Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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lN ihrer Spitze, unter britischer oberhoheitlicher Ueberwachung. Zum Zchluß berichtete Herzl noch über seine jüngste Reise nach Rußland. Lr bemühte sich, einige Verbesserungen der traurigen Lage der dortigen Zuden zu befürworten. Nach beu Mitteilungen des Dr. Herzl zeigte ich die russische Negierung bereit, die Expatriierungsbestrebungen der Zionisten in Rußland nach Kräften zu fördern und die Auswanderung der Juden sogar durch Geldmittel zu unterstützen. Auch will die ussische Regierung beim Sultan auf die Genehmigung zur Gründung jüdischer Kolonien in Palästina hinwirken. Die Wahl des Bureaus rgab als Präsidenten Dr. Herzl, als Vizepräsidenten Dr. M. Nordau, Lr. M. Mandelstamm, Sir Francis Montefiore. Dr. M. Bodenheimer. In der Nachmittagssitzung gab Architekt Marmorek den Bericht?es Aktionskomitees, nach den: sich die Bewegung immer mehr ausueitet. Am größten ist der Zuwachs natürlich in Rußland, das aus illen seinen Teilen Delegierte, zum erstenmal auch Vertreter der kauasischen Bergjuden entsendet hat. Eine starke Vergrößerung sei auch n Deutschland und der Schweiz zu konstatieren. Neue Organisationen ntstanden in Norwegen, Dänemark, Griechenland. Nordafrika, 5ochinchina, Australien und der Mandschurei. Zur Prüfung des Ostasrika-Projekts wird hierauf von Färb st ei n-Zürich Einsetzung iller Komnlission beantragt. Im Verlaufe der Sitzung kommt s zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Trietsch. der die Kolonisation von El Arisch fordert, und dem Vorstand. Der zweite 3erhandlungstag wird durch eine große Rede von Max Nordau ingeleitet, auf die Sie wohl an anderer Stelle zurückkommen. Nossigöerlin versucht noch eimnal eine Kritik des Aktionskomitees — aber vergeblich. Gegner kommen überhaupt nicht zu Worte oder werden üedergeschrien. Irr der Nachmittagssitzung erstattet Pinelestzalatz Bericht namens der rumänischen Landsmannschaft. Dann inib die Debatte über den Bericht in sehr aufgeregter Weise sorti.esetzt. Dr. Herzl beantlvortet alle Fragen und Angriffe in durchaus würdiger und sachverständiger Weise. Ueber seine Verhandlungen mit yem russischen Minister publizierte Herzl folgenden Brief des Herrn >. Plehwe: Mein Herr! Sie haben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Uilterhaltung u bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gerne statt, um alles zu enternen, was übertriebene Hoffnungen oder beunruhigende Zweifel enttehen lassen könnte. Ich habe Gelegenheit gehabt, Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntnis;u geben, aus dem die russische Regierung zur Zeit den Zionismus ^trachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nämlich sehr leicht die Notwendigkeit nahe legen, ihre Politik der Duldung gegen Maßregeln;u vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind, solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Ltaat in Palästina 511 schaffen und solange er die Auswanderung iner gewissen Anzahl jüdischer Untertanen aus Rußland zu rganisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben scheint, um durch eine einfache Propaganda ^er jüdisch-nationalen Zusammenfassung iu Rußland ersetzt zu werden, st es natürlich, daß die Regierung diese neue Bahn des Zionismus n keinem Falle dulden kann. Er hätte kein anderes Ergebnis, als Gruppen von Individuen zu schaffen, die den vaterländischen Gefühlen, welche die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd rnd sogar feindlich gegeuüberstehen würden. Deshalb könnte dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegeben werden, daß er zu seinem alten Aktionsrogramm zurückkehrt. In diesem Falle könnte er von dem Tage an ms moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner raktischeu Maßregeln zur Verminderung der jüdischen Bevölkerung u Rußland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der wnistischen Bevollmächtigten bei der ottomauischen Regierung, in der rleichterung der Tätigkeit der Auswanderungs-Gesellschaften und ogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften, selbstverständlich nicht aus Staatsmitteln, sondern aus Abgaben, die von ^en Juden erhoben werden. Ich halte für nötig hinzuzufügen, daß die russische Regierung, die erpflichtet ist, ihre Handlungsweise in der Judensrage den Staatsrnteressen anzupassen, gleichwohl niemals von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist. Noch in der allerletzten Zeit hat sie eben die Wohnrechte innerhalb der