Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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-4 Herrlichkeit nimmt an, daß kein Teil der Verwaltungskosteu der Siedelung Sr. Majestät Regierung zur Last fallen würde, und letztere würde sich das Recht Vorbehalten, das Land wieder in Besitz zu nehmen, wenn die Siedelung sich als Mißerfolg erweisen sollte." Das Aktionskomitee schlug nun folgende Resolution vor: „Zur Prüfung der Frage des von der britischen Negierung so hochherzig in Allssicht gestellten Gebietes beschließt der Kongreß, eine Konnnission einzusetzen. Diese Kommission soll aus lleun Mitgliedern bestehen. Es ist ihre Aufgabe, dem engeren Aktionskomitee mit beratender Stimme beizustehen für die Frage der Entsendilug einer Expedition in das zu erforschende Land. Die Kosten der Expedition dürfen aber weder von der jüdischen Kolonialbank, noch aus dem Natioualfouds entnonlmen werden. Ueber die Beschaffllng der Mittel hat sich der Finanzausschuß mit dem engeren Aktionskomitee ins Einvernehmen zu setzen. Der Beschluß über die Besiedelung Ostafrikas wird einem eigens hierzu einznberufenden Kongreß Vorbehalten." Diese Resolution wurde mit 259 gegen 177 Stimmen bei 35 Stimnlenthaltungen angenommen. Die meisten denl Ostafrika- Projekt feindlich gegenüberstehenden Rllsselr verließen nach der Entscheidung demonstrativ den Saal. — Vom deutschen Kaiser, dem der Kongreß telegraphiert hatte, ging folgende Antwort ein: „Potsdam. Herrn Dr. Bodenheimer, Basel. Seine Majestät der Kaiser und König lassen dem 6. Zionistenkongreß für den Huldigungsgruß danken. Auf Allerhöchsten Befehl. Der geheime Kabinettsrat v. Lncanus. In der Nachmittagssitzung sprach Sir Francis Montefi or e über Organisation und Agitation, matt und unbedeutend wie immer. Biel interessanter war der Vortrag, mit dein N. S okol ow-Warschau den V. Verhandlungstag eröffnete. Er sprach über den Zionismus und die Wohltätigkeit im Osten. An 30 Millionen Rubel geben die blutarmen russischeil Inden jährlich für religiöse und Wohltätigkeitszlvecke aus. Hierauf erstattete K re m enetzki°Wien den Bericht über den Nationalfond, für den bis jetzt 500000 Franks gesammelt sind. Ein Antrag, die Kosten der Ostafrika-Expedition dürfen nicht aus diesem Fond, überhaupt nicht aus Kongreßgeldern genommen werden, findet allgemeine Annahme. In der Nachmittagssitzuug referiert Wolfsohn- Köin über die jüdische Kolonialbauk, die zwei Prozent Dividende in diesern Jahre gebe. Ein Gewinn von 6000 Pfund sei erzielt worden. Hierauf berichtet Sokolow über den Plan seiner hebräischen Encyklopädie, die durch die Hochherzigkeit eines Herrn Tworok ans Eaptown finanziell bereits vollständig gesichert ist. Es folgt ein Antrag Soskiu, eine Kommission zur Erforschung Palästinas zu wählen, der ohne Debatte angenommen wird. In einer Nachtsitzung lvird über den Vortrag Oppenheimers debattiert. Die Verwendung des Natioualfouds gibt von neuem Anlaß zu sehr erregten Auseinandersetzungen. Schließlich wird ein Ausschuß von neun Mitgliedern zur Beratung über alle Anträge, die diesen Punkt betreffen, gewählt. Am Freitag fand die Generalversammlung der Kolonialbauk statt, die den Beschluß faßte, in Rußland eine Filiale zu errichten. Nachlnittags war die letzte Sitzung des Kongresses. In die Kommission zur Prüfung der Ostafrikafrage lvurden u. a. gewählt: Professor Marburg-Berlin, Dr. Franz Oppenheimer-Berlin, Privatdozent Dr. Weizmann-Genf, Dr. Alexander Marmorek-Paris. Ingenieur Keßler-Südafrika, Mr. Greenberg-Loudon. Mit einem Schlußloort von Dr. Herzl fand der Kongreß sein Ende. . - Dänemark.? Kopenhagen, 30. August. Am 29. d. M. Abends ist der zweite Rabbiner der hiesigen Gemeillde, Herr Dr. Hirsch Goitein, an einem Herzschlag nach kurzen: Krankenlager gestorben. Die Traner um den Verlust ist eine allgemeine, da der Verstorbene schon in der kurzen Zeit seiner hiesigen Amtstätigkeit es verstanden hat, sich allgemeine Achtung zu erringen. Goitein, ein geborener Ungar, erreichte nur ein Alter von etwa 40 Jahren. Er studierte am Berliner Rabbinerseminar und wurde dann Rabbiner in Nachod, von wo er vor vier Jahren hierherberufen wurde. Seine Studien erstreckten sich hauptsächlich auf das Gebiet der Religionsphilosophie. Zu neuner: sind: „Optimismus und Pessimismus in der jüdischen Religionsphilosophie" lBerlin 1890), „Das Vergeltuugspriuzip in: biblischen und talmudischen Strafrecht" (Frankfurt a. M. 1893), „Die Bibel über den Wert des Lebens" (ebd. 1894), „Ankläger und Verteidiger des Talmud" lBerlin 1896). Ehre den: Andenken des wackeren Mannes! Von Sah und Fern. ----- Das Wahlkomitee