Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Er war ein kleines, schiefes Männchen, mit Triefaugen, einem langen, ungepflegten Bart, zitternden Händen und schlotternden Knieen und sah gar nicht wie ein Betrüger aus. sondern so demütig, so harmlos und gedrückt, als wüßte er nicht einen einzigen Grund für seine Existenzberechtigung überhaupt, geschweige dafür anzuführen, daß er zu kleines Brot verkaufe. Hilflos blickte er auf den Richter, dieser lächelte ihn milde au. „Nun Schmul, wie kommt Ihr dazu?" fragte er nochmals rmd es lag soviel Ermutigung und Güte in seiner Stimme, als wollte er sagen: finde nur eine einzige annehmbare Erklärung für dieses leichte Brot und ich werde die Sache nicht schwer nehmen, aber Schmul starrte ihn noch immer wortlos »nd vernichtet an. Da geschah das Unerhörte, über die niedrige Barriere weg setzte eine Frau, feist und behäbig, wie es die Jüdinnen in reiferen Jahren sind, pflanzte sich vor dem Richter auf und rief mit kreischender Stimme: „Herr Richterieben. Schmul kann nix reden, immer verschlagts ihm auf der Zung, aber ich bin sein Weib und ich will'n verteidigen. Er hat nix gewußt, daß die Brote sein leicht . . ." „Wassil. schmeiß die Jüdin raus?" — Es war als ivollte er doch einen Augenblick seinen Gleichmut verlieren. Warum verurteilte ihn der Richter dennoch, nachdem Riske sein Weib erklärt hat, er hat nix gewußt? Sie können es nicht begreifen. Wer sollte ihnen klar machen, daß Unkenntnis nicht schütze vor dem Gesetze? Schmul Birnbaum ist zu drei Wochen Gefängnis oder 50 Rubel Geldstrafe verurteilt. Halbtot sinkt er auf die Anklagebank zurück. Woher soll er, der arme Mann, die 50 Rubel nehmen? Also muß er ins Gefängnis, das wird er nicht überleben. Er ist wirklich ein ordentlicher Jude, der Richter sieht es ihm an, vielleicht ist er beim Kauf der Landbrote selbst betrogen worden.... „Wollt Ihr Eure Strafe gleich antreten?" fragt der Richter. „Apellatia! Apellatia!" flüstern verschiedene Stimmen aus dem Zuhörerraum. Der Richter blätterte in den Akten, er tat, als hätte er nichts gehört. „Apellatia! Apellatia!" tönte es lauter, dringend. Erfolgte immer noch nicht der übliche Befehl an Wassil?' „Apellatia!" erschallt es nun ganz kräftig; der Ruf hatte den unglücklichen Schmul erreicht, er raffte sich ans und wankte nach dem Tisch, der Richter beobachtete es und nun heißt es wieder „Wassil, schmeiß die Juden raus!" gleichzeitig vermerkte er den Antrag Schmuls auf Appellation. Er wußte, daß Schmul nicht ins Gefängnis kommt, seine Glaubensgenossen würden die 50 Rubel zusammenlegen, die Appellation zurückziehen und für ihn bezahlen. Er kennt diese Leute und deshalb ist er auch ein so milder und humaner Richter und es tut nichts, wenn er auch einmal auf der Jagd sich verspätet .... Naphtalh machte eine Pause und sann nachdenklich vor sich hin. „Ich glaube immer, Herr Doktor, die früheren Antisemiten waren keine so Übeln Leut', wie die von heutzutag . . ." „Aber Herr Naphtalh", rief ich entrüstet, „Antisemitismus bleibt Antisemitismus." „Kann sein, Herr Doktor, aber von Amtswegen ist mir der Richter in Czenstochau doch lieber, wie der Minister . . . heppschi!" „Zur Gesundheit, mein lieber Herr Naphtalh!" (Forts, folgt.) Der Mrdhok der heimatlosen sich einmal in Westerland auf Sylt aufgehalten hat, der wird nicht ohne eine gewisse Rührung 'auch den Friedhof besichtigt haben, den man für die vom Meere angespülten Leichen eingerichtet hat. Man nennt ihn den „Friedhof für Heimatlose", weil er nur für diejenigen Toten benutzt wird, deren Heimat nicht festgestellt werden kann. Die Gräber sind schmucklos angelegt. Nur im Hintergründe in der Mitte steht ein Denkstein, für welchen Car mell Sylva folgenden ergreifenden Spruch gedichtet hat: Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit Gespült zum Erdeneiland, Voll Unfall und voll Herzeleid, Bis heim uns holt der Heiland. Das Vaterhaus ist immer noch. Wie wechselnd auch die Lose: Es ist das Kreuz von Golgatha Heimat für Heimatlose. Einen Kölner Besucher des Badeortes regte vorstehender Spruch mit Hinblick auf die traurige Lage der rumänischen Juden, welche mall bekanntlich int Lande nur als Fremde duldet, zu folgendem an Carmen Sylva gerichteten Erguß an: In Westerland auf Sylt, da steht ein Stein. Der spricht von „Heimat für die Heimatlosen", Die Ruhestätte derer soll es sein, Die eillst verschlungen hat des Meeres Tosen. Nun gab das Meer sie an das Land zurück; Doch, ach, die um den lieben Toten klagen. Sie wissen's nicht, es trifft kein Abschiedsblick Den Ruhenden, — er wurde ja verschlagen. Und keine Träne netzt des Armen Grab, Nur Fremde stehen mitleidsvoll daneben, Die ein Gebet als letzte Liebesgab' In stummer Andacht auf den Weg ihm geben. Und dann ist es vorbei. Man schließt das Tor. Nur manchmal hemmt ein Frommer sein Wege, Zu fleh'n, daß, der sein irdisches Heim verlor. Das ew'ge Heim dort finden möge. O, hohe Iran, die Worte, voll von Lieb', Es Euch gedrängt, den Ruhenden zu spenden, Ist es nicht auch ein süßer, sel'ger Trieb, Den Lebenden sich huldreich zuzuwenden? Ihr stehet auf der Menschheit stolzen Höh'n, Ein Wort von Euch, — es lösen sich die Bande: Dreihunderttausend arme Juden fleh'n Unr eine Heimatsstalt in Eurem Lande, Um eine Stätte, die ihr Inneres liebt, Und der ihr Herzblut sie zum Opfer bringen, Um eine Stätt', die ihnen Nahrung gibt, Wenn sie in heißer Arbeit darum ringen. Und ist das Mitleid ob der Armen groß, Die aus der Lebensreis' ihr Heim verloren, Ist nicht beklagenswerter noch das Los Der Elenden, die ohne Heim geboren? Könnt' Ihr sie retten, tut's! Und wie Ihr dort Dem Tod mit einem Segenswort begegnet, So wird von tausend Herzen fort und fort Auch Euer Name, hohe Frau, gesegnet. Literarische Mitteilungen. ----- E. B. Lew in: Sammlung der die Juden beschränkenden Gesetze und Verordnungen bis zum 1. Juli 1902. St. Petersburg 1902 (Russisch). Die mir vorliegende, 513 Seiten starke, stattliche Sammlung enthält die die Juden in Rußland beschränkenden Gesetze nebst Senatsentscheidungen. Wohlgemerkt: nicht von den die Juden betreffenden i \ i j-