Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 441 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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441 Seele selbst ist nichts anderes als die Ausdünstung des Blutes. Die Vegetationskraft aber unterschieden sie bestimmt von der Seele. Sie nahmen acht verschiedene Arten an, >vie sich die Seele äußere, neben den fünf Sinnen die Kraft, zu denken zu reden und zu zeugen. Die Denkkraft ist der Mittelpunkt der übrigen; aus ihr erstrecken sich dieselben wie die Arme eines Polypen. Uebrigens war es wohl dem Stoizismus völlig gemäß, die Denkkraft für nichts anderes als für das Resultat der Empfindungen zu halte», da sie alle reine Verstandsbegriffe verwarfen. Marc. Antonia, de rebus suis V. 33 p. 167 ed. Gattaker. Plutavch plac. philos. IV. 4. 5. 21. Galen. Ic. JII. p. 264 (Vol. V. p. 286.) Sext. Empirie, adv. mathemat. IX. 101. Diogenes Ladet VII.) Origines contr. Celsum VII. p. 720. Don den Hippokratikern gingen die dogmatischen Schulen aus. Einer der hervorragendsten Dogmatiker war Praxagoras aus Kos. Den Nutzen des Atmens setzte er in die Stärkung (qügk) der Seele; das heißt in die Vermehrung der geistigen Luft, die den Sitz der Seele nach Diogenes ans Apollonien ausmacht. Daß das Gehirn ein Auswuchs des Rückenmarkes sei, und erst aus diesem sich erzeuge, scheint durch Beobachtungen am bebrüteten Küchlein ihm klar geworden zu sein. Galen de usu part. VIU. p. 460. (III. p. 671. Galen führt dies als einen Beweis der Ignoranz an. Die Nerven nehmen ihren Ursprung im Herzen (Galen Vp. 187 sq.). In den älteren dogmatischen Schriften wird das Herz ein starker Muskel genannt (de corde 268), das Gehirn eine große Drüse, die Metropole der Kälte und der klebrigen Säfte (de carnibus II. 316—329). Nichtsdestoweniger heißt es anderswo, das Gehirn sei das Organ des Denkens und des Verstandes, denn der Luftgeist aus der Atmosphäre, welcher nach Diogenes von Apollonia klug macht, gelange zuerst zum Gehirn, (de morbo sacr. p. 309.) Auch eine andere Behauptung wird klar, daß das Blut am meisten oder wie einige sagen, alles zum Verstände des Menschen beiträgt; denn mit dem Blute wird das Pneuma verteilt. Daher heißt es: die Seele schleicht sich (mit dem Pneuma) in den Menschen eilt. Und ferner der Verstand (yvdßn) habe in der linken Herzhöhle seinen Sitz, und beherrsche von hier aus die andere Seele, (de morb. I. 460; de diaet. 1. 342; de corde 269; bestritten wird der Sitz der <PQovtjaii im Herzen de morbo sacro I. p. 613. sp.) Herophilus, Schüler des Praxagoras, beide die Begründer der Pulslehre. Galen, VIII. 716, 726. Die Kraft, vermöge welcher die Schlagadern pulsieren, suchte er ursprünglich im Herzen und nicht in den Schlagadern selbst. Galen, de ditker, puls IV. p. 42. Mit allem Rechte suchte er beit Grund des schnellen Todes (ohne anderweitige erkennbare Ursache) in einer Lähmung des Herzens. Cauelius Aurelian, chronic, üb. II. c. 1. p. 348. Erasistratus erwarb sich durch seine Gelehrsamkeit und durch seine Rechtschaffenheit so viele Freunde und Anhänger, daß er allgemein (?) als der erste (?) Anatom und als der größte (?) Theoretiker seiner Zeit galt. Seine Bemühungen in der Anatomie (welche erst in sein höheres Alter fallen), setzten vorzüglich die Lehre von den Vorrichtungen des Gehirns und des Nervensystems in ein wohltätiges Licht. Bei genauerer Untersuchung fand er, daß die Nerven in der Tat aus der Substanz des Gehirns ihren Ursprung nehmen. Galen, de dogmat. Hippokrat. et Platon, lib. VII. p. 311, 318. Galen, p. 460, III. p. 673. Selbst den Sitz der Seele scheint Erasistratus in seinen früheren Jahren in der Hirnhaut &my.Qo.viC, (? in dem kleinen Gehirn) angenommen zu haben. Die luftsörmige Substanz (,w«>u«), welche, wie wir gesehen haben, von sehr vielen älteren Physiologen zur Erklärung der wichtigsten Geschäfte des Lebens angewandt wurde, benutzte Erasistratus ebenfalls. Plutarch plac. pliilos IV. p. 5; Galen XIX. p. 315. Daß nur vom kleinen Gehirn die Rede ist und der in ihnt befindlichen vierten Höhle des Herophilus zeigt das Fragment der Erasistratus bei Galen. V. p. 603. Im Herzen wirkt die Lebenslust {nvevfu ccm/(!)