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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
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428 Notstände auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete niemals zu beseitigen oder auch nur wesentlich zu bessern sind. Dieselben bauen sich vielmehr im wesentlichen auf den Materialismus, allerdings gepaart mit Humanität, auf. Auf das Konto der Humanität würde die Ueberwindung der gezeichneten Kinderkrankheiten, wie sich solche mehr oder minder regelmäßig bei Gründung neuer Betriebe in allen Ländern einstellen, entfallen. Wird man gewissermaßen versuchsweise in den einzelnen Gegenden vorbildlich und bahnbrechend mit Gründung neuer Industriezweige Vorgehen, so wird dieses früher oder später Nachahmung, rein ans materiellen Gründen, von Privatunternehmern finden, welche dadurch das begonnene Werk fortsetzen werden. Schafft man dadurch unseren notleidenden Glaubensbrüdern Arbeit und Brot, so bessert man in ganz normaler, gesunder Weise und aller Wahrscheinlichkeit nach ohne finanzielle Opfer ihre wirtschaftlichen Verhältnisse. Eine Förderung der sozialen Verhältnisse, wie Hebung der Bildung und Kultur wird die unmittelbare und mittelbare Folge sein. Unsere preußischen und galizischeu Glaubensgenossen werden allmählich wieder in der Achtung ihrer Mitbürger steigen, und aufhörcn die Parias derselben zu sein, und als eine Last empfunden zn werden, was die Gewährung größerer politischer Freiheiten und die endliche Gleichstellung beschleunigen wird. Wird man dagegen dieHände in den Schoß legen, und sich mit der Hoffnung auf größere politische Freiheiten in einer fernen Zukunst beruhigen, so werden sich die Daseinsbedingungen unserer Glaubensgenossen immer mehr verschlechtern. Unaufhaltsam wird die physische und psychische Degeneration und Korruption weitergehen, bis das Rad der Zeit über einen bildungs- und kulturfähigen Volksstamm, prozentualiter ein so großer Teil der jüdischen Gesamtbevölkerung, zur Tagesordnung übergehen wird. Leopold Stein. Einiges a u s. s e i n c m II a ch l a ß. Von De. Adolph Ko Hut. I. s sind schoir zwei Jahrzehnte verstrichen, seitdem Dr. Leopold Stein zu Frankfurt a. M. — aiil 2. Dezember 1882 — seine Augen für immer schloß; aber die Erinnerllng an den geistreichen Prediger und Dichter ist noch nicht verblichen, ulld sein Name ist llicht allein in den Herzen seiner Eemeilidemitglieder, sondern auch in den Tafeln der deutschen Nationalliteratur verzeichnet. Seine lyrischen Dichtungen, von denen wir nur die beiden Sammlungen: „Stufengesünge" (1834) und die „Königskrone" (1839) nennen, sowie seine Dramen: der „Knabenraub zu Carpentras" und „Des Dichters Weihe", nicht minder auch seine talinudischen Parabeln, Gleichnisse und Erzühluilgen, lvelche er unter dem Titel „Morgenlündische Bilder im abendländischen Rahmen" veröffentlichte, erfreuen sich noch jetzt eitles ausgedehnten Leserkreises. Es war mir daher, da ich selbst von jeher zu den lvüriilsten Verehrern des hervorragenden Mannes gehörte, eine große Freude, als ich durch die Güte des Schwiegersohnes von Dr. Leopold Stein, des Herrn Ludwig Dann in Augsburg, in den Besitz des literarischen Nachlasses des ersteren gelangte. Ich fand darin so manch' herrliche Perle von großem literarischen Wert, die es wohl verdient, auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu iverdeu, und gewiß werden diese Veröffeiltlichungeu nur dazu beitragen, das literarische Charakterbild des Mannes noch sympathischer zu gestalten. Zuvörderst einige biographische Mitteilungen: Leopold Stein wurde am 3. November 1810 in dem Marktflecken Burgpreppach in Bayern geboren. Er widmete sich von früher Jugend an den rabbinischen