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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 424 (sequence 6)
Language
German
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424 lichen Kommission Gesetzeskraft erlangen werden, läßt sich noch nicht absehen, es können darüber Jahre Vergeherl, und vieles an ihnen dürfte gemildert oder verschärft werden. Seit Jahren strömt der Abschannl der Menschheit aus allen Weltteilen ununterbrochen und ungehemmt nach England, hauptsächlich nach London. Verbrechen mrd Schandtaten mehrerr sich beständig unter den fremden Elementen und machen den Strafgerichten viel zu schaffen. Das fremde Laster macht sich breit in den fashiorrablen Straßen der Hauptstadt. Der Fremdenhaß der Engländer wird dadurch geschürt, und dem allgemeinen Aufschrei gegerr das Unwesen mußte die Negierung schließlich Rechnung tragen. Daß aber dieser Unwillen gerade gegen die armen jüdischen Einwanderer, die fleißig, mäßig, anständig und bescheiden auftreten und die öffentliche nichtjüdische Wohltätigkeit fast gar nicht in Anspruch nehmerr, sich in erster Reihe richtet, erscheint rnehr als unbillig und ist ein nrißtönender Epilog zu den Jubelhymnen, die auf dern Zionistenkongreß dem edlen Errgland gesungen wurden. * Unter dem Titel „Das gelobte Land in Uganda" wird der „V. Z." aus London geschrieben: „Der Landstrich im britischen Schutzgebiet Uganda, den Lord Lansdowne ben Zionisten zur Einrichtung einer jüdischen Ansiedlung überlassen will, liegt aus einer Hochebene zwischen den Haltestellen Nairobi und Mau an der Ugandabahn, die von Mombasa an der Küste nach dem Viktoria Nyarrza führt. Nairobi liegt ungefähr <»000 Fuß über dem Meer, 330 englische Meilen von Mombasa; Mau, das 1000 Meter höher ist, liegt 150 englische Meilen von Nairobi entfernt. Sir H. H. Johnston, der frühere Verwalter von Uganda, schildert dieses Gebiet in feinem im Jahre 1901 erschienenen Berichte folgendermaßen: „Im östlichen Teil des Schutzgebietes von Uganda befindet sich ein Landstrich, der lim tropischen Afrika seinesgleichen nicht hat; ein Gebiet von einer Ausdehnung von ungefähr 12000 englischen Geviertmeilen, ausnehmend gut bewässert, mit fruchtbarem Erdreich, einem gemäßigten und vollständig gesunden Klima, mit prächtigen Waldungen bedeckt und großenteils nicht bewohnt von eingebornen Rassen. Dieses Gebiet liegt zwischen 6000 und 10000 Fuß über dem Meere. Es ist genau so geeignet für europäische Ansiedler wie das Vereinigte Königreich Britisch-Kolumbia oder die gemäßigten Teile Südasrikas. Ich sage mit voller Ueberlegung, daß wir hier nach der Anlage der Uaandabahn ein für weiße Ansiedler trefflich geeignetes Gebiet besitzen werden. Augenscheinlich werden dessen Ansiedler in diesem Gebiet ein ausgezeichnetes Feld zur Betätigung ihrer Arbeitskraft autreffen. Gewaltige Strecken sind mit Gummibäumen bestanden, die in unseren Tagen größeren Geldwert haben als je zuvor. Von großem wirtschaftlichen Wert sind die vielerorts wildwachsenden Kaffeestauden, Gummiakazieu, Schellak und Bauholz, besonders Ebenholz. Bei Mau erstrecken sich die Waldungell bis nahe an die Bahnlinie. Baumwolle ilnd Indigo wachsen lvild und halbwild auf bedeutenden Strecken. Sir H. H. Johnston schreibt ferner: „Ueberraschungell werden uns bevorstehen, welche die der Gold- und Diamalltenfunde in Südafrika erreichen, ja übertreffen dürften. Kenner des Landes erwarten zuversichtlich, daß das Schutzgebiet Uganda binnen kurzem ohne Zuschüsse auskommen, ja im stände sein wird, die früher für die Kolonie auf* gewendeten Gelder und die Eisenbahnbaukosten wieder zu erstatten. Die aus Rußland und Polen vertriebenen Juden sollen nach der Absicht der Negierung die Pioniere der Gesittung in Ugallda sein, da das Land einer weißen Bevölkerung bedarf." So die englischen Stiunnen. Von anderer nichtenglischer Seite rvird die Sachlage dnrchans nicht so optimistisch