■) im Gehirn aber die Seelenlust nvevfia rpvyixov, Galen, de dogmat. Hippokrat. et Platon lib. 11. p. 263 (V. p. 281. Das nvevua hat im linken Herzventrikel seinenSitz, Galen. V. p. 185. Dagegen heißt es bei Galen. VIII. p. 760. Erasistratus behauptete in der Schrift nvQtz<hr, nicht bloß die dvvufu? 'Qmtxn, sondern auf die dh-aiuo yuyixri sei y.aia xr{V xaQÖtav. Andreas von Karystus wird von Celsus ausdrücklich zu den älteren Hervphileern gerechnet. Gelsus lib. V. praef* Mit den Stoikern hielt er die Seele für die Sinne selbst und nahm demnach kein besonderes Organ als den Sitz der Seele an. Tertullian de anim e. 15. Der berühmte Peripatetiker Straton voit Lampsakus, welcher am Hofe der Ptolemäer zu Alexandrien lebte, hielt die Seele für die Summe der Empfindungen und nahm, seltsam genug, ihren Sitz zwischen den Augenbrauen an, hierdurch näherte er sich den Skeptikern, indem die Empfindungen nur für eins mit der Erkenntnis genommen wurden. 3extus Empirie, adv. Logic. I. 352. Tertullian de anim. c. 18. Die alte alexandrinische Schule ist am 19. Dezember 1902 durch den Aerztekongreß in Kairo in ein aktuelles Interesse getreten. Professor Nothnagel sagte in seiner feierlichen Ansprache: nicht bloß ist es wie von einem hehren Zauber umflossen, in dem Lande Erörterungen über bakterielle Erkrankungen und verwickelte Fragen der Chemie zu hören, welches bereits eine Jahrtauseitde alte Medizin besaß, als in unseren Heimatländern der Mensch nur wenig erst vom Tier sich unterschied. Nicht bloß gewährt es den höchsten historischen Reiz, die wissenschaftliche Medizin auch heute noch auf ebenbürtiger Höhe mit den vorgeschrittensten Kulturländern zu begrüßen in dem Lande, in welchem schon vor mehr als 2000 Jahren Herophilus und Erasistratus ivirkten. Gegen Steins Auffassung der aristotelischen Seelenlehre ließe sich noch einiges Vorbringen; (vgl. Müller, zu Timäus Kap. 31, N. 167, 168, unter Hinweis auf Aristoteles de an. I, 2, 3), während Plato auch den mutartigen und begehrenden Seelenteilen im Phädrus Unsterblichkeit zuzuerkennen scheint. Als Gegenstück zu Minervas Geburt wäre die Sage von Dionysos-Zagreus, dent Sohn des Zeus und der Persephone, anzuführen: Von den tückischen Titanen wurde derselbe in Stiergestalt ergriffen, in Stücke gerissen und verschlungen. Athena rettet seiit Herz allein, welches Zeus verschluckt, um aus ihm deu „neuen Dionysos" hervorzubringen. (Gomperz, Gr. Dettker, I, 104). Untersuchungen über Kephalopsychik und Kardiopsychik — man verzeihe diese neuen Bildungen — sind keineswegs als nichtiger Gelehrtenzank und metaphysische Spiegelfechtereien anzusehen, sondern als naturphilosophische Erforschungen, denen bisher noch keiner in der von mir angedeuteten Weife nachgegangen oder nähergekommen ist; sogar Theodor Gomperz, unter dessen vornehmer, feinfühliger Hand attch dunkles ausleuchtet und — man möchte fast sagen — radioaktiv wird, hat an diese Frage, selbst wo er davon, wie in „Griechische Denker" II, 350, 375, 488, referierend spricht, keine seiner prägnanten Klarstellungen gewendet. Ist es nicht seltsam, daß dieselben Forscher, die von der Denktätigkeit im Kopfe nichts wissen wollten, zum Elleborus, zur Nießwurz griffen, mit den Kopf zu klären und zu schärferem Denken geeigneter zu machen. Karneades soll, erzählt Aulus Gellius (Nocles Att. 17, 5), so oft er an die Wiederleguitg von Zenos Schriften ging, Nießwurz gebraucht haben. Von Chrysipp („Gruttdsätlle der Stoa") berichtet Tertullian (De aninia 6) gleiches. Die Theorien der Philosophen und Aerzte über Kops uttd Herz, welche den Kopf zu seinen dominierenden Herrscher-