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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 426 (sequence 8)
Language
German
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426 nickt durchweg unbestechlichen, nach- und untergeordneten Beamten gegenüber in ein ungesundes, trauriges Abhängigkeitsverhältnis gebracht, und bei diesen, wie bei den großen Massen den Juden gegenüber ein Gefühl der Recht- und Schutzlosigkeit erzeugt. Hieraus erklären sich die regelmäßig wiederkehrendeu grausamen Judenverfolgungen seitens der an sich gutmütigen, aber ungebildeten fanatischen, urteilslosen, vielseitig dem Trunk ergebenen, gedrückten, armen und deshalb vielfach beutesüchtigen Massen. Hierzu tritt das ganz unverständliche, die Juden wie die Bekenner anderer Konfessionen gleichzeitig schädigende, gewaltsame Zusammenpressen der Juden in den westlichen russischen Gouvernements. Dagegen würde Freizügigkeit und die dadurch bedingte gleichmäßigere Verteilung der Juden über das weite Reich, denselben eine größere und lohnendere kommerzielle und kleingewerbliche Tätigkeit ermöglichen, die gewerbennd handeltreibenden Bekenner anderer Konfessionen von einer erbitterten Konkurrenz befreien und dadurch eine Quelle des Hasses beseitigen. Das Ganze ist der Ausfluß eines Regierungssystems, welches heinmend auf das Streben und den Unternehmungsgeist wirken muß, und nicht geeignet ist, dein russischen, namentlich aber dem minder- und unbemittelten russischen Juden das bescheidene Maß von Selbständigkeit, Rechts- und Sicherheitsgefühl zu geben, welches für die gesunde und gedeihliche Entivickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse unbedingt erforderlich ist. Wenn ich hiermit konstatiert, ja noch mehr, bewiesen habe, daß die politischen Verhältnisse einen erheblichen Anteil an dein Notstand der russischen Juden haben, so kann ich anderseits nicht zugeben, daß dieser ganz oder auch nur der Hauptsache nach hierauf zurückzuführen ist. Der beste Beweis hierfür sind die wirtschaftlicheil und sozialen Verhältnisse der Juden in den: benachbarten Galizien und einigen Distrikten der Bukowina. Dieselben sind so gedrückt und so traurig, wenn nicht gar noch ungünstiger wie diejenigen in Rußland, trotzdein die österreichischen Juden Politisch so frei sind, wie in den ineisten europäischen Ländern. Ja es gleichen die Verhältnisse der galizischen Juden in ihrer Traurigkeit so sehr denen der russischen, daß dieselben hinsichtlich der zu ihrer Besserung auzuivendenden Mittel nahezu gleichmäßig zu behandeln sind. Es ist nichts geeignet, der Sache mehr zu schaden, als das Verkennen, oder auch nur die Verwechselung der hauptsächlichen Ursachen und Gründe mit solchen nebensächlicher Natur. Das ist eine Selbsttäuschung und ein Grundfehler, welcher die besten und wohlwollendsten Absichten edler Menschenfreunde durchkreuzen mußte, und weder durch diese, noch durch die größten finanziellen Mittel auszugleichen ist. Solange man ganz irrtümlicherweise in den staatlichen Bedrückungen die alleinige, oder auch nur die Hauptursache für die Notlage der russischen Juden sieht, glaubt inan einer Kalamität gegenüberzustehen, woran wohl der mächtige Zar, nicht aber die notleidenden und hilfsbereiten Glaubensgenossen durch eigene Kraft viel zu ändern vermögen. Das mußte allmählich einen nahezu türkischen Fatalismus erzeugen und in großen Kreisen die Ansicht zeitigen, daß das Heil nur in der Massenauswandernng zu suchen sei, und inzwischen nur notdürftig mit Almosen zu unterstützen und zu helfen ist. Mit Almosen, womit man wohl die augenblickliche, drückendste Armut lindern kann, nnd, wie ich zugebe, linbevn muß. dieselbe aber nicht zu beseitigen, sondern nur zu fordern vermag. Auf die Massenauswanderung übergehend, muß ich vorweg bemerken, daß diese nicht zu verwechseln ist mit einer an sich und innerhalb gewisser Grenzen ganz wohltätigen, normalen Auswanderung. wie