der Freisinnigen Volkspartei des 4. Berliner Landtagswahlkreises hat einstimmig beschlösse::, den Urwählern und Wahlmännern an Stelle des verstorbenen Abgeordneten Munkel die Wahl des Herrn Justizrats Stadtverordneten Cassel vorzuschlagen. — Die Stipendien der Michael Beer'schen Stiftung sind, wie der Senat der Berliner königlichen Akademie der Künste (Sektion für bildende Künste) mitteilt, für das Jahr 1904 zu vergeben. Der Wettbewerb um die erste Stiftung, die für jüdische Maler aller Fächer eröffnet ist, läuft au: 1. März 1904 ab; der Preis beträgt 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien. — Den: Privatdozente: in der medicinischenFakultat.derFriedrich-Wilhelms-Universitätzu Berlin Dr. Leopold Casper ist das Prädikat „Professor" beigetegt worden. — Dem Kommerzienrat Juli::s M ar ti n F ri e d l än d er in Berlin ist die nachgesuchte Entlassung aus dem Amte als Handelsrichter erteilt und zugleich der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. — Amtsrichter Plonsker in Schwetz ist zun: Amtsgerichtsrat befördert worden. — Zn Sanitätsräten wurden ernannt: Dr. Karl Wollheim, Dr. W. Gräffner in Berlin, Dr. K. Heymann in Wiesbaden, Dr. Riegner in Breslau, Dr. Bo den st ein inKolberg, Dr. E. Cohn in Frankfurt a. M., Dr. Dentschläuder in Frankfurt a. O., Dr. L. Falk in Hamm, Dr. Gold stein in Gr. Lichter fel de, Dr. Großmann in Fried richsfe lde, Dr. Neubürger in Frankfurt a. M., Dr. L. Oppenheimer in Köln, Dr. Trier in Altona. — Der neue preußische Kriegsmiuister, Herr von Einem, hat bei den Antiserniteu schon jetzt verschüttet. Das Hamburger „Deutsche Blatt" :::acht zu dem erwähnten Bescheid des Kriegsministers in Sachen der Zurückweisung eines Breslauer jüdischen Zweijährig. Freiwilligen die höhnische Bemerkung: Herr von Einen: „paßt allerdings ins Ministerium des Ballinkurses". — Als Professor der Geschichte an der neuen Akadenlie in Posen ist Archivrat Dr. Warschauer daselbst in Aussicht genommen. — Der Chef der Bankfirma H. C. Plaut, Herr Kommerzienrat Sieskind in Leipzig, ist vom Herzog von Anhalt zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden. — Aus Oberhof in Thüringeu wird berichtet, daß der Besitzer des nahen Restaurants Gehlberger Mühle in seinen: Prospekt „Gehlberg" als „judenrein" empfiehlt. Dagegen ist Brückenau nicht unter den „antisemitischen Badeorten" mit aufzuführen. Es ist also vor den: Besuche dieses Badeortes durchaus nicht zu warnen. — Professor Dr. Rudolf Lipschütz in Bonn, dessen Jubiläum wieder ein jüdisches Blatt feierte, ist kein Jude. — Der Kaiser hat den: Landgerichtsrat Dr. S omm er zu Frankfurt a. M. de:: Kronenorden III. Klasse verliehen. — Dr. Theodor Neu bürg er, früheres Mitglied des Gemeindeausschusses der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. und eine Zeitlang Präsident derselben, feierte am 22. v. M. das goldene Jubiläum seiner Doktorpromotiou. Als Arzt hat der Jubilar sich in Praxis rn:d Wissenschaft und als Stadtverordneter im Frankfurter Gemeindewesen einen hochachtbaren Namen zu erwerben gewußt, sodaß weite Kreise der Bevölkerung an seinem Ehrentage reges Interesse nahu:en. Es wurde eine Neubürger-Siiftung gegründet, :u:d sind hierzu von seinen Verehrern 75 000 Mark gesamrnelt. — Rabbiner Dr. Staripolsky zu Zabern beging an: 23. v. M. sein 25 jähriges Dienstjubiläum. Von Stuttgart wurde er seinerzeit nach Straßburg berufen. Das Konsistorium übertrug ihn: später nach einander die Stellen in Quatzenheim und Oberehnheim. Von da kam er nach Zabern, wo er seit einer Reihe von Jahren segensreich wirkt. Auch schriftstellerisch ist der Jubilar vielfach tätig gewesen.—Die erste Dame, die zum Marinearzt in Frankreich ernannt wurde, ist eine russische Jüdin, Fräulein S. A. Br oydo. Sie hat ihre Studien inParis absolviert. — Der „Figaro" greift die Louvreverwaltung wegen der mit moabitischen Inschriften versehenen, auf Antrag Clermont Ganneaus angekauften Stele von Mesa an, die einer Schrift des Dr. Albert Löwy in London zufolge gefälscht ist. Clermont Gannean erklärt dagegen, diese Angriffe ruhig abwarten zu können. Frühere ungenügend begründete Zweifel desselben Gelehrten seien siegreich bekämpft worden. Seit 1873 sei das Gutachten Renans und Vogu^s allseitig anerkannt. — Gegen den Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „El Roued el Osmani" in Alexandria — er heißt Mohammed Bey Kewey — der bereits einmal wegen antisemitischer Aufreizungen zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, auf seine Appellation hin aber freigesprochen worden war, ist eben ein neuer Prozeß anhängig gemacht worden.