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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 437 (sequence 7)
Language
German
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Die passendste Persönlichkeit, Stadtverordnetenrorsteher Kommerzienrat Julius Levh, ist leider im vergangenen ..ahre gestorben. Aber trotzdem fehlt es nicht an qualifizierten Kandidaten. Auf gut Glück greifen wir nur heraus: Stadtrat Bankier Siegfried Salomonsohn, Stadtrat und Rechtsanwalt 'lax Latte, prakt. Arzt Dr. Wilhelm Warschauer. Alle drei! nd nicht nur Juden dem Namen nach, sondern mit Leib und Seele, in der Verwaltung der Gemeindekörperschast, im Vorrande des Literaturvereins und verschiedener wohltätiger Jn- ■ tuttonen. Hoffentlich fällt diese Anregung aus günstigen Soden. Wie hier ist auch in allen anderen Wahlkreisen zu -erfahren, wo die Verhältnisse ähnlich liegen. Also, frisch > us zun» fröhlichen Wahlkampf; jetzt heißl's die Wahl- ' orbereitungen inAngriff nehmen. Lange genug haben dieJuderi varikiri, politischen Selbstmord, begangen. Die Gefahr der Begründung einer spezifisch antisemitischen Landtagsfraktivn st jetzt nahe gerückt. Bisher vertrat lediglich Herr Werner ^iese Richtung im Abgeordnetenhause. Jetzt nach deit unrhörten Wahlerfolgen der „reinen" Antisemiten, welche im Westen so ziemlich abgewirtschaftet haben, in dem durch das Ritualmordmärchen durchseuchten Osten, ist zu befürchten, daß ie Herren Böckler und Konsorten auch ins preußische lbgeorduetenhaus ihren Einzug halten. Dagegen muß mit lUett Mitteln gearbeitet werden. §i vis pacem, para bellum! Lum lZ. Leptrmber. Von Nahida Ruth Lazarus. 8 naht der erste Geburtstag, an dem Moritz Lazartls nicht mehr unter den Lebenden weilt. — Die Welt geht ihren Gang — aber die wunde Seele der Ueberlebenden kann noch nichts anderes beginnen, als sich in die Erinnerungver- -enken. Da liegen Tausende von alten vergilbten Briefen und vor den umflorten Blicken ersteht das Bild eines Mannes, wie s einen hingebungsvolleren wohl kaum gegeben! — Was trat nicht alles an ihn heran: von der Prinzessin Schönaich- Lar o lat h. die ihn 1858 von Breslau ans um Vermittlung zur Rückgabe von Manuskripten bei der „Gartenlaube" ersucht, vis zum „Salonkünstler" Josef Pazdera, der seine Mithilfe bei der sächsischen Staatskassenverwaltung erfleht, um zwei irr- -ümlich verbrannte Fünftalerscheine ersetzt zu bekommen — von Leuten, die Nietzsches Adresse oder die der Porzellan-Manusaktur. „welche das blaue Zwiebelmustergeschirr hervorbringt'" haben möchten, bis zum hochwichtigen Eintreten von Delitzsch in Leipzig und D ö klinge r ilt München in antisemitischen Streitfragen — and anderen, welche die Preise einer Cigarre, mit der sie beschenkt wurden, oder die Definition der Begriffe: „Begeisterung und Schwärmerei" erfahren möchten, bis zur kulturhistorischen Anfrage von Reuleaux über die Rolle, welche die Nessel im Volksmärchen, oder von Bamberg er über Laskers perempterische Verweigerung seiner Unterschrift bei einer geplanteir gemeinsamen Politischen Aktioit! — Friedrich Eggers bittet ihn, zu einem „Fischverschluckstoff" das „ethische Moment" zu erfinden, Th. Fontane „Karl Werders wegen" zu einer Nachmittagsvorstellung des Signor Campo zu kommen, Richard Gosche gibt keine Ruhe wegen seiner Michelaugelo-Moses-Stubien und ein anderer ntöchte seinen Schützling, den heiratslustigen Herrn von Hoxar, nach — Kanada spedieren. Georg Ebers bittet um ein paar Fenstersitze zum Karneval in Leipzig, eine Theatermutter um „abgelegte Garderobe der Frau Gemahlin" für ihre zum Theater gehende jüilgste Tochter — u. s. f. ins Unendliche! Frau Professor Marie Czermak fragt, ob sie bei ihrem Neubau Spitzbogen oder Rundbogen wählen soll, und ein angehender Blaustrumpf, ob der größere Teil der Menschheit „liebe be dürftig" oder „liebefähig" sei? Eine Braut erwartet allein vom Psychologen ein „maßgebendes Urteil" über den Geisteszustand ihres Bräutigams, und Traubes Sohn, inündig geworden, bittet den bisherigen Vormund noch ferner um Rat, Müller v. d. Werra (und nicht er allein von Hunderten seiner literarischen Kollegen) dankt Lazarus für sein „hochherziges Entgegenkommen." Paul Liitdau schreibt mit Recht am 17. 