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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 35 Berlin, 28. August 1903 Der Gemeindevote. Veilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" lkorrrlpmrven-?en und Aschnchtm. Deutschland. Berlin, 24. August. Das „Statistische Jahrbuch des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes" ist soeben im 16. Jahrgang erschienen. Das längst iu allen beteiligten Kreisen als unentbehrlich bekannte Handbuch über die jüdischen Verhältnisse im deutschen Reiche hat in diesem Jahre noch viele und wesentliche Ergänzungen erfahren. Das geographische Register der Gemeinden ist so übersichtlich wie möglich und, nach den Stichproben zu urteilen, auch zuverlässig. Die statistischen Tabellen, die Verzeichnisse aller Anstalten und Vereine, die Sammlung wichtiger Entscheidungen und Verordnungen bilden einen wichtigen Teil des Buches, dessen Preis trotz der ansehnlichen Vermehrung des Umfanges nur 2 Mark beträgt. Von besonderem Interesse ist im Anhang die Statistik der Beteiligung der Juden am höheren Schulwesen Preußens und einiger anderer deutschen Staaten von Oberlehrer Dr. Schäfer. Wir entnehmen dieser Tabelle folgende Daten: Es gibt in Preußen 88 jüdische Oberlehrer; dies entspricht einem Prozentsatz von 1,35. Wenn man von dieser Zahl die 16 abzählt, welche au den beiden jüdischen Realgymnasien Frankfurts angestellt sind, so entsprechen die übrigbleibenden Juden einem Prozentsatz von 1.10. An Staatsanstalteu sind im ganzen nur 11 Juden augestellt, d. h. 0,42 Prozent. Am meisten sind in Berlin jüdische Oberlehrer, in Schleswig-Holstein; Hannover, Westfalen, Rheinproviuz, Mecklenburg-Schwerin, Sachsen-Weimar, Oldenburg, Altenburg, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuß, Lippe, Bremen, Hamburg keiner. Ebenso interessant ist die Uebersicht der Frequenz der Gymnasial- und Realanstalten. In Preußen sind im Jahre 1900 6999 jüdische Schüler an ben Gymnasien, 1385 an den Realschulen, d. h. 9,64 Prozent, resp. 19,60 Prozent der Gesamtzahl. In Berlin sind 2006 jüdische Ghmnasialschüler, 660 an den Vorschulen. Von den 346 Abiturienten des Jahres 1901 haben sich 15 dem Studium der jüdischen Theologie zugewendet. Wir könnten diese interessanten Daten noch sortsetzeu, verweisen aber lieber auf das Jahrbuch selbst, das niemand entbehren kann, der sich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt. 8. Berlin, 24. August. Der Erinnerung an einen Ehrenmann ist die kleine Schrift: „Zum Gedächtnis von Leopold I. Minden" (geb. 19. August 1822, gestorben 27. November 1902 zu Berlinj gewidmet. Minden war einer der Begründer der hiesigen Reforrngemeinde und eines der würdigsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde überhaupt. Darum werden auch weitere Kreise sicher gern die Worte der Erinnerung lesen, die im Gotteshause der Reformgemeinde von Herrn Dr. M. Lev in und auf dem Friedhof von Herrn Dr. K tempere r zu seinem Gedächtnis gesprochen wurden. Sie charakterisieren den Mann, sein Leben und Schaffen, seinen Charakter und sein Herz in vortrefflicher Weise. Der Schrift geht ein wohlgelungenes Porträt Mindens aus seinen besten Mannesjahren voran, das dem großen Kreise seiner persönlichen Freunde eine bleibende Erinnerung bieten wird. Die ganze Schrift ist ein schöner Akt kindlicher Pietät und wird sicher auch in diesem Sinne freundlich ausgenommen werden. 8. C. Berlin, 24. August. Die fünfzigste Wiederkehr des Tages (26. August 1853), an dem Mejo Meno Bnrg als eins der ersten Opfer der Cholera, die vor 50 Jahren in Berlin zum letzten Male wütete, das Zeitliche segnete, rust uns die heute beinahe unglaublich klingende Tatsache ins Bewußtsein, daß es in Preußen einmal einen jüdischen aktiven königlichen Major gegeben hat. Meno Burg war nicht bloß Jude dem Namen nach, sondern mit Leib und Seele. Stets hatte er für jüdische Interessen Zeit übrig, mochte er durch Berufspflichten noch so sehr in Anspruch genommen sein. Wie vielseitig letztere waren, ersieht man daraus, daß Burg eine sehr umfangreiche schriftstellerische und Lehrtätigkeit ausübte. Beide gingen aufs engste mit einander zusammen und erstreckten sich, abgesehen von einer Selbstbiographie „Aus meinem Dienstleben", auf diejenige Wissenschaft, in der er eine anerkannte Autorität war, die Anwendung der höheren Mathematik auf das Artilleriewesel,. Dieser bisher stark vernachlässigten