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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 438 (sequence 8)
Language
German
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438 (aber ohne Notizbuch ob. wissenschaftliche Lektüre!!>, nicht viel rauchen, weil der Magen und die Nerven dadurch leiden. Wenden Sie ja nicht ein, daß Sic dazu „keine Zeit" übrig hätten. Ich darf das nicht gelten lassen, denn das höchste irdische Gut ist die Gesundheit. Seit Sonntag ist meine Frau bei mir. die Alma abgelöst hat; beide Kinder, Alma und Max, besuchen uns alle Sonntage. Auf Hermann Oppenheimer hatte ich auch gehofft, er ist aber wie sein Vater und setzt das Geschäft allem, selbst der Pflege der Gesundheit vor. — Dennoch grüßen Sie ihn, denn ich weiß, daß er es aus Notwendigkeit tut. — Leben Sie recht wohl! Ich hoffe doch, Sie spätestens in drei Wochen in Leipzig zu sehen. Mit aufrichtiger Liebe und Teilnahme Ihr Freund Dr. Wilhelni Walther. Darunter steht von meiner Hand, offenbar nach begonnenem Diktat meines Mannes: „Arzt. Ein Mann von ungewöhnlicher Güte und Liebenswürdigkeit, voll vielseitiger Kenntnis und Lebenserfahrung. Seinem mediz. Beruf mit wahrhaft idealer Gesinnung hingegeben. Er selbst ivar leidend. Er hatte bereits etwa 20 mal Blutsturz gehabt und war sehr schonungsbedürftig. Daher mußte er in seiner ärztlichen Praxis viel pausieren. Diese unfreiwilligen Ruhepausen verwendete er zu Studien mannigfacher Art — aber immer im Hinblick auf seinen Beruf. Er war glücklich verheiratet. Eine Tochter, an den früheren italienischen Sprachlehrer —" Hier bricht die Notiz ab, — und wie so oft beschleicht tiefe Wehmut mein Herz, daß so vieles, vieles! unvollendet blieb, so vieles zum Fragen übrig, der Erläuterung bedürftig. Und wie eifrig, liebevoll gab Lazarus seine Erklärung ab, wie gern erzählte er bei solcher Gelegenheit von braven, edlen Menschen, mit denen er in Berührung gekommen, wie lobte er sie und war voll feuriger Bereitwilligkeit, das Gute anzuerkennen, — nur wenn Kleines oder Gemeines ihm begegnete, das verbarg er, da schwieg er still. . . . Vielleicht leben Nachkommen des Dr. W. Walther in Leipzig, denen dieses Erinnerungsblatt doppelt wertvoll ist; vielleicht fühlen sie sich pietätvoll veranlaßt, obigen Satz zu vollenden, den Lesern und mir zu freudiger Genugtuung. Das zweite Blatt ist von Lazarus' erster Frau, Sara, ohne Datum. Sie hatte das Glück, daß er — oft trotz quälender Ueberbürdung — ihr, wenn er vom Hause abwesend war, in seiner grenzenlosen Opferwilligkeit täglich schrieb. Nach allerhand Familieninterna fährt sie fort: „Also so schön war Deine Vorlesung? — Wie werden die Jünglinge Deinen Ruhm in alle Welten tragen? Daß Du das alles aber unter so schweren Verhältnissen beherrschst, kostet Kraft und Gesundheit, das schmerzt mich, cs tröstet mich aber zugleich für die sehlgeschlagene Hoffnung, die wir doch eigentlich von vornherein nicht gehabt. (Es handelt sich offenbar um die Berufung als ordentlicher Honorarprofessor an der Berliner Universität.) Jetzt kannst Du sä libitum Deine Zeit einteilen, was Du nicht gekonnt hättest, wäre es anders gekommen. Wer sich von früh aus sein Leben abgearbeitet, wie Du, und trotzdein die Elastizität bewahrt wie Du. muß Gott danken, aber keinen Mißbrauch mit seiner Gnade machen. Der. . . kann alles! Knochen wie ein Pferd, ein Herz von Eis, von Jugend an ein ungestörtes Ochsen, da kann mau denn auch ochsig viel lesen und saufen; so aber — Reb Aron Leibisch' Sohn, von früh auf die Kümmernisse der Eltern mittragen, überall abhelfen suchen, unter den schwersten Verhältnissen sichaneigne»,was jenenvon selbst entgegenkommt, immer Doppeltes von Jugend aus, mit einem zarten Körper, nur um sich das Leben und in diesem das Edelste zu erschwingen und so fort unter Kämpfen, die'niemand ahnt, seine Laufbahn beginnen und fortsetzen und sich doch die Welt gewinnen, wie