1. 1881: „Sie besitzen die beneidensiverte Gabe, jedesmal, ivenn Sie mit dem Nächsten verkehren, Freude zu bereiten." Freude bereiten! — Ja, das war eine der stärksten Triebfedern in Lazarus' Dasein. — Deshalb unterzog er sich, ohne zu murren (und ohne anscheinend zu ermatten), dem mühseligeu Geschäft, es jedem recht zu machen. Ganz abgesehen von den lmidlänfigen Betteleien und Bitten um Empfehlung, Reisekosten, Autogramme, Marken, Bilder, Vorträge, Nekrologe, Toaste, Kritik, Rat und Belehrung tc., die seine Kraft neben seinen eigenen Berufspflichten fast zur Erschöpfung in Anspruch irahmen, war es eine Art Anliegen, die ihm seine Ruhe — die innere, und dadurch die Nachtruhe — raubte, wenn Unerfahrene ihn wegen beabsichtigten Berufswechsel befragten. Dieser war Theologe und wollte — Schauspieler werden, — jener war Schauspieler und wollte Maler werdeni Dann konnte der Allzugütige über die Zukunst dieser Mettschen grübeln, als handele es sich um das eigene Schicksal. Auch ehemalige Schüler der Kriegsakademie wandten sich zuweilen in verschiedenen Angelegenheiten an ihn. Ein Hauptmann a. D. schreibt ihm gelegentlich: „Ich habe keinen Menschen, au den ich mich wenden könnte, — wenn Sie meine Bitte erfüllen, dann ist Ihnen die lebenslängliche Dankbarkeit eines Mannes sicher, der sich gern wieder emporraffen möchte!" Doch genug! Alles Gesagte dient zur Erklärung folgender zwei Briefe; der erste ist von Lazarus' Arzt, den er zu seinem Geburtstage geschrieben: Kösen. 14. September 1857. Verehrter, lieber Freund! Unmöglich kann ich solange, bis Sie nach Leipzig kommen, mit meiner Antwort und meinem Dank für Ihren so freundlichen Brief und für den zweiten Teil Ihres trefflichen Buches (Leben der Seele) zurückhalten. Wir hatten allerdings auf Ihren lieben Besuch in Tabarz gehofft und erwarteten Sie von Anfang August an täglich, und obwohl Sie nicht kamen, so haben wir uns doch täglich mit Ihnen beschäftigt, nicht allein in der Erwartung, sondern weil wir den ersten Teil Ihres Werkes gemeinschaftlich lasen und uns darüber unterhielten. Um so angenehmer ist mir jetzt Ihr Geschenk, und Alma, die mit mir in Kösen war, hat mir des Morgens am Gradierwerk daraus vorgelesen. — So sehr ich Ihnen auch den Genuß gönne, den Sie von Ihrer böhmischen Reise gehabt haben, wohltätiger würde es doch bei dieser großen Hitze gewesen sein, wenn Sie lieber eine kurze Zeit in Thüringen mn Fuße des Inselberges hätten leben können, wo die Luft so außerordentlich rein und kräftigend ist. — Aber Ihre „Pflichten"! — Ich kann Sie, mein verehrter Freund, nicht genug warnen, nicht zu viel zu arbeiten, Ihrem Körper mehr Pflege angedeihen zu lassen als bisher, denn Sic stehen bereits an der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit durch Ueberarbeitung, Ueberreizung Ihres Nerven-Shstems, und welche Folgen können sich daraus entwickeln! — Sie müssen nicht allein eine stärkendere Diät als bisher führen, besonders gute Fleischkost, gutes, bitteres Bier, auch wohl mittags einige Gläser guten Weins genießen, vor allem aber täglich zwei Stunden nach der Uhr in freier, gesunder Luft spazieren

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