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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 418 (sequence 12)
Language
German
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Und mit der Lebhaftigkeit und dem Temperament, die seinem Vortrage etwas Dramatisches gaben, erzählte mein alter Freund: „Wassil, schmeiß den Juden raus" mit diesen in liebenswürdigster Weise gesprochenen Worten, nahm der Richter seinen Platz vor dem mit grünem Tuch überzogenen Tisch ein und griff nach einem Stoß Akten, die der Schreiber ihm mit devotem Grinsen hinüberreichte. Die Tische, an denen Rat gepflogen, Recht gesprochen wird, sind stets mit grünem Tuch überzogen, und die Amtsstuben bekommen dadurch überall ein ziemliches gleiches Aussehen, aber diejenige, aus der Wassil pflichtschuldigst sofort den Inden hinaus praktizierte trug doch ein anderes Gepräge, nicht so sehr in Bezug aus die Einrichtung, als auf das dort versanunelte Publikum. Hinter der hölzernen Barriere, die den Zuhörerrauin von dem Gerichtshof und der Anklagebank trennte, drängten sich polnische Juden in langen, schmierigen Kaftans mit schiefgetretenen Stiefeln und kleinen, niedrigen Hüten, und polnische Bauern die Haare tief in die Stirne gekämmt, Pelze und dicke Flausröcke über die ledergegürteten Hüsten und die Leinwandhosen. Eine aus Staub, Schweiß und unreinem Mcnschenatem gemischte Luft erfüllte den Raum, alle diese Leute warteten seit zwei Stunden auf den Herrn Richter. Die Termine waren auf 10 Uhr angesetzt, und erst um 12 Uhr erschien er, nachdem einige der Parteien bereits gegangen und dann wiedergekehrt waren. Er hatte sich auf der Jagd verspätet und war statt mit dem Frühznge erst Mittag angelangt und nun war er vom Bahnhof direkt nach dem Gerichtsgebäude gekommen, legte die Kette über den weißen Leinwandrock, der im Sommer von höheren russischen Militärs und Beamten getragen wird, und befand sich so im Zeichen seiner Amtswürde, bereit Recht zu sprechen. Der kleine Zwischenfall mit dem Juden gehört zu den Gepflogenheiten der Gerichtsverhandlungen. Der Jude hatte sich dem Herrn Richter in den Weg gestellt, als dieser eiligst nach seinem Sitze strebte und der Gerichtsdiener hatte seines Amtes gewaltet. Die Türschloß sich hinter dem Juden und die Verhandlung begann. In russischer Sprache wurde die Anklage verlesen. Weder die Bauern noch die Juden verstanden etwas davon. Der Dolmetscher mußte daher in polnischer Sprache den Inhalt des Aktenstückes wiederholen und war vorsichtig genug, verschiedene jüdisch-deutsche Ausdrücke zum nähern Verständnis für die Juden mit unterlaufen zu lassen. Wohlwollend gestattete der Richter dies und es gehörte eine wirklich humane Natur dazu, um so, man könnte sagen, gemütlich die Verhandlung zu leiten, umgeben von Menschen, deren Rechtsbewnßtsein noch ziemlich unklar und die von der Bedeutung eines Rechtsspruchs keine Vorstellungen haben. Es handelte sich zunächst um ein Vergehen gegen die Gesetze der Marktpolizei. Ein Jude hatte Brot verkauft, das im Gewicht zu leicht besnnden wurde. Wo hatte man je von einem Uebergriff und Eingriff der Machthaber gehört in Czenstochau? Was geht das den Gendarm an und was geht das die Polizei an und was geht das endlich den Herrn Richterleben an, wie schwer oder wie leicht das Brot ist? Hat er es gekauft? Was haben sie zu wiegen, was ihnen nicht gehört? Eine Gewaltsache! Wer das Brot gekauft hat, hätte zu Hause schon gesehen, um wie viel er betrogen worden ist! Es ist der reine Meschugas mit de neien Gesetze! Aber fügen mußte man sich trotzdem doch, und so saß der Jude auf der Anklagebank, und hinter der Barriere drängten sich die Verwandten und Freunde und diejenigen, welche die Neugierde hergetrieben, um zu erfahren, ob man vielleicht gar nach Sibirien verschickt wird, wenn das Brot zu leicht ist, wie ein Spaßmacher vom alten Markt vor Ankunft