Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 432 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Söhne haben es übernommen . . . aber es is doch sein Ncnnei und sein Hans, das in Konkurs geht. . „So etwas kommt doch aber sehr häufig vor, mein lieber Freund." „Sie wollen mir sagen, daß so etwas früher häufig vorgekommen. Mir! Ich hab's erlebt, daß so etwas vorkommt. Kleinigkeit, Herr Doktor was is vorgekommen in unserer Khille. Spaß hat sich getan? Das große Konkursjahr? Wo jeden Tag ein anderer is pleite gegangen und man hat nich gewußt, steht man aus'n Kopp oder auf die Füß. Alles hat gewackelt. Die feinsten Leut. . . einer hat iunuer den andern mit sich geschleppt und mau hat sich nicht mehr getraut, seinen bestell Freund 500 Taler auf ein Wechsel zu diskontieren. Heut hat man von dem gemuukelt und morgen von dem und leider Gottes, es is kein Spahn, wo nich is was dran . .. wie die Fliegen sind sie gefallen und ein Wunder war's wenn sich einer hat aufrecht gehalten. Geld verloren aber hat jeder, was meinen Sie Herr Doktor Hab' ich geblutet, und die Krisis war so schrecklich, daß Jahre sind vergangen bevor man hat wieder aiigefaugeu sich aufznraffen. Und viele, die einmal groß dagestauden sind, haben sich überhaupt nicht mehr gekonnt erholen und sind als arme Leut zu Grunde gegangen. Das waren die Ehrlichen, die ihren letzten Groschen hab'u hergegeben, und andere sind wieder reich geworden an der Krisis, das waren die Lumpen und die Betrüger, die die gute Gelegenheit benutzt haben, ihren Verpflichtungen nicht uachzukommeu. In dem Geruder kam es auf ein Paar Pleites mehr wirklich nicht an. . er lachte fein leises Lachen, „und was den größern Häusern passierte, das konnte den andern auch passieren. Der Unterschied war nur der, Friedeuthal und Silberstein und Mauasse und andere waren durch die Katastrophen, die auf dem ganzen Weltmarkt herrschten mit hineiugeraten und es war ein großer Schrecken und ein entsetzliches Unglück über sie hereingebrochen. Die faulen Koppe aber profitierten davon. Wie Saul Pleitegeher und Josua Krotoschiner aufs Amtsgericht gingen und Konkurs anmeldeten, lachte die ganze Khille, dann erst geriet man in Wut. Saul war erst vor zwei Jahren bankerott und mit 20 Prozent akkordiert geworden und Josua mit seinem großen Spiritusgeschäft stand gar nicht in Verbindung mit den Leuten und kein Mensch hatte gehört, wer ihm ist schuldig geblieben, sodaß er nicht hätt' zahlen können. Aber die Konjunktur war günstig, und sich mal so mit 15 Prozelck'auszugleichen war ein feines Geschäft. 85 Prozent netto. Was sollten die Leut nebbich machen, besser etwas, une garuichts. Das sagten sich damals die Gläubiger fast jedesmal. Mein Schwiegervater hat auch gekonnt ein Lied davon singen. Seine zwauzigtausend Taler hat er eingebüßt auf diese Weise, mit diskontierte Wechsel . .. und es war keine leichte Sach', daß wir sind mit heile Glieder rausgekommen aus der Krisis. Aber das muß ich Ihnen sagen, mein Schwiegervater war ein Ehrenmann und er hat zu mir gesagt, hör' mal an Josef, lieber den letzten Pfennig auszahlen, eh' ein Fleck auf mein Namen und auf unserer Ehr! Du bist ein fleißiger Mensch und unser Kredit is gut und die Zeiten wern sich ändern und das Geschäft genießt Vertrauen uufc> Hosen und Nöck und Kleider braucht jeder, und sie wern wieder Tuch kaufen und Buckskin und andere Stoffe und wir wern wieder verdienen und einbringen, was wir jetzt verlieren, denn wir verlieren es nicht an unserm Geschäft, sondern an andere Leute, denen ich habe vertraut. Und ich will nicht sein, wie Saul Pleitegeher und Josua Krotoschiner; laß sie