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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 funden. Vor etwa sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Arnswalder Kreise das dreijährige Söhnchen des Wirtschaftsbesitzers Jenske. Politische Hetzer machten sich den geheimnisvollen Fall zu nutze und brachten in die Landbevölkerung den Glauben, daß das Knäblein einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnhaften Juden zu Ausschreitungen, welche erst durch die energischen Maßnahmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich das traurige Schicksal des kleinen Jenske auf. Auf dem Sterbebette gestand ein Förster namens Jenke, daß er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschossen habe. Aus Angst, verhaftet und bestraft zu werden. habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an, und die Behörde, welcher das Geständnis des Försters bekanntgegeben wurde, leitete sofort die notwendigen Nachforschungen ein. H. B. Samter, im Juli. Der Verein jüdischer Lehrer der Ostproviuzen hielt hier seine 15. Jahresversammlung ab. Diese war von 27 Mitgliedern und 8 Gästen besucht. Der Vorsitzende, Herbst- Lissa, begrüßte die Versammlung und die erschienenen Gäste und schloß seine Ansprache mit einem Hoch auf den Kaiser. Rabbiner Dr. Wreschner begrüßte die Versammlung und wies auf die gemeinsamen Ziele der Rabbiner und Lehrer hin und mahnte zn einträchtiger Arbeit beider Berufsklassen. Auch die Herren Gemeinde- und Schulvorfteher sprachen freundliche Worte der Begrüßung. Hierauf erstattete der Vorsitzende den Jahresbericht, der all der Hand des Verbandsberichtes zunächst die Arbeit des Verbandsvorstandes behandelte. In warm empfundenen Worten widmete der Berichterstatter dem dahingeschiedenen Professor Dr. M. Lazarus, der ein Kind unserer Provinz gewesen, uud dessen Wiege in der Nähe des Beratungsortes gestandeil, einen Nachruf, er wies auf den unersetzlichen Verlust hin, den das Judentum durch seinen Heimgang erlitten hat und betonte, daß wir doppelt trauern müßten um einen solchen Mann, in einer Zeit, wo man uns Juden, nachdem man die Gegenwart uns neidet und die Zukunft verkümmert hat, jetzt noch unsere Vergangenheit uns nehmen möchte. Die Versammlung ehrte das Andenken des Dahingeschiedenen in gewohnter Weise. In seinem weiteren Bericht gedachte der Vorsitzende der Veränderungen im Vereinsgebiete und weist auf den immer fühlbarer werdenden Rückgang der jüdischen Schülerzahl unserer Schulen hin. Der Verein könne nur mit Hilfe des Verbandes helfend und abwehrend eingrerfen, doch sei leider häufig die Interesselosigkeit der jüdischen Familienväter selber schuld an diesem Verfall, da in manchen Orten wohl jüdische Schulkinder vorhanden seien, aber kein jüdischer Lehrer, der ihnen den Religionsunterricht erteilen könnte. Dern Verein sind neu beigetreten Frank-Birnbaum, Peczkowski- Nakel und Lewin-Tremessen. Auf eine Anfrage des als Gast anwesenden Oberkantor Oswald-Posen, lvie es mit der Kantorensektion stehe, verweist der Vorsitzende auf die Protokolle der Delegiertenversammlung und auf die Bestimmungen unserer Vereinssatzungen. Hierauf hielt Becker-Wollstein seinen Vortrag „Die Stellung des jüdischen Volksschullehrers in der Ostmark". Der Vortragende sprach über die Stellung des jüdischen Lehrers 1. in seinem Berufe, 2. zu seiner Religionsgemeinde, 3. zu seiner bürgerlichen Gemeinde und 4. zum Staate. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte. Im Anschlüsse an diese stellte Kollege Roßkamm-Fordon den Antrag: „Der Vorstand wolle bei dem Oberpräsidenten von Posen dahin vorstellig werden, daß den ungeprüften Kantoren untersagt werde, den Religions- und hebräischen Unterricht zu erteilen". Antragsteller begründete seine Forderung aus der Praxis und führte aus, daß die Gemeindevorstände gerade in der Ostmark das Bestreben zeigen, teils aus persönlichen, teils aus Ersparnisrücksichten, besonders aber auch wegen „religiöser Bedenken", den staatlich geprüften Lehrern den Religions- und hebräischen Unterricht zu entziehen und Kantoren und Kultusbeamte damit zu beauftragen. Obwohl allseitig anerkannt wurde, daß der Antragsteller und mit ihm die andern Redner im Rechte seien, nahm die Versammlung Abstand, seinem Wunsche zuzustimmen. Nachdem Kollege Grünfeld-Schwersenz den Kassenbericht erstattet hatte, aus welchem sich ergab, daß Einnahmen und Ausgaben mit 206,53 Mark sich decken und die Kassenprüfer die Entlastung beantragt haben, wurde diese von der Versammlung ausgesprochen. Freundlich-Kosten hatte in instruktiever Weise eine fleiue Ausstellung mit denjenigen einschlägigen Büchern veranstaltet, welche ihm von beit Herren Verlegern Jacobsohn