Wissenschaften, während er gleichzeitig auf den Gymnasien zu Erlaugell und Bayreuth den Grundstein zu seiner hervorragenden Bildung legte. Im Jahre 1830 bezog er schon die Universität Würzblirg, nach deren Absolvierung (1833) er in den darauf folgenden Jahren in ben Betsälen der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. seine erste reformatorische Kanzelrede hielt. Mit glänzendem Rednertalent ausgestattet, verstand er es, die Herzen der Zuhörer im Sturm zu erobern. Im Frühjahr 1835 erhielt er seine erste definitive Anstellung als Rabbiner und Prediger bei der Gemeinde zu Burg und Altenkunststadt in Oberfranke». Im Jahre 1844 wurde er nach Frankfurt a. M. berufen. Er verwaltete dort das Amt als Gemeinderabbiner und Prediger bis zum Jahre 1862, zn welcher Zeit er sich in das Privatleben zurückzog. Später fungierte er noch einige Jahre als Prediger einer Privatvereinigung von Freunden, der sogenannten „Westend-Union", neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit sich auch literarischen Arbeiten widmend. Außer den schon genannten Schriften sind besonders zu erwähnen: „Die Schrift des Lebens", in welcher er seine religiösen Ansichten niederlegt; zahlreiche gedruckte Predigtensammlungen werden noch heutzutage vielfach von Kanzelrednern mit Vorliebe benutzt — und zwar in des Wortes verwegenster Bedeutung. Seine Monographie: „Der Eid moio juäaieo" hat auch in juristischen Kreisen viel Anerkennung gefunden. Auf allgemeinem poetischen Gebiete sind von Leopold Stein außer seinen zahlreichen gediegenen Aufsätzen in den verschiedenen Jahrgängen von Friedrich Rückerts Jahrbuch, mit welchem deutschen Dichter er in seiner Jugend intim befreundet war und der auf die geistige Richtung Steins einen hervorragenden Einfluß übte, und den bereits erwähnten Dramen noch das Schauspiel „Haus Ehrlich", welches im Jahre 1859 auf der Nationalbühne zu Mannheim mit glänzendem Erfolg aufgeführt wurde, ferner „Laura, oder Gold und Ehre", sowie viele andere poetische Arbeiten hervorzuheben. Seine Humanität wird allgemein gerühmt; wohl wagte sich kein Bittender vergebens an ihn und es gewährte ihm die größte Freude, wenn er andere erfreuen konnte. Er fand seine höchste Befriedigung in der Anregung zum Wohltun, und manche Frankfurter Stiftung, die sich noch jetzt einer segensreichen Wirksamkeit erfreut, zählte ihn teils zn ihren Gründern, teils zu ihren eifrigen Beförderern; auch verschiedene Leistungen auf dem Gebiete des Vereinswesens verdanken ihre Entstehung seinen beredten zündenden Worten. Hervorragend tätig war er in der „Gesellschaft zur Verbreitung menschlicher Kenntnisse und deren Hilfswissenschaften" (Polytechnische Gesellschaft), besonders in dem von diesem Institut geschaffenen „Verein zum Wvhle der dienenden Klassen", und ernannte ihn die genannte Gesellschaft zu ihrem Ehrenmitgliede. Sein siebzigster Geburtstag, am 5. November 1880, bot seinen zahlreichen Verehrern nicht allein in Frankfurt a. M., sondern weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Gelegenheit zu Bekundungen ihrer Sympathien für den bedeutenden und interessanten Mann. Seine Tage beschloß er in stiller Tätigkeit und ungetrübtem Alter, der Mit- und Nachwelt zum ehrenden Andenken. Zu einer Zeit, wo sich, wie zum Beispiel in Kischinew, die Bestialität der Antisemiten in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbart, wird man gewiß gern lesen, was Leopold Stein in einer kleinen Abhandlung, betitelt: „Der geklärte Judenspiegel", über das jüdische Leben und Wesen geschrieben hat. Obschon einundzwanzig Jahre seit jenen Tagen verstrichen sind, hat leider diese Monographie von ihrer Aktualität nichts eingebüßt.

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