des Richters, bemerkte. Die Bauern waren anderer Streitfälle ivegen da, durch die Verspätung waren Parteien verschiedener Angelegenheiten zusammengetroffen und da di« Sache von allgemeinem Interesse war, blieben sie alle während des Termins zugegen. „Schmul Birnbaum, Ihr habt Brot verkauft, dem sechs Lot am rechten Gewicht fehlten!" wendete der Richter sich zum Angeklagten. „Das ist nich wahr, Herr Richterleben," ruft eine weinerliche Stimme aus dem Zuhörerraum. „Wassil, schmeis die Jüdin raus," in fast freundlichem Tone erteilte der Richter diese Anordnnng, kein Aerger, kein Zorn zeigte sich auf seinem Gesichte, ruhig blätterte er in den Akten, während Wassil seinem Befehl nachkam, setzte er die Untersuchung der Sache fort.. Dem Gendarm Waczek war es schon lange aufgefallen, daß die Brote auf Schmul Birnbaums Marktstand kleiner aussehen, als Brote gewöhnlich, und so war er einmal hinzugetreten, hatte ein Brot in die Hand genommen und es auffallend leicht befunden. Nun hatte er mehrere andere ebenfalls emporgenommen und bei allen die gleiche Wahrnehmung gemacht. Er konfiszierte darauf den ganzen Vorrat, lieferte ihn ab und die Schuld Schmul Birnbaums schien so klar erwiesen, daß die Anzeige gegen ihn erfolgte. „Was wißt Ihr darauf zu sagen. Schmul Birnbaum?" fragte der Richter. „Waczek ist ein Schicker" — Trunkenbold — erfolgte von jenseits der Barriere die Antwort. „Wassil, schmeiß' den Juden raus," ertönte die freundliche Stimme des Richters. Wieder keine Spur von Ungeduld, diese kleinen Unterbrechungen gehören zum Gang des Ganzen, wie die Anfertigung des Protokolls, die Schnupftabaksdose des Dolmetschers und die Zeugenvernehmung. Den günstigen Moment, in dem der Jude rausspediert wurde, hatte die Jüdin benutzt, um wieder hineinzuschlüpfen. Mit Zeichen freudigster Zustimmung wird sie begrüßt, der Richter sah alles, aber er will es nicht sehen. So lange sie nicht störend in die Verhandlung eingriffen, duldet er manches. Waczek, der Gendarm, war allerdings keine sonderlich vertrauenerweckende Erscheinung. Er sah zwar stattlich aus in der hübschen, kleidsamen Uniform der russischen Grenzgendarmerie. Der blaue Rock mit den zitronengelben Aufschlägen, den weißen Brustschnüren und reichem Säbelgehänge, die pelzverbrämte Mütze, geben ihm Ansehen und Würde und er stand auch ganz stolz vor dem Richter; aber die Nase, die rote Schnapsnase ist ein allzu verräterisches Zeichen und der Blick, der auf dieselbe fällt, ist viel weniger freundlich und gütig, als das Verhalten des Richters im allgemeinen. Er weiß, wie viele Schwierigkeiten daraus erwachsen, daß diejenigen, welche die Wächter der öffentlichen Ordnung sein sollen, selbst so häufig außer Acht lassen, was sie dieser schuldig sind. Daß der Schnaps diesen Schikurim höher steht, wie die Pflicht und sie deshalb keine Achtung finden bei beti nüchternen Juden, die es genau wissen, daß ein Maßet Spiritus viel vermag über die Hüter des Gesetzes. Er wußte auch genau, was jetzt kommen würde, nachdem Waczek mit seinem Bericht zu Ende war und durfte weder entrüstet noch gereizt sein, als plötzlich aus dem Publikum eine Stimme laut wurde. „Hätt' Schmul dem Waczek gegeben Schnaps, hätt' er nich gewogen das Brot-" „Wassil, schmeiß den Juden raus," erfolgte es wieder wie bisher. Selbst die offenbare Beschuldigung der Bestechung einer Amtsperson brachte keine größere Aufregung bei dem Richter hervor. Er kannte das schon; über Bestechung spricht man an der polnischen Grenze so gleichmütig, wie über etwas selbstverständliches. Die Anschuldigung war nicht schwerer, wie alles andere, wodurch sie störend in die Verhandlungen eingreifen, und wofür sie an die Luft gesetzt werden. Das Brot wurde herbeigeschafft, infolge der angezweiselten Glaubwürdigkeit Waczeks, nachgewogen und ein Manko im Gewicht gesunden.

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