Disziplin wußte er durch seine umfassenden Kenntnisse und feine vielfach geradezu genialen Forschungen, mit denen er die Wissenschaft bereicherte, nicht minder durch die besonders Geschicklichkeit, mit der er seinen Unterricht an der Vereinigten Ingenieur- und Artillerieschule belebte, eine gegen früher wesentlich erhöhte Bedeutung, beinahe ein ganz neues Gepräge zu verleihen. Nahezu 40 Jahre bis zu seinem jähen Tode wirkte er in segensreicher Weise als Lehrer an der oben erwähnten, 1815 neu begründeten bezw. reorganisierten höheren Lehranstalt für das Artillerie- und Jngenieurwesen. Vor seiner Berufung in diese Stellung war er erst zwei Jahre Soldat gewesen. 1813 hatte er sofort, nach dem der Aufruf des Königs „An mein Volk" erschienen war, sich als Freiwilliger gemeldet, wurde jedoch trotz seiner ausdrücklichen Bitte nicht als Jäger ins Feld geschickt, sondern als Bombardier der Festungsbesatzung in Neiße eingereiht. Hier wurde er nach Jahresfrist zum Unteroffizier, nach einem weiteren Jahre zum Offizier befördert. In dieser Eigenschaft erhielt er, da er durch seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen die Aufmerksamkeit an höherer Stelle auf sich gelenkt hatte, die Berufung in die gekennzeichnete Stellung, pr der er es allmählich auch zum Range eines Majors brachte, nach seiner Heimatstadt Berlin, wo er. am 9. Oktober 1789 geboren, erst das Gymnasium „zum grauen Kloster", dann die „Bauakademie" besucht und das Geometerexamen absolviert hatte. So einfach wie sein Lebenslauf, so schlicht war sein Wesen. Er war ein edler Mensch im wahren Sinne des Wortes, „hilfreich und gut". Neben hunderten dankbarer Schüler trauerten unzählige Arme an seinem Sarge. Der nach kaum 24stündigem Krankenlager erfolgte Tod Burgs rief unter den Berliner Juden, die sich damals noch als Mitglieder einer Familie fühlten, große Bestürzung hervor. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde und des Baruch Auerbachschen Waisenhauses, zu beffeu eifrigsten Kuratoriumsmitgliedern>r gehörte, widmeten ihm tiefgefühlte Nachrufe. Die Teilnahme an der Beerdigung war ungeachtet der Schreckensherrschaft der Seuche, die eben erst ihre furchtbare Geißel zu schwingen begonnen hatte, eine allgemeine. Rabb. Dr. Holdheim hielt auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee eine ergreifende Grabrede. Der Name Burgs lebt nicht bloß in den Annalen der Kriegswissenschast, sondern ebenso in der Geschichte des modernen Judentums fort. Denn nennt man die besten Namen derer, die unter den schwierigsten Verhältnissen trotz aller äußeren Verlockungen dem angestammten Glauben ihrer Väter treu blieben, wird auch der seine genannt. — Berlin, 24. August. Nach den statistischen Erhebungen über das Religionsbekenntnis der eheschließenden Parteien in Preußen im Jahre 1901 ist zu erwähnen, daß 91,2 Prozent aller Ehen von Personen gleichen Bekenntnisses geschlossen wurden; der Rest von 8,8 Prozent oder etwas mehr als einem Zwölstel waren Mischehen. Im ganzen wurden 277 480 rein evangelische, 145141 rein katholische und 3878 rein jüdische Ehen geschlossen. Bei der Verbindung zwischen Katholiken und Protestanten überwogen die Fälle, in denen der Mann katholisch ist (20 697), die Verbindung zwischen katholischer Frau und evangelischem Manne zeigt sich in 18 418 Fällen. Es scheint also, daß die evangelischen Männer und die katholischen Frauen mehr Gewicht auf Glaubenseinheit in der Religion legen, als ihre Glaubensgenossen vorn andern Geschlechts. Auffällig ist, daß zwischen Juden und Protestanten eine bedeutend stärkere Anziehung herrscht als zwischen Juden und Katholiken. Von den Mischehen mit jüdischen Frauen wurden 222 mit evangelischen, dagegen nur 76 mit katholischen Männern gezählt; die letzter« Ehen betrugen also nur etwa ein Drittel der ersteren. Jüdische Männer dagegen heirateten in 258 Fällen eine evangelische und nur in 67 Fällen eine katholische Frau; oder umgekehrt: auf je etwa vier Protestantinnen fand sich nur eine Katholikin bereit, einem Juden die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen, und auf drei Protestanten kam nur ein Katholik, der eine Jüdin zur Lebensgefährtin wählte. Almswalde, im August. Eine Affäre, die seinerzeit zu Volksunruhen und Exzessen führte, hat nunmehr durch ein Geständnis auf dem Sterbebette ihre sensationelle Aufklärung ge-

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