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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 425 (sequence 7)
Language
German
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425 e August mit Ver- Som inerten, de» flüchten. Sonnnerder. Da h meine enigstens ilienbade tich führt g in das ttt ich die sich durch gern von afgesucht, iran sich koschere len nicht, ihlinnen, mßgroße sich auf!m Orte, Menschheit für de» ftigen in t. auszugemacht, ln wird (nämlich ^mäßige Wasser." aut verum ihn ist ei» ist eine rasiasten henden" die zum eschäftsm Tag- Sie ist s nlich, kheit sv st dafür kußland rütteten de sehr .end es rauscht, .Laute, in dem >ch von nervöse :r Proreuesten ertönen h nicht iregung r einer in beit Bädern vor Engländern und Franzosen durch überlaute Kundgebung ihrer Meinringen aus. Was würde besagter Nötizenschreiber erst von den polnischen und russischen Brüdern sagen. Und dann von den „östlichen" Schwestern! Wer die phantastischsten Roben, die ungeheuersten Hüte kennen lernen, die fabelhaftesten Brillantbroschen und Ohrringe und sonstigen Jnwelengeschäste, getragen auf den Köpfen, Hälsen, Armen und Fingern sehen will, der komme und betrachte die polnischen und russischen Frauen, Mütter und Mägdelein. Auf den Koppen und Hügeln, in den Wäldern und Schluchten und an den Quellen meines Badeortes, dann aber im Restaurant oder bei. der Reunion, bei der üblichen Tombola oder den unvermeidlichen Akademien. Denken Sie nur bei den letzteren nicht an die von Athen. Ich meine in dieser ist es ruhig zugegangen, während es bei den Unterhaltungen, die in diesem Badeorte veranstaltet werden, oft ist, als erbrausten die Meeresivogen, als hörte mau die Brandung der bewegten See. Von einer dieser Akadeniien seien einige Worte berichtet. Es war eine Veranstaltung zu Gunsten der armen Kischinewer Juden. Gut, man gab sein Geld zu diesem edlen Zweck gerne her. Aber was wurde hier den nervösen Leuten geboten! Ich denke, wer an dieser Krankheit nicht schon litt, der »mßte von ihr heimgesucht werden, wenn er diese Musik-, Vortrags- und Redekünste über sich ergehen liest. Da fasten sie, die Brüder und Schwestern aus dem Osten, die letzteren, bunt geschmückt, wie ähnlich die Schönen Zions von dem Griffel eines Jesaias geschildert werden, und ließen sich von der Not und dem Elend ihrer armen Brüder und Schwestern vordeklamieren; elegische Weisen, z. B. das Kol- Nidre ertönte, der alte Belsazar mußte herhalten, Nosenfeld stürmen, und der Deklamator mühte sich mit Schweiß und Pein, den schönen Zuhörerinneu vvrznjammern, wie gewaltig doch der Judenschmerz sei. Man hörte wohl die Worte, aber all' diesen Deklamationen glaubte man nicht recht. Es ist ja sehr edel, wenn Menschen, die Geld für ihre Vergnügungen hinauswerfen, auch ihr Scherflein für die Enterbten der Menschheit beitragen, aber, Ihr Veranstalter derartiger Akademien, deren Namen getreulich in den Zeitungen zu lesen sind, haltet Ihr wirklich nicht eine andere Art der Wohltätigkeit für zweckdienlicher und — delikater? Ich habe bereits erwähnt, daß an meinem Erholungsorte auch eine Synagoge ist. Aber merkwürdig, diese war auch an Sabbaten und am Tischa be-Ab so wenig besucht, daß wir kaum den Gottesdienst abhalten konnten. Die Zivnselegien mußten wir so entre »aus rezitieren, ohne die Herren, die den Mund so voll nehmen, wenn sie über Zions Trauer klagen. Eine denkwürdige Bewegung ist dies im Judentum. Wir haben da Juden ohne Synagoge, ohne Thora, ohne Gebete, ohne Psalmen und ohne Kinoth. Auch die im Kurort, anwesenden ehrwürdigen Herren Rabbiner glänzten im Gotteshaus durch ihre Abwesenheit. Wir wollen ihnen aber darob keinen Vorwurf machen. Die Armen haben mit der Misere unseres Gottesdienstes während des ganzen Jahres soviel zu schaffen, daß wir es ihnen nicht verübeln, wenn sie während der Erholungszeit gerne aus der Kutte springen. Wie man sieht, gibt auch die Erholungspause Gelegenheit, manche nicht ganz erquickliche