Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 431 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nun lag wohl bei dem unablässigen Bestreben der Stoa, einen konsequenten Mikrokosmos auszubilden, der Gedanke nahe, den Sitz der Seele in den Kopf zu verlegen. weil auch im Kosmos das Haupt der Welt, der Himmel, Sitz des Hegemonikon ist. In der Tat vermochten auch einige Stoiker — vermutlich Herillus oder Boethos — sich dieser Ansicht, daß der Kopf Sitz der Seele sei, umsoweniger zu entziehen, als sie dadurch mit bebedeutenden Philosophen, vor allem mit Plato, auf gemeinsamem Boden standen. Aristoteles selbst hatte freilich der Denkseele kein körperliches Organ zugeschrieben, s. Zeller II, 2 3, 568 3, wohl aber Plato, s. Zeller, II. 1 3, 727. Lag ja doch die Annahme, daß die Denkseele ihren Sitz im Kopfe haben müsse, in der Konsequenz der Akademie.. . Die Stoa konnte nicht umhin, wollte sie die Einheitlichkeit der Seele aufrecht erhalten, das Herz zum Zentralorgan der Gesamtseele zu erheben, da ja einige Seeleufunktionen augenscheinlich an das Herz geknüpft sind. Haben doch die drei vornehmsten Häupter der Stoa, Zeno, Kleanthes und Chrhsipp, nach dem ausdrücklichen Zeugnis Galens sämtliche Affekte einstimmig in das Herz verlegt. Es war daher nur folgerichtig geschlossen, daß auch das Hegem, in dem doch alle Affekte entstehen, den gleichen Sitz haben muß. Näher noch bezeichnete Chrhsipp die Höhlung der linken Herzkammer als den Sitz der herrschenden und denkbegabten Seelenfunktion. Es ist leicht begreiflich, daß sich die Stoiker abmühten, für diese von der gewöhnlich en Anschauung abweichen de Lehre zahlreiche Beweise beizubringen, wie es denn überhaupt ihre Gewohnheit war, in allen den Fällen, wo sie gegen herrschende Lehrmeinungen Front machten, weniger durch wuchtige, als vielmehr durch zahlreiche Belege zu imponieren. Schon Zeno stellte folgenden Beweis auf, daß die Seele in der Brustgegend ihren Sitz haben müsse: Die Stimme dringt augenscheinlich durch den Schlund. Käme sie nun von der Schädelhöhle, dann könnte sie nicht durch den Schlund ihren Weg nehmen. Die Stimme entsteht aber dort, wo auch das Wort seinen Ursprung hat; dieses aber entspringt dem Verstand; folglich kann auch der „Nons" nicht aus dem Kopfe kommen, sondern muß in der Brust seinen Sitz haben. Ausführlicher und genauer hat der Babylonier Diogenes diesen Zenonischen Beweis begründet: Die artikulierten Laute, sagt er, haben mit der Stimme eine gemeinsame Quelle. Daß aber diese vermittels der Arterien aus der Brusthöhle hervortönt, ist auch dem Auge ersichtlich. Daher kann auch der artikulierte Laut nur aus dem Herzen und nicht aus dem Kopfe hervorgehen. Die artikulierte Rede gilt ihm aber für eine vom Verstände gestoßene Stimme, das Wort als etwas Reales soll, vom „Tonos" des Gedankens gedrängt, die Zwischenzeit — und wohl auch den Zwischenraum — von Denken und Sprechen ausfüllen. Auch Chrhsipp formulierte diesen Beweis mit einer ähnlichen Argumentation . . . Weniger glücklich suchte Chrhsipp den Sitz der Persönlichkeit aus dem Grunde in das Herz zu verlegen, weil mau auf dasselbe hinzudeuten pflegt, wenn man vom eigenen Ich („ego") spricht. Wie nun endlich Chrhsipp sich abquält um sich mit dem Mythos abzufinden, nach welchem Minerva deui Haupte Jupiters entsprossen sei, ist so recht bezeichnend für die entgegenkommende Haltung, welche die Stoa dem Mythos und der Lolksanschauung gegenüber eingenommen hat. Und doch gewährt viese öde. weitschweifige Behandlung eines so unwichtig und untergeordnet erscheinenden Gegenstandes einen recht interessanten Einblick n die geistige Werkstätte Chrhsipps. Und wieder zeigt sich uns da 2iner jener Kanäle, der aus dem Stoizismus, dieser Scholastik des Hellenismus in krausem Zickzack hineinführte in den großen seichten -ström der mittelalterlichen Philosophie."y Steins Darlegungen können nicht ganz einwaubfrei hingenommen werben. Wir haben aufgezeigt, baß bie „gewöhnliche" Anschauung bie ber Herzseele war. Der Gegenstanb erscheint auch gar nicht so „unwichtig mtb untergeorbnet." _ '(Forts, folgt.) ') Quellen zu Obigem: Galen, de plac. Hipp. K. 189 . . . 