reich wern am Unglück anderer. Ein schwarz Jahr auf sie. Es is gekommen, Herr Doktor; aber viel später erst, nachdem die andern schon wieder sich erholt hacken und viele davon zu Wohlstand gekommen waren . . . nur auch, Herr Doktor. Wie mein Schwiegervater is gestorben, noch vor'm großen Krieg, waren wir schon längst wieder die erstell am Platz mit Manufakturwaren und unser Ansehn war gewachsen, weil wir zu den wenigen gehört hatten, die die schwere Zeit haben durchgemacht, ohne zu wanken. Und Achtung und Freundschaft Hab' ich mir damals erworben lind das war mehr wert als das verlorene Geld. Und nach dieser traurigen Zeit kam doch ein besserer Geist in die Gemeinde. Bildung und feinere Sitten wurden allgemeiner. Ohne daß man recht bemerkte, wie es vor sich ging, kam doch ein lleuer, freierer Zug in alle Angelegenheiten der Khille. Die Verständigen erkannten die Notwendigkeit, und wenn sie auch mit Schmerzen manches verloren gehen sahen, worall sie gehangen hatten, so sahen sie doch ein, daß dies der Lauf der Welt ist rrnd der Zeiten, andere aber wühlten weiter, die Schwarzen, die kein Helles Licht vertrugell mrd keine frische Luft. Und den Rabbiner machten sie dafür verantwortlich, der mit seinen modernen Ideen die Khille reformiert haben sollte. Ich bin ein alter Mann und ich habe unter ben Wandlungen und Veränderungen der Zeiten viel zu leiden gehabt, mehr lvie viele andere, denn ich bin geworden mißverstanden und vereinsamt, aber niemals wäre mir eingefallen, jemand dafür verantwortlich zu machen. Was kann ein Einzelner dazu tun? Was ist er, was bedeutet er in der großen, allgemeinen Fortbewegung und Entwicklung der Gesammtheit? Wer ist der und jener? Eill Sandkorn. das die gewaltige Weltmaschine zermalmt. Und daun kommen andere und wieder andere und wieder andere, durch Millionen Jahre . . . und jeder ist etwas und glaubt etwas zu sein und keiner ist etwas — keiner. Keiner mehr als nötig ist, um das Ganze vorwärts zu bringen." . . . (Forts, folgt.) Literarische Mitteilungen. — Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Frankel, fortgesetzt von Prof. Dr. H. Graetz. Neue Folge, im Verein mit Prof. Dr. David Kaufmann s. A. ins Leben gerufen uub herausgegeben von Dr. M. Braun. Siebenundvierzigster Jahrgang. Nene Folge, elfter Jahrgang, Mai und Juni 1903. Verlag von Wilhelm Koebner, Breslau. Inhalt: Sigmund Jampel: Die Wiederherstellung Israels unter den Achämiden. (Fortsetzung.) — Dr. I. Scheftelowitz: Zur Kritik des griechischen und massoretischen Buches Esther. (Fortsetzung.) — L. Treitel: Der Nomos, insonderheit Sabbath und Feste, in philonischer Beleuchtung, an der Hand voll Philos' Schrift ve septonnmio. — Dr. M. Güdemann: Das Judentum im lleutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung (Schluß). — Dr. Josef Eschelbacher: Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christentums. (Fortsetzuilg.) — Dr. Ph. Bloch: Der Streit um den Moreh des Maimonides in der Gemeinde Posen um die Mitte des XVI. Jahrhlmderts. (Fortsetzung.) Moritz Steinschneider: Purim und Parodie. (Fortsetzung.) — Besprechung: Guttmanll I. Die Scholastik des XIII. Jahrhunderts in ihren Beziehuilgen zum Judentum ruld zur jüdischell Literatur. Von I. Elbogeil. Sgrechsaal. Geehrter Herr Redakteur! ern Verfasser des Artikels „DerFriedhof der Heimatlosen" (Nr. 35, S. 419) ist ein Irrtum unterlaufen: Die Königin von Rumänien hat den Denkstein auf Sylt gestiftet, die auf ihm eillgegrabenen schönen Verse jedoch haben den Oberhofprediger D. Rudolf Kögel zum Verfasser. Berlin, 28. August. Dr. Eugen Wölbe. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.