es nur wenigen Juden zu teil geworden, unter allseitiger Achtung, Verehrung und Bewunderung — der kann endlich sich das Leben etwas bequemer machen, zumal er seinen! Genius nie untreu werden wird. Ordentlich eine Art neuer Empfindung trägt mir das wahrscheinliche Fehlschlagen der Professur ein, ich bin endlich mit Hoffen und Harren fertig und gewisse Rücksichten, die ich sonst wohl immer noch genommen hätte, werde ich los wie eine Last. Hier habe ich mir nun, aus die Möglichkeit, daß wir Deinen Geburtstag nicht zusammen feiern werden, Deinen jüdischen, ausgerechnet, 22. Tag im Ellul ist er ja wohl? und der fällt auf den letzten August, dc>> wir also noch unter uns feiern können. Ich freue mich recht übn meinen Gedanken; mitunter findet ein blindes Huhu auch ein Körnchen." Die letzte scherzhafte Wendung mahnt mich an die wahrhaft humoristische Art, mit der Lazarus, trotz (oder wegen!i der fast ununterbrochenen Kette von Leiden, die unser achtjähriges Zusammenleben umschlang, unsere einsame Zweisamkeit durchleuchtete. Ich hatte die Variation obiger Redensart erfunden „eine blinde Henne legt auch mal n' Ei", — wie hatte er gelacht! Wie herzig, kindlich konnte er lachen! Was für Späße sann ich mir aus, um dieses liebe Lachen zu hören! — Deshalb erwähne ich es: es ist etwas Tröstliche^ für alle, die ihn lieb gehabt haben, zu ivisien, daß Lazarm trotz der vom Arzt bereits im Jahr 1857 gerügten lieber arbeitung und Ueberreizung und der Warnung, daß er bereite „an der Grenze von Gesundheit und Krankheit stände" — das; er das Gleichgeivicht für Seele und Nerven immer inr Humor gesucht und immer mehr auch gefunden hat. Jetzt freilich ist es still und dunkel . . . Leopold Stein. Einiges a u s seinem Nachlaß. Bon Dr. Adolph Kohut. II. otthold Ephraim Lessing widmete Stein ein besondere Studium. In verschiedenen bedeutsamen Abhandlungei suchte er das Wesen und den Wert dieser gottbegnadeten Per sönlichkeit zu ergründen. Besonders anziehend ist die Parallele die er zwischen Maimonides und Lessing zieht. So lesen wir z. B. in Lessings „Nathan" (Akt 3, Auftritt 2), daß Reche an den Tempelherrn, der vom Sinai kommt, die Frage richtet, ob es wahr sei, daß es bei weitem nicht so mühsam sei, au diesen Berg hinaufzusteigen als herab? — „Denn seht, soviel ich Berge noch gestiegen bin, wars just das Gegenteil." J>- dem Hauptwerk des Maimonides,, dem „More Nebuchim (Teil 1, 15), finden wir nun eine Stelle, welche ähnlich lautet, beziehungsweise >vo eine Erklärung auf die Frage versuch! wird, welche Lessiug aufgeivorfen. Der große jüdische Reli gionsphilosoph des Mittelalters setzt auseinander, daß wir ir Gott den Unveränderlichen, Sichewiggleichbleibenden erkennen, zu welchem die Weseuleiter emporrage, und es sei jedem strebenden Geiste gestattet, dem Höchsten sich zu nähern, der unwandelbar über alle Wesen stehe. Durch diese Maimonidische Erklärung breitet sich ein reiches Licht und eine himmlische Klarheit über die Worte Rechas aus. Die feine Tochter des so weisen Vaters hat einen frommen Ritter vor Augen, der für die Sache Gottes kämpft, aber voll Vorurteil gegen die Menschen ist. Er ist an der sinaitischen Höhe emporgeklommen, aber er hat von dort den Weg der Liebe und des Friedens zu den Menschen herab nicht gefunden; — und so ergeht es Hunderten und Tausenden, welche den Weg zur Anhöhe desreligiösen Denkens suchen, aber den Rückweg zu den Menschen verfehlen. Leopold Stein bemerkt anläßlich dieser Zusammenstellung Lessings mit Maimonides sehr sinnig: „Warum ist das Steigen an steiler Höhe empor so schwer? Wir müssen uns selbst den Berg emportragen, denn die Erde zieht uns gewaltig an, allein, siehe da, je höher wir empvrgelangen, desto inächtiger entfaltet der Himmel seine Anziehungskraft, desto leichter wird uns das Steigen, die reine Luft, diewir atmen, hebt und trägt

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