese Sachen geführt. Bon einem zum andern is er gegangen, mit dem Schlitten, in der großen Kalt' is er gefahren durch die ganze Gegend und hat persönlich mit den Gläubigern geredet und verhandelt und die Akkorde zustande gebracht. Manche Existenz, die zusammengebrochen war, hat er wieder aufgerichtet und mancher Familie die Ehre gerettet. Denn Sie kennen sich denken Herr Doktor, es ist nicht immer alles glatt und sauber gewesen, und der Herr Staatsanwalt hätt' manchmal nicht reingucken dürfen in die Bücher. Auch der Rabbiner hat manches erfahren müssen, was er lieber nicht gehört hätte; das Schwerste aber war ihm doch der Zusammenbruch von Louis Pulvermacher. Als er damals aus Breslau von der Gläubigerversammlung zurückkam, sagte er zu mir: „Das Moratorium haben wir durchgesetzt, auf drei Monate, was aber wird dann sein?" Und was war dann, Herr Doktor? Am Geldschrank aufgehenkt hat man eines Morgens Louis Pulvermacher gefunden. Er hat die Schand nicht überleben wollen. Es war ein Trauertag in der Khille. Jeder Mensch bedauerte den anständigen, braven Mann und seine Lewaje war so groß, als wenn er wär' in Reichtum und Ehren gestorben, eines natürlichen Todes. Und an seinem Grabe sprach der Rabbiner so rührend, daß die Leute laut weinten und schluchzten, als ob ein Angehöriger begraben würde. Die Schwarzen aber machten ein großes Geschrei, daß man einen Selbstmörder mit solchen Ehren begrub. Ich sagte Ihnen schon, Herr Doktor, daß die jüngeren Leute in der Gemeinde sich peu ä peu zu sreieren und besseren Ansichten bekehrt hatten. Die Herrschaft der Orthodoxen begann zu wanken, aber noch war ihre Macht zu groß. Man stand noch zu sehr unter der Nachwirkung von Vorurteilen aus früherer Zeit und dann hielt auch manche noch die Pietät gegen Angehörige, die der älteren Generation angehörten, zurück, sich offen zu einer neuen Richtung zu bekennen. Aber überall brodelte es, und im Geheimen lehnte man sich auf gegen die Tyrannei einer Partei, die nur durch Jntriguen so eine einflußreiche Stellung erreicht hatte. Wenn wieder einmal etwas bekannt wurde von den Kränkungen, die von dieser Seite den Beamten angetan wurden, so gab es doch schon manche unter den jüngeren Balbatim, die ihren Unwillen zu erkennen gaben. Das merkte ihr Führer und suchte jetzt, um seine Position nicht zu verlieren, seinen Anhang unter der Gegenpartei. Diesen machte er allerhand Zugeständniffe, die meist darauf hinausliefen, die Wirksamkeit des Rabbiners