und Köbner-Breslau und Kauffmaun-Frankfurt a. M. in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt worden. In Ausführung des Speyerschen Antrages wurde eine Kommission, bestehend aus beu Kollegen Kadisch- Gollub und Roßkamm-Fordon gewählt, welche der nächstjährigen Versammlung das Ergebnis ihrer Arbeit vorlegen soll. Außerdem hat Kollege Kadisch bereitwilligst die Bearbeitung des Verbandsthemas für die nächste Vereinsversammlung, welche in Posen stattfinden soll, übernommen. Hierauf hielt im Schullokal Kollege Lehmann-Krojanke mit den versammelten Schülern uud Schülerinnen eine Musterlektion über Psalm 121. Nachdem der Vorsitzende dem Referenten Dank und Anerkennung ausgesprochen, begab sich die Versammlung in die angrenzende Synagoge zum Gebet. Gegen 9 Uhr fanden sich die Teiluehiner zum gemeinsamen Mahle zusammen. F. Leodschütz, 17. August. Die feie rliche Einführung des neuen Seelsorgers der Synagogegemeinde, Herrn Dr. Tiktin, hat gestern bei dem Abendgottesdienst in der hiesigen Synagoge durch die Vorsteher- Herren Heinrich Magen. Goldberger, Richard Wohl und Sachs stattgefunden. Nach einem feierlichen Präludium bestieg Herr Dr. Tiktin die Kanzel und führte an der Hand des Textes des dieswöchentlichen Prophetenabschnittes, Jes. 49,15 (Kann eitle Mutter ihres Säuglings vergessen, daß sie sich nicht erbarmte ihres Kindes und ob sie es auch vergäße, so werde ich Dein nicht vergessen), die wunderbaren Schicksale Israels während seiner jahrtausendlangen Geschichte aus. Im Anschluß an die Predigt wies er auf seine Pflichtell als Seelsorger und Bildner der Jugend hin, betonte, daß er es als seine Ausgabe betrachte, den Frieden innerhalb irnd außerhalb der Gemeinde zu wahren und schloß mit einem Gebet für Kaiser und Reich. 6. Herford, 17. August. Würdig und erhebend beging am 15. d. M. die hiesige Sstnagogengemeinde das 25jährige Amtsjubiläum des Herrn Dr. Hulisch, ihres Rabbiners und Lehrers. Die Feier gewann an Bedeutung durch die herzliche Teilnahme weiter Kreise der Bürgerschaft und besonders der offiziellen Vertretung derselben. Die Gemeindebehörden überbkachten am Morgen in ehrender Atlsprache die Gratulationen und die Festgabe der Gemeinde. Sodann wurde der Jubilar unter Orgelkläugen in das festlich geschmückte Gotteshaus geleitet. Der Gottesdienst, und insonders die Predigt des Gefeierten, machte auf die sehr zahlreichen Besucher einen tief ergreifenden Eindruck. Alle Glieder der Gemeinde, aber auch viele nichtjüdische Mitbürger, erschienen zur Begrüßung des Jubilars. Bürgermeister und Beigeordnete überbrachten in einer prächtig ausgeführten Adresse die Wünsche und Anerkennung der „Stadt Herford". In dem Schreiben heißt es: . . . Aber auch die ganze Bürgerschaft nimmt an diesem festlichen Vorgänge herzlichen und freudigen Anteil, denn Sie haben nicht nur in Frieden und Segen, mit Treue, Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit Ihrer Gemeinde gedient, sondern in dieser langen Zeit Ihres Hierseins sich auch als ein guter Bürger der Stadt erwiesen, der lebhaften und tätigen Anteil nahm an der Schaffung gemeinnütziger, wohltätiger oder patriotischer Werke zur Förderung des öffentlichen gemeinen Wohles." — Geistliche der evangelischen und katholischen Gemeinde gratulierten mit herzlichen Ansprachen. Andere Behörden und Korporationen sandten schriftlich ihre Wünsche. Herrliche Blumenspenden in großer Zahl, sinnige Ehrengaben, sehr viele Telegramme und Briefe trugen zur Hebung der Feier bei. — Die dem würdigen und verdienstvollen Jubilar erwiesenen Ehrungen sind ein beredtes Zeugnis der allgemeinen Wertschätzung und Beliebtheit, deren sich derselbe weit über den Kreis seiner Wirksamkeit zu erfreuen hat. Möge ihm ein noch langes, reich gesegnetes Wirken beschieden sein! in. Helderrbergen (Grotzherzogtum Hessen), 19. August. Heute beging der weit über die Grenzen unseres Heimatlandes bekannte und geschätzte Lehrer, Herr Leopold Wertheimer, das Jubiläum seiner 40 jährigen Tätigkeit in der hiesigen jüdischen Gemeinde. Die in allen Teilen wohlgelungene Feier begann mit einem von Herrn Provinzialrabbiner Dr. Hirschseld-Gießen geleiteten Gottesdienste, an welchen sich ein Festakt im Rathause anschloß. Hier überreichte der grobherzogliche Kreisrat aus Friedderg den von Sr. königlichen Hoheit dem Großherzog verliehenen Philipps-Ordens; die Herzlichkeit der Allsprache des Herrn Kreisrats berührte jedermann aufs wohltuendste. Rebell dem kostbaren Geschenk der jüdischen Gemeinde verdient hervor, gehoben zu werden, daß auch die Stadtgemeinde — ein beredtes Zeugnis für den dort herrschenden Geist der Eintracht, wie auch für die dem

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