Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 427 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alles mußte den Konkurrenzkampf immer mehr verschärfen, und Umsatz wie Gewinn so reduzieren, daß derselbe zur Ernährung der überflüssig großen Zahl der Handeltreibenden, selbst bei der anzuerkennenden größten Anspruchslosigkeit, und unter Anspannung aller Kräfte nicht mehr ausreichte. Die ganz natürliche Folge ist der Notstand, wie wir ihm schon seit langer Zeit ratlos gegenüberstehen. Eine weitere Folge desselben sind die traurigen Nebenerscheinungen auf sozialem, sittlichem und hygienischem Gebiete. Auch diese sind genügend bekannt, weshalb ich nur auf einige Punkte Hinweisen will, welche dem Fremden gegenüber am drastischtesten in die Erscheinung treten. Zunächst ist es die geschäftliche Zudringlichkeit der kleinen jüdischen Händler, welche dieselben in ihrem Ansehen und in sozialer Hinsicht ungemein schädigt. Weiter beivirkt die Ueberfüllung im Handelsgewerbe einen erbitterten, in der Wahl der Mittel nicht immer wählerischen Konkurrenzkampf, welcher das Zusammengehörigkeitsgefühl unter unseren Glaubensgenossen, sowie das Verhältnis derselben zu ihren Konkurrenten anderer Konfessionon höchst ungüngstig beeinträchtigt. Endlich veranlaßt dieses einzelne schwache Charaktere in ihrer Not zu Mitteln zu greifet!, welche zu einer Verletzung und Uebervorteilung ihrer Mitbürger führen. Das benutzen wieder übelwollende Menschen, die Einzelfälle zu verallgemeinern, um den Haß auf das ganze Judentum auszudehnen und den Antisemitismus in die Kreise des indolenten und intoleranten Teils der Bevölkerung zu tragen. Will man hier Wandel schaffen, und dauernd wie ernstlich helfen, muß man die Ursachen beseitigen. Man muß die Möglichkeit nnd Gelegenheit schaffen, und gleichzeitig dahin wirken, daß sich die Juden für die Folge in viel größerem Maße wie bisher der Gütererzeugung, also der Landwirtschaft und dem Gewerbe widmen. Die Betätigung in der Landwirtschaft in größerem Maße verbieten in Rußland schon die Laudesgesetze. Aber auch persönliche, finanzielle und andere Gründe machen es unmöglich, große Kreise unserer Glaubensgenoffen diesem Erwerbszweige zuzuführen. Es bleibt somit nur das Gewerbe. Das ist übrigens an sich kein neuer Gedanke. Schon vor langen Jahren haben sich einsichtige und menschenfreundliche Glaubensgenossen in Galizien in Vereinen verbunden, um das Handwerk unter den Juden zu verbreiten. In treuerer Zeit tun dieses die verschiedenen Hilfsvereine, ivelche sich nanientlich die Pflege der Hausindustrie angelegen sein lassen. Das sind gewiß wohltätige, menschenfreundliche nnd erzieherisch wirkende Bestrebungen. Dieselben reichen aber für die Versorgung so großer Bevölkerungsschichten nicht aus, weil Kleingewerbe und Hausindustrie dort wie hier immer mehr durch die Großindustrie, init ihrem Motor- und Maschinenbetrieb, in den Hintergrund gedrängt werden, und eine allgemeine Betätigung darin sehr bald eben ivohl zu einer lleberfüllung führen würde. Die großen Massen können deshalb lohnende und dauernde Beschäftigung nur in der Großindustrie finden. Nur ihr wird es inöglich sein, einen so großen Teil der jüdischen Bevölkerung aufzunehmen und vom Handel auszuschalten, daß der verbleibende Teil hierin sicherer sein Brot tvird finden können. Wenn ich nun die Großindustrie in erster Linie als Heilmittel gegen den fraglichen Notstaild empfehle, so bin ich mir der Schwierigkeiten wohl bewußt, mit tvelchen die Einführung derselben in industrielosen und industriearmen Ländern und Gegenden stets zu kämpfen hat. Schwierigkeiten, welche