Grenzen der Gebiete, die der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, erweitert, und nichts hindert zu hoffen, daß die Entwicklung dieser Maßregeln zur Verbesserung der Daseinsbedingungen der russischen Juden dienen würde, besonders wenn die Auswanderung ihre Zahl vermindert. . Sie wollen die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle ententgegennehmen. v. Plehwe. Den 30. Juli — 12. August 1903. Am Morgen des 3. Verhandlungstages sprach I. Zangwill in seinerbekaunten agressiven Weise über den Zionismus und die Wohltätigkeitsanstalten. Ein abermaliger häßlicher Ausfall gegenRabbiJochanan beu Sakkai ries die Rabbiner der „Misrachi-Partei" auf den Plan, die durch Dr. Nobel-Leipzig entschieden dagegen protestierten. In der Nachmittagssitzung begann das große Nedeturnier über Ostafrika, zu dem sich über 70 Redner gemeldet hatten. Von Interesse ist nur, daß Dr. Kohan-Berustein-Kischinew namens der russischen Landsmannschaft eine Resolution vorlegt, in welcher die politische Bedeutung des englischen Vorschlags wohl anerkannt, das Projekt selbst aber abgelehnt wird. Es sprechen noch die verschiedensten Redner, die im wesentlichen aber die Gründe für und wider immer wiederholen. Am 4. Verhandlungstag hält Dr. Franz Oppenheimer einen sehr interessanten Vortrag über Änsiedlung. wohl das Bedeutendste, was ans diesem Kongreß zu hören war. Dann wird die recht unerquicklich sich gestaltende Debatte über Ostafrika fortgesetzt. Neue Momente werden nicht vorgebracht. Zum Schluß läßt Herzl durch I. Greenberg- London das folgende Dokument von Sir Clement Hill verlesen: „Sehr geehrter Herr! Herr Chamberlain teilte dem Marquis von Lansdowne den Brief mit, den Sie unter dem 13. v. M. an ihn gerichtet haben, und der den Entwurf eines Vertrages enthielt, den Dr. Herzl zum Abschluß zwischen Sr. Majestät Negierung und der jüdischen Kolonialbauk vorschlägt und der die Errichtung einer jüdischen Siedelung in Ostafrika bezweckt. Se. Herrlichkeir hat auch die Bemerkungen erwogen, die Sie am 6. d. M. gelegentlich Ihrer Unterredung mit Sir E. Barrington und Mr. Hurst iu diesen! Amte machten. Ich bin nun von Sr. Herrlichkeit beauftragt, zu sagen, daß Sie die Frage mit dem Interesse studiert haben, daß Sr. Majestät Regierung immer an jedem wohlerwogenen Plan nehmen muß, der die Besserung der Lage der jüdischen Rasse bezweckt. Die Zeit, über die sie verfügten, war zu kurz, als daß es ihr möglich geworden wäre, auf alle Einzelheiten des Plans einzugehen oder ihn mit Sr. Majestät Vertreter für das ostasrikanische Protektorat zu erörtern, sie bedauern daher, daß sie nicht in der Lage sind, eine endgültige Meinung über die Angelegenheit auszud rücken. Lord Landsdowne nimmt an, daß die Bank einige Herren in das ostafrikanische Schutzgebiet zu senden wünsche, die persönlich feststellen sollen, ob es dort freies Land gibt, das sich für die ins Auge gefaßten Zwecke eignet, und wenn dies der Fall ist, wird er sich glücklich schätzen, ihnen jede Erleichterung zu gewähren, damit sie mit Sr. Majestät Vertreter die Möglichkeit erörtern, den Anschauungen entgegen zu kornmen, die am nächsten Ziouistenkongreß in Betreff der Bedingungen ausgedrückt werden dürsten, unter denen eine Niederlassung möglich sein würde. Wenn ein Landstrich gesunden werden kann, den die Bank und Sr. Majestät Vertreter als geeignet betrachten, und der Sr. Majestät Negierung empfehlenswert scheint, dann wird Lord Lansdowne geneigt sein, Vorschläge zur Errichtung einer jüdischen Kolonie oder Ansiedelung unter Bedingungen günstig aufzunehmen, die den Mitgliedern die Möglichkeit gewähren, ihre Volksbräuche zu beobachten. Zu diesen! Zwecke würde er geneigt sein, wenn ein geeigneter Landstrich gefunden ist, und vorbehaltlich der Meinung der Berater des Staatssekretärs in Ostafrika, die Einzelheiten eines Planes zu erörtern, dessen Hauptpunkte sein sollen: die Gewährung eines ansehnlichen Stückes Land, die Ernennung eines jüdischen Beamten zum Oberhaupt der örtlichen Verwaltungsbehörde und die Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit an die Kolonie für Munizipalgesetzgebung und für die Ordnung der religiösen und ausschließlich inneren Verwaltungsaugelegenheiten; dieses örtliche Selbstverwaltungsrecht muß indes das Recht Sr. Majestät Negierung unberührt l a sseu, eine allgemeine Oberauf sicht zu üben. Es ist zur Zeit unnötig, die Einzelheiten der Bedingungen zu erwägen, unter denen das Land bewilligt werden würde, ob dies in Foriu eines Verkaufs oder einer Pacht geschehen würde, aber Seine