sich solche infolge einer spontanen Eingebung des Einzelnen, nach Prüfung auf seine eigene Befähigung, Begabung, Anpassungsfähigkeit an fremde Verhältnisse rc. vollzieht. Anders die Massenauswanderung, welche nur nominell freiwillig, faktisch gewaltsam unter dem Druck widriger Verhältnisse, und meist ohne die gezeichnete notwendige Selbstprüfung erfolgt. Hier muß auf die großen Bedenken, Schwierigkeiten und die Verant>vortlichkeit hingewiesen werden, ganze Bevölkerungsschichten mit Kind und Kegel den mit ihnen verwachsenen bekannten Verhältnissen zu entreißen, um dieselben nach Ländern mit fremden Sitten, Gebräuchen, Erwerbs-, Berufsnnd sonstigen Verhältnissen zu verpflanzen. Das wird selbst bei der sorgfältigsten Auswahl der Emigranten nur einem kleinen Bruchteil derselben zum Segen gereichen, während sich der weitaus größte Teil derselben sehr bald nach den, gewiß nicht beneidenswerten, Fleischtöpfen Aegyptens zurücksehnen wird. Aber abgesehen von den inneren Gründen scheidet die Massenauswanderung schon aus Rücksicht auf den finanziellen Punkt aus der Zahl der Mittel, welche den Massen unserer notleidenden Glaubensbrüder Hilfe bringen könnte. Uebrigens braucht man sich hier nicht in Mutmaßungen zu ergehen, wo man Tatsachen, und zwar der von Herrn von Hirsch inszenierten Massenauswanderung gegeuübersteht. Dieselbe ist, wie rückhaltslos anzuerkennen ist, allseitig mit den besten Absichten, mit Energie und Geschick, sowie mit so großen Mitteln, wie solche schwerlich bald wieder verfüglich werden dürften, in Angriff genommen worden, und hat den aufgewandten großen Mitteln gegenüber, trotzdem nur einen, milde ausgedrückt, sehr bescheidenen Erfolg aufzuweisen. Wenn ich nun, wie längst beabsichtigt, dazu übergehe, mit meinen Ansichten, wie sich solche an Ort und Stelle gebildet haben, an die Oeffentlichkeit zu treten, muß ich etwas weiter ausholen, und von folgendem allgemein zutreffenden Grundsatz ausgehen. In jedem Lande muß sich, sollen die Verhältnisse normal und gesund liegen, der weitaus größte Teil der Bevölkerung der Gütererzeugung hiugeben, während sich nur ein prozentualiter kleinerer Teil der Gütervermittlung, dem Handel, widmen kann. Wenngleich dieser Prozentsatz in den verschiedenen Ländern je nach den wirtschaftlichen und sonstigen Verhältnissen variiert ilnd zahlenmäßig schwer zu fixieren ist, so beweist unter anderen; schon die traurige Lage der Handeltreibenden selbst, daß dieser Prozentsatz in den westlichen russischen Gouvernements, sowie in Galizien, das durch die Verhältnisse gegebene und zulässige Maß weit überschritten hat. Ja, es existiert dort im Handelsgewerbe, namentlich in dem für die Massen allein in Frage kommenden Klein- und Zwischenhandel, eine nicht zu verkennende höchst ungesunde Ueberfüllung. Zur Erklärung derselben muß ich daran erinnern, daß sich die Bekenner aller Konfessionen dort wie hier im Laufe der Zeiten allmählich immer inehr dem Handel zugewandt haben. Auch die Verschlechterung, wie der Fortfall verschiedener Handelszweige, beispielsweise des Getreidehandels mit infolge der Zölle seitens der Importländer, des Branntweinhandels durch Einführung des Spiritusmonopols in Rußland haben einen schädigenden Einfluß ausgeübt. Daneben ist der hauptsächliche Grund für diese Ueberfüllung barin zu suchen, daß die Juden, trotzdem dieselben in den russischen westlichen Gouvernements wie in Galizien, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, einen verhältnismäßig großen Teil der Gesamtbevölkerung bilden, seit alter Zeit, ursprünglich gezwungen durch die Landesgesetze, welche ihnen viele Berufe verschlosseil haben, und infolge dessen noch jetzt, nach dem Gewohnheitsrecht und dem Beharrungssystem, wenn auch nicht, wie vielfach böswilligerweise behauptet wird, ausschließlich, so doch, wie anzuerkennen, vorwiegend dein Handel obliegen. 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