in dem Mangel an vorgebildeten Arbeitern, nicht eingearbeiteten und mit den Verhältnissen vertratlten Beamtenpersonal, der notwendigen Hilfsgewerbe, Erfahrung, Kundschaft rc. zu suchen sind, und die Ursachen der fast regelmäßig bei neuen Betrieben iviederkehrenden Kinderkrankheiten sind. Ich bin indeß überzeugt, daß sich diese in Rußland deshalb verhältnismäßig leichter wie anderwärts überwinden lassen, iveil die Industrie dort ungleich größere Chancen bietet, wie in vielen anderen Ländern, und die russische Regierung der Einführung derselben wohlwollend und fördernd gegenüberstehen wird. Jedenfalls ist der jetzige Zeitpunkt für diese industrielle Gründungen ganz besonders geeignet, weshalb man denselben nicht unbenutzt vorübergehen lassen sollte. Die bevorstehenden Zollkämpfe werden zweifellos die Errichtung neuer industrieller Anlagen im Auslande, und namentlich in Rußland zur Folge haben. Das ist voin vaterländischen Standpunkt zu bedauern, aber leider nicht zu ändern, und sollte man deshalb dahin wirken, daß dieselben in denjenigen Bezirken und Orten, und so errichtet werden, daß solche unseren notleidenden Glaubensgenossen zu gute koinmen. Auch die Schwierigkeiten verkenne ich nicht, ein seit langen Jahrell dem Handel ergebenes Volk der Industrie zuzuführen. Der lang andauernde Notstand hat indeß hier vorgearbeitet, und dasselbe für neue, wohlivollende Ideen empfänglich gemacht. Unter dem Druck der Verhältnisse hat sich allmählich ein sich fortwährend vergrößernder Teil der jüdischen Bevölkerung dem Handwerk, der Industrie und anderen Erwerbszweigen zugewandt. Ein Zug, ivelcher sich in dem Maße vergrößern wird, >vie geeignete und lohnende Arbeitsgelegenheit geboten wird. Dieser Zug wäre tveiter durch mannigfache Mittel, beispielsweise durch Einführung der Gewinnbeteiligung zu fördern, da dieses der Charaktereigenschaft rind dem Erwerbssinn einer handeltreibenden Bevölkerung entspricht. Wenngleich die Versuche aus diesen! Gebiete, welche allerdings für ihr Gelingen einen gewissen Grad allgemeiner und volkswirtschaftlicher Bildung voraussetzen, bis jetzt noch keine großen Erfolge ergeben haben, ztveifle ich doch nicht daran, daß dieses die Ablohnungsform der Zukunft sein wird. Es ist dieses die Konstitution auf wirtschaftlichem und sozialen! Gebiete, welche den Kampf zwischen Kapital und Arbeit genau in derselben Weise zur Ruhe bringen wird, wie dieses durch die Konstitution auf Politischem Gebiete hinsichtlich des Kampfes zwischen Monarchie und Republik geschehen ist. Ueber die Art der einzuführenden Industriezweige schon hier bestinuntes zu sagen, tvürde verfrüht sein, da dieses nur nach Prüfung aller in Frage kommender lokaler, persönlicher und sonstiger Verhältnisse geschehen könnte. Bei dieser Prüfung wird uns indeß der Rat und die Hilse vieler technisch und praktisch erfahrener Männer innerhalb und außerhalb unserer Glaubensgenossen, teilweise schon aus Liebe zur guten Sache, zur Seite stehen. Zur Versolgung dieser Vorschläge und Uebertragung derselben in die Praxis lväre natürlich die Bildung eines Komitees unerläßlich. Dasselbe hätte die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und die zur Erbauung der industriellen Etablissements erforderlichen Mittel durch Kapitalaffociationen in Form von Aktien- oder »der en Gesellschaften zu beschaffen. Eine Ausgabe, welche nicht schwer fallen dürste, da es sich aller Voraussicht nach, um solide, gute und rentable Gründungen handeln würde. Die hier entwickelten Vorschläge basieren, im Gegensatz zu vielen älteren Projekten, nicht auf Humanität, womit große j