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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 436 (sequence 6)
Language
German
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436 Lu den Landtagswahlen. Von Dr. S. Carpin. ie Landtagswahlen stehen vor der Tür. Das Jahr 1903 ist eben ein Wahljahr. Wie die Reichstagswahlen das Novum der Wahlzellen aufzuweisen hatte», so werden auch die diesmaligen Landtagswahlen mit einer eigenartigen neuen Erscheinung verbunden sein, nämlich der Beteiligung der Sozialdemokratie an den nach dem verruchtesten aller Wahlsysteme „stattfindenden" Klassenwahlen. Ohne gerade den politischen Propheten a la Bebel zu spielen, kann man doch behaupten, daß der Sozialdemokratie aus dieser Wahlsaat nicht viel ersprießen und in dieser Beziehung das Jahr 1903 schwerlich das ihm von vorneherein gegebene Epitheton ornans „rotes Wahljahr" rechtfertigen wird. Sollte jedoch trotz des Dreiklassenwahlshstems in Berlin, Breslau oder einer anderen Großstadt der Sozialdemokratie der Erfolg eines oder mehrerer Mandate erblühen, so dürften sicherlich als erste sozialdemokratische Preußische Landtagsabgeordnete Singer und Dr. Arons aus der Wahlurne hervorgehen. Allein die Wahl des einen oder anderen jüdischen Sozialdemokraten in der Reichshaupt- oder in einer anderen Großstadt ist für uns von gar keiner Bedeutung gegenüber der Frage: Wie stellen sich unsere Glaubensgenossen zu den Landtagswahlen in denjenigen Wahlkreisen, wo sie eine ausschlaggebende Rolle spielen können, bisher aber nicht oder nicht in genügendem Maße gespielt haben? Wir meinen damit eine Anzahl von Wahlbezirken in den östlichen Landesteilen, speziell in den Provinzen Posen, Schlesien und Westpreußen. Hier sind die Juden das Zünglein an der Wage zwischen Polen und Deutschen. Zwar sind sie selbst Deutsche und fühlen sich auch ausnahmslos als solche, vielfach sind sie sogar in diesen Gegenden die Hauptträger der deutschen Kultur, werden aber von den patentierten Deutschen, das heißt den dortigen Evangelischen, meist eingewanderten Beamten, welche das Deutschtum für sich in Erbpacht genommen zu haben glauben, nur kurz vor den Wahlen, wenn man ihre Stimmen braucht, als Deutsche im eigentlichen Sinne des Wortes betrachtet. Dan» wird an ihr Nationalgefühl mit beredten Worten appelliert, sonst aber werden sie als guantitö negligeable behandelt. So hat bei den Reichstagswahlen der bisherige Abgeordnete und konservative Kandidat int Kreise Meseritz- Bomst sich mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahrt uud behauptet, die zur Unterstützung seiner Wahl im Wahlkreise verbreiteten Flugblätter antisemitischen Charakters seien nicht vom Wahlkomitee im Wahlkreise selbst, sondern von der deutsch-konservativen Wahlleitung in Berlin hergestellt. In der Tat ist Gras Gersdorf mit jüdischer Wahlunterstützuug gegen den Polen gewählt worden. Möglicherweise ist der Herr Graf wirklich kein Antisemit in seines Herzens innerstem Kämmerlein sogar den Juden wohlwollend gesinnt. Aber die Fraktion als solche, der er angehört, ist durch uud durch antisemitisch angehaucht; gehörte doch Herr von Hammerstein einst zu ihren Koryphäen und Herr Stöcker, der ihin auch jetzt noch sehr nahe steht, zu ihrem Elferausschuß. Bei den Reichstagswahlen mag sich so mancher jüdische Wähler angesichts des Schlachtrufes: hier ein Deutscher — hier ein Pole! in einer gewissen Zwangslage befinden. Aber — so fragen wir — ist es taktisch richtig, nicht schon bei der Aufstellung des Kandidaten, anstatt Gewehr bei Fuß ruhig abseits zu stehen, sein Votum in die Wagschale zu werfen? Dies gilt für die jüdischen Wähler in noch höherem Maße bei den Landtagsals bei den Reichstagswahlen und zwar aus zweierlei Gründen: erstens hat der Reichstag nur selten und meist auch bloß indirekt Gelegenheit zu rein konfessionellen Fragen Stellung zu nehmen, während der Landtag bei de: Beratung des Kultusetat vielfach direkt vor die Entscheidung; rein konfessioneller Angelegenheiten gestellt ist; zweiten wählt zum Reichstag jeder Wahlkreis, auch der größte nur einen Abgeordneten, zum Landtag aber mindestens zwei, vielfach sogar drei. Hier können also auch Minoritäten bei de Auswahl der Kandidaten zur Geltung gelangen. