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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 434 (sequence 4)
Language
German
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434 erst recht gegen diese materialistische Weltaussassung Front «rachen und den Herren, denen die religiöse Ueberzeugung ein Spielball, ein Tand, ein Schaustück ist, wo man bald nach der einen, bald nach der anderen Seite sich neigt und verbeugt, energisch Zurufen: Legt errere Gemeindeämter nieder, damit unsere Gemeinschaft bleibe, was sie ist, unser heiligstes Kleinod, unser fleckenloser Schild. Dir Mache. Berlin, 9. September, ie neueste Heldentat unserer im Zeichen des Antisemitismus vereinigten Gegner ist ein sogenannter Mittelstandskvngreß, der in dieser Woche in Stuttgart zusammen- -getreten ist, und zu dem sich, >vie es heißt, aus „verschiedenen mitteleuropäischen Staaten" Delegierte zusammengefunden haben. Näheres darüber ist uns bisher nicht bekannt geworden; wir ivissen noch nicht, ob in der Tat die Absicht dahin geht, der „roten" und der „goldenen" auch eine Internationale des Mittelstandes gegenüberzustellen. Als diejenige Partei, für welche die Judenhetze der Ausgangspunkt ihrer Tätigkeit geworden ist, sich darauf besann, daß zu einer Parteibildung auch positive Ziele gehören, gab sie an, die Interessen des Mittelstandes zu vertreten im Gegensätze zur Sozialdemokratie, welche die Klasseninteressen des Arbeiterstaudes vertritt, und zu anderen Parteien, denen die Absicht untergelegt wird, die Interessen der besitzenden Klassen zu vertreten. Wer gehört nun aber eigentlich zum Mittelstand? Man hört jetzt so oft das Wort — aber ein rechtes Bild von der Sache haben nur wenige. Gesetzt einmal, es ließe sich eine Klasse von Menschen abgrenzen, die man als Mittelstand bezeichnen könnte, weil sie einerseits nicht zu den Kapitalisten gerechnet werden können und andererseits durch ihre Bildung, vielleicht durch einige Mittel, jedenfalls aber durch ihre Gesinnung und drirch ihr Streben sich über das Proletariat erheben, wie sollte es möglich sein, gemeinsame Interessen ausfindig zu machen, wodurch diese Menschengruppe zusainmengehalten wird? Zu dieser Klasse würde doch wohl aus der kaufmännischen Bevölkerung auch zunächst der Krämer sicher gehören, der seinen Vorteil nur darin sucht, das, was er in größeren Mengen angekauft hat, bei der Vereinzelung mit einem kleinen Zuschläge wieder zu veräußern. Es »vürde ein gewisser Teil des Beamtentums hierher gehören, und natürlich die Angehörigen der gelehrten Berufe, die es zu keinen großen Erfolgen gebracht haben. Alle diese Personenklassen fühlen sich ja ausgeschlossen von den Vorteilen, die nur deir Wohlbegüterten zu statten kommen, und sie fühlen auf der anderen Seite eine Scheidewand zwischen sich und dem Proletariat. In all' diesen Gruppen sind aber viele Inden. Diese einzelnen Gruppen zu einem Ganzen zu verbinden, zu einer Partei, die klar erkannte Ziele verfolgen kann, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und noch weniger möglich erscheint es nach dieser Klassifikation, eine solche Partei gerade gegen die Juden ausspielen zu können. Aber freilich, den Antisemiten ist alles möglich. * Der italienische Kriegsminister General Ottolenghi hat an den Verlagsbuchhändler I. B. Brandeis in Prag, der in seinem Kalender Bild und Biographie Ottolenghis veröffentlicht, ein Schreiben gerichtet, dessen Inhalt es verdient, von den maßgebenden Persönlichkeiten der Armee in manchem seiner Kultur sich rühmenden Staate geivürdigt und von so vielen Juden, welche, sei es um Karriere zu machen, sei es aus materielleil oder gesellschaftlichen Gründen einen Glaubenswechsel an sich vollzogen haben oder zum mindesten sich ihres Judentums schämen, beherzigt zu werden. Das Schreiben lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Mein