Betrachtungen über Juden und Judentum zu äußern. Aber von diesen Betrachtungen wenden wir uns zu all' den Schönheiten, die hier die Natur bietet. Sie ist ja doch die Lehrmeisterin des Menschen, sie belebt, erquickt, erhebt die betrübte Menschenseele. Lassen wir also für einen Augenblick unser Elend, und geben wir uns der reinen Freude hin. Wir sind ja zu unserer Erholung da. Iwri. Bit wirtlchsktliche und lomsle Lage der Juden in Sutzlsnd und Galicien. Von S. Weinstein-Eisenach. H^enn Druckerschwärze geeignet wäre, Not und Elend ans wirtschaftlichem und sozialem Gebiete zu beseitigen, würde eine Judenfrage in Rußland und Galizien nicht mehr existieren. Die Frage, warum ich trotzdem zur Feder greife, um die gewiß nicht arme Literatur auf diesem Gebiete zu vergrößern, beantwortet sich durch das Mitleid und das Mitgefühl, welches stets anfs neue durch die nahezu regelmäßig wiederkehrenden grausamen Judenverfolgungen in Rußland angefacht wird; ein Mitgefühl, welches bei nur um so intensiver wirken muß, weil ich anläßlich meiner wiederholten geschäftlichen Reisen nach Rußland Gelegenheit hatte, den Notstand unserer Glaubensgenossen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Auf eine Schilderung des Notstandes werde ich nicht eingehen, da dieses so oft und eingehend, darunter von sehr berufenen Seiten, geschehen ist. Es ist dieses übrigens eine Tatsache, welche von keiner Seite ernstlich bestritten werden kann, und von welcher man ruhig wird ausgehen können. Wohl aber werde ich mich mit den Ursachen und Gründen dieses Notstandes beschäftigen, da möglichste Klarheit gerade hierüber, namentlich für die Wahl der zur Milderung und allmählichen Beseitigung desselben zu ergreifenden Mittel, die erste Vorbedingung ist. Aber auch hierüber ist bereits so viel geschrieben worden, daß es schwer fallen dürfte, so absolut neues vorzubringen, wie es nicht bereits gesagt, oder doch angedeutet und gestreift worden wäre. Wichtiger wie neues scheint mir deshalb, die bereits ins Treffen geführten Ursachen und Gründe zu sichten, hinsichtlich ihrer Wichtigkeit und ihres ursächlichen Einflusses auf den Notstand zu klassifizieren, und das Relevante vom Irrelevanten zu scheiden, zumal ein Notstand von dem vorliegenden Umfang niemals auf eine einzige Ursache zurückzuführen sein wird. Vorausschicken möchte ich hier, daß sich große wirtschaftliche und soziale Schäden nicht mit gutem Willen und an der Hand der Humanität beseitigen lassen. Es ist dieses auch nicht plötzlich durch Anwendung selbst des besten Mittels möglich. Denn wie derartige Schäden die Folge einer langen und alten Entwickelung sind, ist auch ihre Besserung und schließliche Beseitigung nur durch andauernde plan- und zielbewußte Arbeit zu ermöglichen. Daß die mangelhafte Bildung der Massen, und der damit unzertrennliche Aberglaube, welchen ich vielfach bei unseren russischen und galizischen Glaubensgenossen gesunden habe, einen höchst schädigenden Einfluß auf die wirtschaftlichen Verhältnisse ausgeübt hat, und noch jetzt ausübt, ist ganz selbstverständlich. Entschuldigend muß indes bemerkt werden, daß dieses mit eine Folge dieser traurigen wirtschastlichen Verhältnisse selbst ist. In Wirklichkeit liegt eine Wechselwirkung vor, indem die mangelhafte Bildung die wirtschaftlichen Verhältnisse, und umgekehrt diese die ersteren gehindert und geschädigt haben. Jedenfalls sind die vielseitige» Bestrebungen zur Hebung der Volksbildung dankbar anzuerkennen, und tunlichst zu unterstützen, wenngleich dieselben das Nebel nicht bei der Wurzel fassen, und nur teilweise und sehr allmählich Besserung zu bringen vermögen. Ebensowenig ist zu verkennen, daß die politischen Verhältnisse den Notstand in Rußland mit veranlaßt und zweifellos bis aufs äußerste verschärft haben. Die gesetz- und rechtlichen Beschränkungen, Bedrückungen und Zurücksetzungen haben die Juden den auch in Rußland 1

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