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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-11 · Heft 37 (11.9.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 11. September 1903. (57. Jahrgang. Ao. 37. eitung desAudentums. Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. j Diese Zeitung erscheint wöchentlich. j Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, j Post oder direkt von der Expedition in Berlin i unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M.! Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Leichen der Leit. Berlin, 9. September. in evangelischer Professor der Philosophie an einer großen deutschen Universität, der ein unparteiisches Interesse für unsere jüdischen Gemeindeangelegenheiten zu haben schien, sagte uns eines Tages: „Merkwürdig ist bei Ihnen die Stellung l>er Rabbiner, wie mir Kollge S. (er war an derselben Universität Professor der Medizin) neulich sagte, habe er als Obervorsteher den Rabbiner und die ganze Richtung der Gemeinde vollständig in der Hand." Nun, da sonst die meisten Philosophen über „Hierarchie" klagen und bei den anderen religiösen Gemeinschaften wohl nicht ganz mit Unrecht, könnten die Herren und wir mit diesem Zustand, der ja annähernd scheinbar das Schlagwort „Freie Kirche tu freien Staaten" in die Wirklichkeit umsetzt, eigentlich ganz zufrieden sein, denn Eingriffe in ihre Rechte und in den Kultus lassen sich unsere Rabbiner deshalb doch nicht gefallen. Wir sind jedenfalls froh, daß wir weder ein offizielles „Staatsjudentum", noch eine reine klerikale Hierarchie haben. Und um ein rein administratives Kehilla-„Vorsteherjudentum", wie es manche vielleicht wünschen, in Szene zu setzen, dazu sind die Verhältnisse nicht angetan. Das lieben sich die Gemeinden keineswegs gefallen. Hie und da sind sie auch entweder zu sehr vont religiösen Jndifferentisntus angekränkelt oder sie haben doch zuviel religiösen Kern. Die meisten Vorsteher sehen mit schönem Eifer nach dem Rechten und füllen ihre Verwaltungsämter bei uns gewissenhast aus, wie sie es in der Verwaltung der bürgerlichen Kommune meist mit gleichem Eifer tun. Aber eilte Forderung darf uttd muß man heute an sie stellen, so komisch diese auch klingen mag: Juden müssen sie sein! Denn was würde eben jener Philosoph und Pädagoge gesagt haben, wenn wir ihm erzählt hätten, es gebe bei uns Synagogenvorsteher, die ihre eigenen Kinder der Taufe zuführen und dabei ruhig weiter dem Rabbiner und der Gemeinde gegenüber Vorsteher spielen. Es liegt uns ein Eingesandt aus einer rheinischen Stadt vor, in dem es heißt: „Unter den Repräsentanten, also nur denjenigen, die dazu berufen sind, nach außen und innen hin die Gemeinde zu repräsentieren, befinden sich zwei Herren, die ihre Kinder haben taufen lassen, — aus welchen Gründen, mag dahingestellt bleiben. Ferner hat vor einigen Tagen ein Mitglied des Vorstandes seine Nachkommenschaft dem Christentum durch den Akt der Taufe zugeführt. Es liegt uns nichts ferner, als die privaten Verhältnisse der Herreit hier zu kritisieren; jeder soll nach seiner Fayon selig werden und niemand kanit ihnen verwehren, ihre Söhne und Töchter dem Judentum zu entziehen. Protest muß man aber dagegen erheben, daß ihnen die höchsten Ehrenämter anvertraut werden, welche die Gemeinde zu vergeben hat." In der Tat haben ehrenhafte Leute stets, selbst wenn (wie wir zur Ehre aller dieser Herren annehmen wollen) die Taufe ihrer Kinder ganz gegen ihren Willen erfolgte, die Konsequenzen daraus gezogen und ihre Aemter innerhalb der jüdischen Gemeinde bald niedergelegt. Neuerdings wenigstens könnte sich ein Fall wie der jenes nunmehr verstorbenen westfälischen Justizrats nicht mehr ereignen, der Vorsteher einer jüdischen Gemeinde und Delegierter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes war und bleiben wollte, obwohl er seilte Tochter in seinem eigenen Hause katholisch trauen ließ. Dergleichen kann uns in den Augen aller ehrlichen Vertreter der anderen religiösen Gemeinschasten wahrlich keine Achtung erwerben, im Gegenteil! Wie ja auch der genannte Ordinarius der Philosophie diese Rückgratlosigkeit als den Tod alles religiösen Lebens geißelte. In dem Presbyterium einer evangelisch-lutherischen Gemeinde sollten einige Männer sitzen, welche ihre Kinder einer anderen Religionsgemeinschaft, der katholischett oder jüdischen, zugeführt haben! Keinen Augenblick länger nach Bekanntwerden des Entschlußes hätten diese Männer das Ehrenamt verseheit dürfen. Sie wären einfach innerhalb des Verbandes unntöggeworden. In unserer kontpromißlustigen Zeit, in der auf fast allen Gebieten ein schwunghafter „Kuhhandel" mit idealen Positionen getrieben wird, bei Vielen männliche Charakterstärke und Ueberzeugungstreue in religiösen Dingen seltener werden, soll inan uns den „Schacherjuden" wahrhaftig nicht auf einem Gebiete vorwerfen dürfen, das von jeher unser Stolz und unsere sittliche Größe war, auf dem Gebiete der Religion, die miser allerheiligstes Gut bildet, bei dem es keine Komprontisse ans Gründen des -Scheins und der Opportunität gibt. Von selbst wird die Taufe der Kinder sich an den Vätertt ohnehin ja leider meistens rächen, wenn näinlich diese noch einen Funken ehrlichen Gefühls haben. Denn der Familienfriede ist ja dann doch vernichtet. Ginge es aber nicht anders in unserem Staate, der ja noch die Verfassung hat, mit den Kindern, so müssen diese Herren Väter selbst doch in jedent Falle ihre Aemter als Vorsteher jüdischer Kultusgemeinden sofort niederlegen. Das ist doch wohl selbstverständlich! Wisseit übrigens diese Herren Vorsteher nicht, daß die evangelischen Synoden kürzlich die „Scheintaufe" (und etwas anderes kann doch in diesen Fällen nicht in Frage komnteu) ganz energisch verurteilt haben. Unsere Väter sind für ihren Glauben mit dem Schma Jisroel auf den Lippen lieber in den Tod gegangen, ehe sie sich zur Heuchelei und Lüge einfangen ließen. Wie müssen sich heute aber die professionellen Seelenfänger ins Fäustchen lachen, da ihre Früchte langsam reifen, wie müssen alle Ehrlichen aber tiefe Scham über diese Religionsmengerei empfinden! Und wenn es vielleicht auch nur der Tanz um das goldene Kalb, uttt das Geld wäre, wenn man beschönigend sagt: „Ach, diese Dinge sind ja nicht der Rede wert", — so müssen wir Juden

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