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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-04 · Heft 36 (4.9.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 4. September 1903 67. Jahrgang. No. 36. Allgemeine Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen oierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav 25arVeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig phMxpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkosse, Berlin. Ser lechlte AomltmKvngrrh. Berlin, 1. September, ie Empfindung, welche wir seit längerer Zeit gehabt, nämlich, daß der Zionismus sich zu häuten beginnt, werden nunmehr alle teilen, welche die Berichte des letzten Baseler Kongresses gelesen. Die beiden wichtigsten Punkte waren das Projekt einer jüdischen Kolonie in Ostafrika und die Lage der russischen Zionisten. Ueber den letzteren Punkt durfte auf dem Kongreß nicht gesprochen werden, und zwar aus taktischen Gründen; desto mehr wurde über die erstere Angelegenheit besprochen. Das Resultat ist bekannt. Mit einer geringen Majorität wurde der Antrag,?ine Kommission zum Studium des Projekts zu wählen, angenommen. Damit ist aber noch so gut wie garuichts getan, denn auch der Brief der englischen Regierung, den wir an anderer Stelle mitteilen, klingt durchaus nicht so positiv und hoffnungsfrendig, wie es nach den Erklärungen Dr. Herzls den Anschein hatte. Mit der Begründung einer jüdischen Kolonie in Ostafrika hat es also noch gute Wege. Die Hauptsache aber ist für uns die feste Ueberzeuauug, aaß das Baseler Programm durchbrochen ist. Alles, was auf dem Kongreß gesagt wurde, um diese Tatsache zu vertuschen, -war in den Wiud geredet. Wenn einer gesagt hat, Zion 'st das freilich nicht, aber es kann es werden, so ist das ine leere Phrase; wenn ein anderer behauptete, Ostafrika sei üne Vorbereitungsschule für Palästina, so ist das, wenn es hrlich gemeint ist, ein utopistischer Gedanke, wenn aber nicht, oer allerdings mißlungene Versuch, den unglücklichen russischen Idealisten den letzten Schimmer der Hoffnung auf Zion zu auben. Hören wir doch, was ein Zionistenführer, der Oberabbiner Dr. Gaster in London, über das Projekt sagt: „Das hiebe mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz reiben, wollte man von: Zionismus außerhalb Zions sprechen und ou einem Lande für Juden außerhalb des heiligen Landes. In dem Britischen Reiche wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen das volltändigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie iiese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte unter den gegenwärtigen Verhältnissen eher sein, ein Bürger des britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden, als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiktion oder unter ihrem Schutz steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf das nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Es ist den Prinzipien des Zionismus diametral entgegengesetzt." W i r können von unserem Standpunkt aus allerdings diese letzte Phase des Zionismus nur mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen. Wir haben schon seit Jahren beobachtet, daß der Zionismus aus dem Dunstkreis der Phrase, in dem er sich jahrelang bewegte, immer mehr in eine positive Bahn einlenkt, und durch seine Anhänger förmlich zu praktischer Arbeit gedrängt wurde. In dem Moment, tup der Palästinagedanke, wenn auch nur auf absehbare Zeit, zurückgedrängt und der Versuch gemacht wird, in Ostafrika eine Kolonie zu begründen, hat der Zionismus seinen utopistischen Charakter verloren und ist eine Kolonisationsgesellschaft, genau so wie die Jewish Colonisation, wie die Chobabe Zion, wie der Esra re., auch selbst wenn diese Kolonisation von anderen Prinzipien ausgehen und in anderer Weise geleitet werden sollte, als diese Gesellschaften. Das kann aber für uns nur erfreulich sein, und zwar in doppeltem Sinne, erfreulich — sowohl für die Gesamtheit des Judentums, als auch für die fernere Entwicklung der zionistischen Richtung innerhalb desselben. Fast hatte es ja den Anschein, als ob es niemals zu einer Verständigung zwischen der Majorität des Judentums und den Anhängern des Zionismus gelangen sollte. Mau überschätzte eben die Bedeutung des Baseler Programms und den Idealismus seiner Adepten. Nun aber kommen die Führer, die früher nicht scharf genug das offizielle Judentum bekämpfen konnten, und bieten selbst die Hand zu einem annehmbaren Frieden, denn sie wissen, daß auch das neue Projekt einer Kolonie in Ostasrika nicht ohne die Hilfe der obengenannten, von ihnen seit Jahren angegriffenen und geschmähten Anstalten und ohne die Mitwirkung des gesamten Judentums möglich sein wird. Ja, es fragt sich, ob das Projekt selbst mit dieser Hilfe zur Verwirklichung wird gelangen können. Wenn die Nachricht, daß das britische Kabinett das Negerreich Uganda im äquatorialen Ostafrika vorgeschlagen hat, auf Wahrheit beruht, so dürfte nach Ansicht gewiegter Sachkenner dort kaum Aussicht dazu vorhanden sein. Wohl wird Uganda als die Perle Ostafrikas gerühmt, und für die Engländer ist sie es wirklich, als Basis für die Beherrschung des gesamten Nilgebietes. Aber es ist sehr fraglich, ob Europäer dort wegen des Klimas und der anderen territorialen Bedingungen leben und auf die Dauer aushalten werden können. Dieselben Sachkenner sagen mit Recht, daß sie sich kaum ein friedliches Verhältnis zwischen den Negern von Uganda und den unglücklichen, vertriebenen russischen und rumänischen Juden denken können. Das ist ja aber am Ende eine cura posterior! Das wichtigste ist für jetzt die von den Anhängern des politischen Zionismus sicher viel beklagte und von allen anderen modernen Juden ebenso sicher aber lvillkommen geheißene Entlvicklung des Zionismus aus dem Gebiet nebelhafter Phraseologie oder himmelstürmender Utopien zu praktischer Arbeit im Dienste der Judenheit. In dem Moment, wo der Zionismus, der gegenwärtig ja in fünf oder sechs Parteien gespalten ist, zu diesem Entschlüsse gelangt, wird seine Tätigkeit im Interesse

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