geehrter und wohlgeborener Herr! Ich erhielt das splendid gebundene Exemplar Ihres sehr geschätzten Jahrbuches, in welchem ich, recht angenehm überrascht, mein Bildnis mit einer mich betreffenden sehr schmeichelhaften Lebensjkizze vorsand. Von dem außerordentlichen Wohlwollen gegen mich absehend, beglückwünsche ich Sie von Herze», daß Sic durch ihre unverdrossene Werktätigkeit die Ehre des Judentunis gegen die unglücklichen Ideen des leider noch in vielen Länder» allzusehr herrschenden Vorurteils Hochhalten. Was mich persönlich betrifft, kann ich keine Worte finden, die geeignet wären, Ihnen meine innigste Dankbarkeit auszusprechen, die ich Ihnen für soviel Güte und Liebenswürdigkeit schulde; Sie hoben meine Verdienste und Eigenschaften, deren ich mir nicht bewußt bin, allzusehr hervor. Ich bin stolz daraus, dargetan zu haben, wie man bei uns in d er Armee zu den höchsten Würden gelangen und auch — zum erstenmal — die höchste Stufe eines Kriegsministers erreichen kann, ohne den Glauben seiner Ahnen verheimlichen oder verleugnen zu müssen. Gen. G. Ottolenghi." * Von zuverlässiger Seite ist uns der nachstehende geheime Erlaß des Herrn v. Plehwe zugegangen: Ministerium des Innern. Streng vertraulich! Polizei-Departement für die besondere Abteilung. An die Gouverneure, Stadtpräfekteu und Oberpolizei! Laut den dem Polizei-Departement vorliegenden Nachrichten über die sogenannten zionistischenGesellschasten haben diese ursprünglich die Aufgabe gestellt, eitle Uebersiedlung der Juden nach Palästina zu fördern, um daselbst einen unabhängigen jüdischen Staat zu schaffen. Jetzt wird die Verwirklichung des Gedankens in das Gebiet einer fernen Zukunft verschoben und die Tätigkeit auf die Entwicklung und Stärkung des nationalen jüdischen Gedankens gerichtet, indem die Schaffung einer in sich geschloffenen Organisation der Juden iw ihrem jetzigen Wohnort gepredigt wird. Diese Richtung, welche einer Verschmelzung der Juden mit den andern Völkern feindlich entgegentritt und die nationale Kluft zwischen ersteren uttd letzteren erweitert, widerspricht den Grundsätzen des Staatsgedankens und kann daher nicht geduldet werden. Infolgedessen halte ich in Bezug auf die zionistische Organisation es für erforderlich, folgende Entscheidung zu treffen: Ew. Hochwohlgeboren bitte ich, mir umgehend detaillierte Nachrichten über die in dem Ihnen anvertrauten Rayon bestehenden zionistischen Gruppen und Versammlungen sowie über ihre Bedeutung vom staatlichen und nationalen Gesichtspunkte aus zu geben. Da ich es jedoch für unaufschiebbar halte, Maßregeln zur Hemmung und Unterbrechlmg der anfänglich genehmigten zionistischen Organisation zu treffen, um so deren Weiterentwicklung nach der schädlichen Richtung hin zu verhindern, so halte ich es für meine Pflicht, noch bevor über die ganze Frage eine definitive Entscheidung getroffen werden kann, Ew. Hochwohlgeboren als Anleitung nachfolgende Anweisungen zu geben: 1. Die Propaganda des zionistischen Gedankens in öffentlichen Lokalitäten wie in Versammlungen mit öffentlichem Charakter ist zu verbieten. In dieser Hinsicht ist die Wirksamkeit der, speziellen Agitatoren der sogenannten „Maggidim" zu hemmen, welche in den Städten und Städtchen umherreisen und in Synagogen und allgemeinen Versammlungen Predigten halten, um ihre Zuhörer, namentlich aus den untern Ständen zum Eintritt in die Reihen der Anhänger des Zionismus zu bewegen. 2. Genau so müssen, insofern sie mit ihrer Wirksamkeit in Versammlungen und Zusammenkünften in die Oeffentlichkeit treten, alle bereits bestehenden zionistischen Organisationen, die in einem weitverzweigten Netze über ganz Rußland, einschließlich Sibirien. das Königreich Polen und das russische Zentralafien, verbreitet sind, unterdrückt «ub verboten werden.

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