Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 440 (sequence 10)
- Language
- German
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440 Ich zolle willig meinen Dienst der Welt, Sie schmückend, bis das blühende Kleid zerfällt, Und sie. mir huldigend aus freiem Triebe, Gibt, unerzwingbar, mir den Zoll der Liebe. Drum schmäht, wollt' frei ihr sein, die Bildung nicht, Die liebend für die Freiheit Kränze flicht. Aus Roheit wird geboren Tyrannei, Durchs Tor der Bildung ziehn die Völker frei.' Wo nicht der Bildung Thron wird anerkannt, Dort herrscht das Schwert in wilder Selbstsucht Hand. Doch Hab' auch ich das Schwert nicht abgelegt, Das meine Waldabkunft zur Schau mir trägt: Das ist der Dorn, das Ritterschwert der Rosen, Die wir mit Freunden wohl verstehn zu kosen, Doch bittern Feinden zeigen spitzen Dorn, Denn freie Seelen schmückt ein edler Zorn. Als auf dieses Bekenntnis hin mehrere Waldblumen nicht umhin können, ihrer Bewunderung für die Rose Ausdruck zu geben und dafür zu plädieren, daß man sie nicht verstoße, da sie doch von ihrem Blut sei, spricht die Rose das schöne Wort, welches zugleich auch den fortschrittlicheil religiösen Standpunkt Leopold Steins treffend bezeichnet: „Und die Veredlung, Schwestern macht euch scheu, Was alt ist, nennt ihr edel, schlimm, was neu? Doch sprechet, ist das edel, daß das eigne Blut Ihr blind verstoßt in heil'ger Glaubenswut? Und die aus Liebe kam und Freunde sucht, Verkannt, verschmäht, verdammet und verflucht. Von starren Vorurteilen eingeengt, O Schwestern, ist euch Sinn und Blick verschränkt. Und wo der Glaube schränkt die Liebe ein. Da kann der Glaube nicht der echte sein." Darauf erheben die Waldblumen ein großes Geschrei, rüdem sie schmähen und schelten, daß die Rose auf religiösen Umsturz sinne. Natürlich werden sie gründlich von ihr abgeführt mit den Worten: „Voll Zauber ist der Wald, das ist die Wahrheit, Doch wohnt mein Gott in Licht und ew'ger Klarheit. Glaubt nicht, daß Gottesdienst nur dort gelingt. Wohin der Sonne milder Strahl nicht dringt. O, schaut im lichten Tal die Saaten, Unzähl'ge Halme, sruchtbeladen! Es gibt der Morgenwind das Zeichen, Und alles beugt das Haupt; sie neigen Voll Demut sich. Ein leises Wehn Vernehmbar wird's, ein lindes Flehn, Dann reifen sie mit Lust und Segen Den ganzen Tag der Ernt' entgegen. Seht, das ist Dienst, der Gott gefällt, Mit Liebe wirken für die Welt. So betet er, der Schöpfer auch, Die Welt beglückend mit Liebeshauch. So dienen auch des Gartens Söhne, Wo Nützlichem sich paart das Schöne." Doch all ihre schöllen Reden überzeugen weder den Gaisbart und das Waldmeisterlein, noch die Glockenblume, und die andern Kollegen und Kolleginnen, welche von der Wortkünstlerin nichts wiffell wollen, ihr erklärend, daß sie dem Herrn in alter Weise dienen möchten und ihre heiligen Sitten ohne jeden modischen Zauber beizubehalten wünschten. Seit Jahrhunderten sei des Waldes stillem Volke Frieden beschieden gewesen. Die im dunklen Tale Wohnenden habe der Eintracht Strahl erleuchtet und alle seien eines Sillnes gewesen. Erst die Rose habe den Streit angefacht und Brandfackeln in den Wald geschleudert, so daß ringsum die Flammen züngeln. Sie fordern sie schließlich auf, zu widerrufen, Buße zu tun und Seelentrauer anzulegen. „Laß büßend lang wachsen dir die Dornen Und Seelentrauer mag den Vorsatz spornen. Bis sich die roten Wänglein weiß gebleicht, Bis Waldesschauer dir den Sinn erweicht. Dann sollst du uns willkommen sein im Land, Wenn Fürstin nicht, sei Schwester uns genannt. Doch tust du nicht also, weh dir und allen, Die der Verdammnis neben dir verfallen." Natürlich verschmäht die Rose diesen frommer: Wunsch, indem sie meint, es wäre doch unmöglich, zur Sonne zu sagen, daß sie verlösche und zum Mond, daß er nicht mehr leuchte, und es wäre töricht, von ihr zu verlangen, daß sie sich jenes edlen Schmuckes entkleide, um den sie sogar die Menschen beneiden. Nun mischt sich auch die Federnelke hinein, die sich als Chronikschreiberin des Waldes vorstellt, welche von der Anhöhe, wo ihr ständiger Aufenthalt sei, durch des Streites Brand veranlaßt worden sei, herabzukommen. Sie erklärt sich für die Parteigängerin der Rose, denn „wie dürfte, wer die Feder frei regiere, die hassen, welche edle Bildung ziere." Sie schlägt nun vor, einen Schiedsrichter zu wählen und zwar einen Blumenalten, der schon mehr als ein Jahrhundert im Walde hause, gemäß dem Ausspruch der heiliger: Schrift: „Die Klugheit nimmt sie gern beim Greife, Wer lange lebt, den macht Erfahrung weise." Die Blumen halten Beratung über den Vorschlag und berufen zum Schiedsrichter den alten Rosenstrarrch, welcher nachweist, daß ohne fortschreitendes Licht die Welt zu Grunde geherr nrüßte, und daß das unvernünftige absolute Festklammerrr arr Veraltetem den Ruin der Welt herbeiführen müsse. Er schließt mit den Worten: „Ja frei in Licht und Stolz erblüht Behält die Rose ein fromm Gemüt, Kindlich und treu, liebvoll bescheiden, Denn Demut muß dein Reichtum kleiden. Im weiten Tal geliebt, geehrt, Hat sie von uns sich nicht gekehrt, Und hat zum Wald, der sie geboren Ererbte Liebe nicht verloren. Waldbrüder, zürnt dem Vater nicht, Der so vom Lob des Kindes spricht. Mein volles Herz möcht überfließen Und sich in eure Brust ergießen, Zu tilgen dort des Hasses Glut Mit Gott entquolluer Liebesflut, Daß sich die blühnde Waldgemeinde Dem großen Chor der Blumen einte. Daß ihr aus tiefer Einsamkeit Vernehmt den Ruf der großen Zeit, Die Gottes Friedensdeck' ausbreitet Ob allem, was im Licht sich kleidet. Daß, was da blüht, ausruft und spricht: Gelobt sei Gott im Licht, im Licht! Lopk und Her?. Von Dr. B. Placzek (Brünn). VI. eil Ausführungen Steins über die für uns in Betracht kommenden Fragen ist noch hinzuzufügen: „Die menschliche Seele, ein dünnerer und feinerer Geist der Natur, entsteht nach ihrer Meinung durch Abkühlung, woher sie den Namen hat. Die Etymologie des Wortes vjvtf-nüQ« xijv xpv^iv findet sich schon bei Aristoteles 6« anim. 2. Den Stoikern wird die Meinung zugeschrieben, daß die Seele nichts anderes als der aufsteigende Dunst aller Körper sei.