310. V. 328 . . . 642; definit. XIX. 370; b. pb. 313 f; de usu pari 8, 4, Was mein aller ffreund erzählt. Von Ludwig Weiß. IV. €ief hingen dunkle Wetterwolken über dem Meer, das stahlgrau erschien — hart und düster. Ich hatte meinen alten Freund ausgesucht und, ihn ans die Terrasse des Kurhauses mitgenommen. Dort war man von der Unbill der Witterung geschützt und genoß trotzdem das Schauspiel der aufgewühlten See, deren Wogen anftürmend nach dem Strande eilten. Mein alter Freund blickte hinaus erstaunt und unruhig. „Gott's Wunder, so ein Wasser," murmelte er vor sich hin, „Gott's Wunder, ein Tag liegt's ruhig da und schläft und macht blaue und grüne Augen, und am nächsten springt's daher, wie ein wildes Tier und schaut so schwarz drein, als wollt' es einen verschlingen." „Das tut's leider öfter, mein lieber Herr Naphtaly, aber deshalb ist es doch herrlich und dieser Wechsel in der Natur ist so wie der im Leben, blau und freudig und hoffnungsgrün heut, voll Jubel und Schönheit, und morgen grau und öde voll Leid und Bitterkeit. . . todestraürig." Er sah mich wortlos an und versank in tiefes Sinnen. „Warum sind sie so still heut?" fragte ich, und bestellte um ihn zu ermuntern, zwei Gläser Portwein. „Was soll man reden?" antwortete er noch immer in Gedanken versunken. „Erzählen Sie mir etwas aus den alten Zeiten, lieber Herr Naphtalh." rief ich und hielt ihm mein Glas entgegen. Er erhob das seine, um mit mir anznstoßen. Aber hohl und traurig klang es und er sagte: „Das wird eine mieße Sache sein, Herr Doktor!" „Tut nichts, alter Freund, es muß auch solche gegeben, und mich interessiert Alles, was Sie erzählen, und darauf sprach er nach einigem Bedenken: „Haben Sie schon gehört Herr Doktor, daß Moritz Silberstein in Breslau is pleite? Marl hat's mir gestern geschrieben von zu Hans . . ." „Haben Sie ein besonderes Interesse an der Firma?" fragte ich. „Seit zehn Jahren, ivie ich Hab aufgegeben mein Geschäft, Hab ich kein Interesse mehr an solche Dinge, aber Moritz Silberstein, ich bitt' Sie, Herr Doktor, ein Welthaus! Länger als dreißig Jahr Hab' ich gehandelt mit dem Mann und immer reell und anständig und man hat sich können verlassen auf ihn, wie auf seine eigene Hand. Und immer gute Ware und gangbare Muster urrd wenn der Herr Silberstein aus Breslau mich hat besucht, damals ist er noch selbst gereist, Hab' ich mich immer gefreut. Was er gesagt hat. war vernünftig und praktisch und jeder Kaufmann hat können lernen von ihm — — — und jetzt ist das Haus zahlungsunfähig. A Maratorium hat man nachgesucht. A Maratorium heißt zu deutsch, immer ü aufgeschobene Pleite. Nebbich: daß er das noch hat müssen erleben. Er is zrvar nicht mehr im Geschäft, seine Ps. Galen, b. pb. XIX. 302—315, Diog. Laert. VII. 110, 157; Pint. plae. phil. IV., 4. 21, Euseb. pr. ev. XV. 60, Cbaleid. in Tim. e. 217, 237. Cic. nat. deor. II. 9, 21, III. 14, Sen. de ira. II. 19, I. 3. nat. qu. III. 15. Mark Aurel III. 5; IV. 1, 12; V. 10. n. a.. Sexlus Etnp. m. VII. 93, 234 ... IX. 119, 311. Tertull. de an. c.15, Macrob. in S. Sc. I. 14, Aul. Gell. N. All. V. 16, Nemos de na!, h. c. 6. Scilmeisius; Carus. Gesch. d. Psych., Zeller, Phil. d. Griechen, Volkma»n, Lehrb. d. Psych. I. 223. Siebeck, Gesch. d. Psych.