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wirklich die jüdischen Wähler bei den letzten Landtagswahlen 1898 in verschiedenen Kreisen der Provinz Posen einen Druck ausgeübt, so daß neben den, konservativen Abgeordneten entschieden liberaler gewählt wurd- Auf solche Weise gelangte Schuldirektor Ernst in Schneidemühi. Landgerichtsrat Peltasohn in Bromberg für Gnesen-Znin und Justizrat Wolff-Lissa für Lissa-Fraustadt in das hohe Hau- . Alle drei gehören der „Freisinnigen Vereinigung" an; bio beiden letztgenannten sind unsere Glaubensgenossen. An un> für sich legen wir auf letzteren Umstand weniger Wert. Da- Judentum als solches kann und soll bei uns nie eine politische Partei nach Art der Zentrumspartei bilden. Selbstverständlich ist es von Wichtigkeit, daß wenigstens einige, mit Sack kenntnis ausgerüstete jüdischeAbgeordnete im Landtage vorhanden sind, um antisemitischen Angriffen, in Fälle», wo ein christlicher Abgeordneter sich erst inforinieren müßte, sofort die Spitze abzu brechen, doch genügen die beiden erwähnten Mitglieder der „freisinnigen Vereinigung", deren Wiederwahl keinem Zweifel unterliegt, neben den beiden Berliner Abgeordneten der „freisinnigen Volkspartei", Dr. Max Hirsch und Leopold Rosenow, zur Nei für diesen Zweck. Nicht ein jüdischer Abgeordneter um jeden Preis, sondern nur ein wirklich tüchtiger und charakterfester jüdischer Abgeordneter muß die Parole sein. Findet man einen geeigneteren christlichen Kandidaten, so wähle man ruhig diesen, wie dies auch die große Mehrzahl der jüdischen Wähler bei den letzten Wahlen in der Stadt Posen getan hat, wo de allgemein hochgeschätzte jüdische Stadtverorduetenvorstehe- Justizrat Lewinsky, dessen Liberalismus nicht als ganz sattelst!! galt, — für ihn traten hauptsächlich die Beamten ein — dem christlichen Kandidaten und Mitglied der „freisinnigen Volk- Partei, Baumeister Kindler, unterlag. Den Wahlaufruf für Kindler gegen Lewinsky unterschrieben u. a. die beiden Rabbinatsverweser, der beste Beweis dasür wie wenig sich im allgenreinen gerade die jüdische Wählerschan von einseitig konfessionellen Gesichtspunkten leiten läßt. Lieg: jedoch der umgekehrte Fall vor, d. h. hat man einen jüdischen Kandidaten, dessen geistige und Charaktereigenschaften, rhetorische Fähigkeiten rc. ihn unbedingt gegenüber denen de christlichen Mitbewerbers um das Mandat als den geeigneteren Vertreter des Wahlkreises erscheinen lassen, dann sei man auck andererseits aui jüdischer Seite nicht zu ängstlich und trete mit aller Energie für den Betreffenden ein. Solch ein Fat dürfte nach unserer genauen Kenntnis der Verhältnisse sieg im bevorstehenden Wahlkampfe im Jnowrazlawer Landtag-: Wahlkreise abspielen. Hier hat der langjährige, jetzt 86 jährig' nationalliberale Abgeordnete, welcher neben dem sreikonser vativen Herrn von Tiedemann-Labischin, den Wahlkreis vertra! Amtsrat Seer-Nischwitz, wegen seines hohen Alters auf di-' Wiederwahl verzichtet. Herr Seer war zwar uationallibera aber im alten Sinne der Parteibezeichnung und gemäß beu glorreichen Traditionen der Partei aus den siebziger Jahren konfessionell durchaus vorurteilslos. Ein unter der Flagg natioualliberaler Gesinnung neugewählter Abgeordneter dürfte aber kaum ebenso tolerant denken. Da nun die Inden im Wahlkreise nicht bloß numerism großen'Einfluß haben, sondern auch bei dem plutokratischen Charakter des Wahlsystems in den Städten beinahe die ganze zweite und erste Klasse bilden, so können sie mit Fug und Recht neben dem freikonservativen Abgeordneten anstatt de^-

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