Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. Seite 422

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 422 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228564--60105-3296669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

422 des Judentums von allen Einsichtigen freudig begrüßt werden. Wir für unser Teil haben ja niemals zu denen gehört, welche diese Bewegung unbedingt verurteilt; wir haben vielmehr stets anerkannt, das; sie einen guten Kern in sich berge. Wir werden auch nicht vergessen, das; der Zionismus für die Erweckung jüdischen Lebens, für das Wiedererwachen des jüdischen Selbstbewußtseins innerhalb der Jugend, namentlich der studierenden in Deutschland, sowie in Oesterreich und Rußland sehr viel geleistet hat. Wenn er es trotzdem in Deutschland nicht auf mehr als 5000 Anhänger gebracht, ja in Oesterreich nicht einmal diese Zahl erreicht hat, so hat er dies verschiedenen Umständen zu verdanken, die wir heute nicht näher erörtern wollen, die aber jeder kennt, der den Verlauf der Ereignisse in den letzten Jahren mit Aufmerksanlkeit gefolgt ist. Sobald die Herrschaft der geschwollenen Redensarten, mit der auch noch auf diesem Kongreß hier und da gearbeitet worden, gebrochen, sobald sich der Zionismus anschickt, positive Arbeit im Dienste der unglücklichen Juden des Ostens zu leisten, und diesen auf einem annehmbaren Fleck der bewohnten Erde eine Heimstätte zu schaffen, gewinnt die Bewegung ein ganz anderes Ansehen, und man wird anstatt sie zu bekämpfen, ihr vielmehr helfen müssen, auch den letzten Rest von Utopien zu überwinden, um in gemeinsamer Arbeit mit den anderen großen Institutionen innerhalb der Judenheit die Probleme zu lösen, die unserer harren, die uns drängen und die alle verfügbaren Kräfte in Anspruch nehmen. Unter diesen Problemen steht das russische oben an. Wir vermögen das Entzücken des Zionistensührers und seiner Genossen aus dem Kongreß über den Brief des russischen Ministers von Plehwe nicht zu teilen. Wir ersehen ans demselben nur, das; Rußland seine Juden um jeden Preis los werden will. Die russische Regierung will die Zionistenbewegung selbst in ihrem Lande dulden, wenn sie rein zionistisch bleibt, d. h. nur auf die Auswanderung nach Palästina sich beschränkt und die Kulturfrage innerhalb Rußlands ganz außer acht läßt. In diesem Falle will sie den Zionismus sogar noch mit Geldmitteln unterstützen und selbst bei der türkische» Regierung die Erlaubnis erwirken, die Kolonisation Palästinas in Angriff zu nehmen. Und das alles nur, damit die Juden aus dem Lande herauskommen. Das nennen die Führer freundliches Entgegenkommen, Förderung der jüdischen Pläne, wohlwollende Gesinnung für den Zionismus! Wir müssen gestehen, daß wir für diese Auffassung absolut kein Verständnis haben, sondern daß uns diese Zugeständnisse der russischen Regierung unsäglich traurig stimmen, weil sie die trübsten Aussichten für die Zukunft der Juden in Rußland eröffnen. Nichts destoweniger ist und bleibt es die Aufgabe der geamteu Judenheit, unaufhörlich an eine Lösung des russischen Problems zu denken. Will der Zionismus an dieser Aufgabe ernstlich Mitarbeiten, so wird das sicher dem Interesse der Sache nur förderlich sein. Es wird freilich wohl noch lange Zeit dauern, bis die Schäden, die die zionistische Utopia hervorgerufen, geheilt sein werden; aber in einer Zeit, wie die unsrige nun einmal ist, pflegen solche Heilungsprozesse viel rascher vor sich zu gehen, als dies früher der Fall gewesen. Für die überwiegende Majorität der europäischen Judenheit bleibt Zion immer unser heiligstes religiöses Ideal; unser Vaterland aber ist das Land, in dem wir geboren, dem wir unsere Dienste weihen und unsere Kräfte widinen, und von dem aus wir für den Fortschritt der Kultur, der auch ein Fortschritt