dargestellt. Namentlich wird behauptet, das Klima in Uganda sei fast unerträglich für Europäer. Und dasselbe gelte für die anderen Existenzbedingungen. Indes qui vivra, verra! lörirk aus Lrltrrrrich. (In der Sommerfrische.) Mitte August ine Modetorheit, die ivohl jedes Menschenkind mit Vergnügen mitmacht, ist die, wenn die heißen Sommertage kommen, oder doch kalendarisch kommen sollten, den Ranzen zu packen und in die Berge und Wälder zu flüchten. Nicht jeder verfügt über die zu einer fashionablen Sommerreise so unbedingt nötigen großen und kleinen Gelder. Da muß man sich schon nach der Decke strecken. Auch meine Mittel erlauben es mir nicht, nach Ostende oder wenigstens nach Heringsdorf zu gehen, um iin dortigen Familienbade mich von den salzigen Fluten umspülen zu lassen. Mich führt alljährlich eine nicht ganz bequeme Bahnverbindung in das Gebirge von Oesterreichisch-Schlesien. Der Ort, an dem ich die gar kärglich bemessene Svmmerrnhe genieße, zeichnet sich durch herrliche Wälder und wasserreiche Quellen aus, wird gern von Rabbinern, Kantoren und anderen Kultusbeamten ausgesucht, besitzt eine Badeanstalt und ein Kaffeehaus mit daran sich schließender Konditorei, hat eine Synagoge und koschere Restauration, auch die landesüblichen Antisemiten fehlen nicht, und unsere Brüder aus dem Osten, mit ihren Gemahlinnen, welche Hüte von ungewöhnlichen Dimensionen und nußgroße Boutons tragen, aber auch mit ihren Töchtern, die sich auf das „Flirten" ganz vortrefflich verstehen, strömen diesem Orte, der das Heil der Kaltwasserkur zuerst der leidenden Menschheit verkündete, mit besonderem Behagen zu. Es ist also für den Körper, für Geist und das Gemüt der Erholungsbedürftigen in meinem herrlichen Soinmeraufenthalte reichlich gesorgt. Es wird, rote man jetzt gerade nicht allznschön sich auszudrücken pflegt, viel an diesem Orte in „Wasser" gemacht. Man nimmt Halb-, Ganz- und Solenbäder; man wird gerieben, elektrisiert und gedouscht; man wird eingepackt (nämlich in nasse Tücher), und mit Leibbinden lvird der unbotmäßige Magen zum Parieren genötigt. „Das beste ist das Wasser." Dieser Satz des alten Griechen wird dort allüberall laut verkündet, und es bedarf keiner Antialkoholikerkongresse, um ihn glaubhaft zu machen. Kurz, mein Sommeranfenthalt ist ein Refugium für nervöse Menschen. Die Nervosität ist eine Krankheit unserer Zeit, die den vielgeplagten Gymnasiasten ebensowenig verschont, wie den in Kreditpapieren „machenden" Börseaner, sie verschont nicht die bleiche Jungfrau, wie die zum Embvnpoint neigende Frau, sie verschont weder den Geschäftsmann noch den Rabbi, nicht den Lehrer und nicht den Taglöhner, den Sänger nicht, und nicht den Modenarren. Sie ist die Krankheit des Säkulums. Aber doch wundert es niich, daß gerade unsere Glaubensgenossen an dieser Krankheit so sehr leiden. Mein Badeort gibt erschreckliche Zeugenschast dafür ab. Und meist aus dem Osten, aus Polen und Rußland komillen sie, die jüdischen Brüder, uni ihre stark zerrütteten Nerven zu reparieren. Freilich tun das viele von ihneil in nicht gerade sehr systematischer Weise. Kartenspieleil im Walde, während es hoch oben in den Kronen der Tannen geheimnisvoll rauscht, gehört eben nicht zu einem Heilmittel der Nervosität. .Laute, überlaute Unterhaltung im Restaurant, während man dem Körper gibt, lvas ihm gehört, wurde mir auch noch von keinem Naturarzte als unerläßliches Medikament gegen nervöse Aufregung empfohlen. Lebhaftes Pvlitisiereil auf der Promenade, auf der ein gar sanftes Orchester die allerneuesten Walzer und scholl etwas übertragenerl Potpourris ertönen läßt, hätte der Bater der Kaltwasserheilkunde sicherlich nicht als eine liotwendige Maßregel zur Heilung der in Aufregung geratenen Nerven angegeben. Da las ich neulich in einer deutschen Zeitung, die deutschen Brüder zeichnen sich in ben

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