in der Gleichstellung der Juden, und für die Mission des Judentums, die wir uns durch keine zionistische Agitation -herabsetzen lassen, arbeiten und kämpfen wollen! Sir Mache. Berlin, 2. September. er Aufmarsch der Parteien zu den Landtagswahlen hat bereits begonnen. Dabei zeigt sich aber gerade bei den Parteien der Rechten, daß sie gar nicht so ängstlich sind bei dem Gedanken, die Sozialdemokratie könnte dem Freisinn hier oder dort ein Mandat abjagen. Wenn aber bei den Landtagswahlen die Opposition sich verstärkt, wenn vielleicht eine Anzahl Sozialdemokraten Sitz und Stimme im preußischen Abgeordnetenhause erhält, dann werden die Organe der antisemitischen Tivoli - Konservativen dies ohne Zweifel wieder fälschlich dem Einflüsse der Juden zuschreiben, statt andern wie sich selbst gegenüber zu bekennen, daß sie durch ihre Beeinflussung in solchen Fällen, welche das Volksempfinden verletzen mußte, allein die Schuld tragen. Der fromme „Reichsbote" schrieb am 17. v. M.: „B ekanntlich hat sich das Judentum schon bei den Reichstagsstichwahlen geschlossen zu gunsten der Sozialdemokratie, eingesetzt." Bei Behauptungen, für die sie nicht den Schimmer eines Belveises hat, behilft sich diese Gattung der deutschen Presse immer mit dem Wörtchen „bekanntlich", und ihre Leser glauben dann au Dinge, die nirgend „bekannt" sind. Darauf kann jedenfalls die konservative Partei rechnen, daß die bei den Reichstagsstichwahlen von den Juden gemachten Erfahrungen nicht ungenutzt bleiben werden. Das „Judentum" hat tatsächlich, wie dies in der Zeitschrift „Im deutschen Reich" treffend ausgeführt wird, bei den Reichstagswahlen nicht geschlossen für eine einzelne politische Partei gestimmt und wird dies auch bei den preußischen Landtagswahlen nicht tun. Das aber steht zu hoffen, daß die deutschen Juden es als ihre Bürgerpflicht und zugleich als . Ehrensache betrachten werden, bei den bevorstehenden Wahlen in denen ausgesprochen antisemitisch-konservative, konservativ-antisemitische Kandidaten in Frage kommen, ihren ganzen Einfluß zu gunsten der Gegenpartei einzusetzen, gleichviel, welcher politischen Richtung diese huldigt! Ein für alle Male muß daran festgehalten werden: das Deutsche Reich und das Judentum haben einen gemeinsamen Feind: das ist derjenige, welcher den Religions- und Klassenhaß verbreitet. Ehe dieser nicht am Boden liegt, wird die Volkswohlfahrt nicht gedeihen. Wer mit antisemitischen Volksaufwieglern paktiert, schädigt das deutsche Vaterland mehr als die jüdische Glaubensgemeinschaft. * Die Enuuziatiou der „Kölnischen Zeitung" gegen die „jüdischen Abschließungsbestrebungen" hat unverdienterweise mehr Aufsehen erregt, als sie in der Tat verdiente. Sie ist sogar — töricht genug — für eine offiziöse Auslassung gehalten worden, während sie doch höchstens „eine minder haltbare Tagesleistnng" im Sinne Bismarcks war, wie man schon aus folgendem Passus erkennen kann: „Man täusche sich nicht: die gesellschaftliche und bürgerliche Bollwertigkeit gehören eng zusammen. Das Schwierigste, von ihrem Willen Unabhängige, haben die Juden erreicht:^ die politische Gleichberechtigung. An ihnen allein liegt es nun, sich die volle Ausnützung dieser Rechte durch das Mittel der gesellschaftlichen Gleichberechtigung zu erringen. Durch eine Betonung der Gegensätze ist aber diesem Ziele wenig gedient." Abgesehen davon, daß die deutschen Juden keine fremde Rasse sind, wäre das, lvas die „Kölnische Zeitung" hier sagt, im großen und ganzen richtig, wenn es allein an den Juden läge, das zu erringen, was die „Kölnische Zeitung" „gesellschaftliche Gleichberechtigung" nennt. Was sagt z. B. das rheinische Blatt zu dem folgenden Fall: Jüngst hatte ein Tübinger Mediziner in der „Frankfurter Zeitung" einen Appell

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.