Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 417 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueberhaupt wollen wir als Ton den durch die Ohren hindurch vermittels »er Luft des Gehirns und des Blutes bis zur Seele sich verbreitenden Stoß, als Hören aber die dadurch erfolgende Bewegung bestimmen, velche vom Kopse beginnt und in der Gegend der Leber aufhört. . Im „Staate" (D. Uebersetz. Schneider, Berlin 1850, IV, Seite 1121.) läßt sich Plato vernehmen: „Nicht ohne Grund also, sagte ich, werden wir behaupten, daß es zweierlei und von einander verschiedenes sei, indem wir das, womit 'ie überlegt, das Vernünftige der Seele nennen, das aber, womit sie Hebt und hungert und durstet, und sonst im Zustande heftigen Begehrens ist, das Unvernünftige und Begehrende, gewisser Erfüllungen und der Genüsse Freund . . . Hiermit also, sagte ich. seien lins zwei in der Seele vorhandene Arten bestimmt . . . Oder sowie im Staate drei Klassen waren, die ihn zusammenhielten, das Erwerbende, Helfende und Beratende, so ist auch in der Seele das dritte dieses erzürnbare, Gehilfe des Vernünftigen von Natur, wenn es nicht durch schlechte Erziehung verdorben ward? . . . Ja, sagte ich, wenn sich zeigt, daß es ein anderes als das Vernünftige ist, sowie sich's von dem Begehrenden verschieden gezeigt hat . . . Denn auch an den Kindern kann ja man dieses sehen, daß sie von Zorn gleich nach der Geburt erfüllt sind, Vernunft aber nehmen einige, wie mir scheint, niemals an und die meisten erst spät . . . Dann auch an den Tieren kann man es sehen . . . und auch jenes Homerische . . . wird es bezeugen, wo es heißt: „Aber er schlug sich die Brust und redete scheltend sein Herz an . . . Denn hier läßt Homer offenbar das unüberlegt Zürnende von dem das Bessere und Schlechtere überlegenden als Verschiedenes von Verschiedenem gescholten werden . . . wir nehmen mit gutem Grunde an, daß dieselben Klassen im Staate und in der Seele jedes einzelnen vorhanden sind und der Zahl nach gleiche . . . Soviel es, sagte ich, Weisen von Staatsverfassung gibt, welche Arten bilden, soviel scheint es auch Weisen der Seele zu geben." Das Universalgenie des Altertums (Aristoteles), von dem Kant sagte: seit ihm hat die Logik keinen Fortschritt aufzuzuweisen^), behauptete: „Herz und Gehirn sind die wichtigsten Beherrscher der Seelenorgane . . . Das Herz ist der Ursprung und der Herd der Lebenswärme (des Feuers), das Oberste des Körpers . . . Das Herz ist im Mittelpunkte gelegen, weil, wie wir annehmen, im Herzen das Prinzip des Lebens aller Bewegungs- und Sinneswahrnehmungen zu suchen ist . . . Es ist der Ausgangspunkt und die bleibende Stätte aller Sinne und Gesühle . . . Das Empfindungsvermögen war zuerst dem Blute zugeschrieben (Blut-Seele). Das Herz ist aber der Ursprung und Quellpunkt des Blutes. Damit es nicht von seiner bleibenden Wärme einbüße, befindet es sich in der Mitte des Körpers, von wo aus es alle übrigen Teile beherrschen kann . . . Im Herzen waltet der Xous (die intellektuelle Seele) . . . Dem Herzen gehört die oberste Herrschaft über alle seine Teile und Funktionen ... Da das Hauptsächliche der Sinne und des ganzen Wesens im Herzen enthalten ist, so entsteht es zu allererst, bald aber entsprechend der, ob der Wärme desselben darüber, wo die Venen aushören, entstehenden Kälte, das Gehirn. So kommt es, daß der Kopf fortgesetzt vom Herzen ausge- 'taltet wird." Aristoteles, der bekanntlich Anschauungen und Lehrmeinungen seiner Vorgänger aufzunehmen und als eigene anzuführen pflegte, was ihm übrigens bei dem damaligen Stande der Wissenschaft und schwer autheutizierbarer Schriftwerke nicht so arg anzurechnen ist, hat sicherlich die Anschauung von der Herzseele als die ursprünglich schon durch die Semiten allgemein verbreitete in ein System gebracht. Darin mag auch die Hauptursache zu finden sein, daß seine Ansicht die arabisch-jüdische Spekulation so lange suggestiv beherrschte. Ist es nicht rätselhaft bis zur Verblüffung, daß Aristoteles der seinen Lehrer Plato in der Naturerkenntnis weit übertraf, y De part. anim. III, e. 4, 5, 7, 11; de gen. anun. II, 6; IV, 4; de i68p. 15; de juv. et sen. c. 5. zu der uralten Anschauung zurückkehrte, welche der Seele das Herz als alleinige Domäne anwies und dem Kopfe, den Hhrtl „den ausschließlichen Sitz des denkenden und empfindenden Seelenwesens, die wahre Hauptsache in der individuellen Lebensexistenz" nennt und von copa, Tonne, Gefäß ableiten will, jede Teilnahme an psychischen Akten absprach? wiewohl der Kopf die Organe aller Sinne (vier ausschließlich und den fünften teilweise) auffällig enthält, welche ohne seelische Mitwirkung nicht gedacht werden können. Was ging in dem Gehirn des großen Stagiriten, des tiefsten und schärfsten Denkers des griechischen Altertums vor, daß er die unausgesetzt intensiven Denkakte im Kopfe nicht empfinden mochte? Nicht umsonst nannte ich die „Herzseele" eine uralte Anschauung; denn, abgesehen von der Bibel liefert auch das ägyptische Altertum einen drastischen Beweis hiefür: ,Ma8i", die kopflos dargestellte Göttin der Gerechtigkeit beginnt, nachdem sie dem Verstorbenen das Haus der Finsternis geöffnet und den Eintritt gestattet, die symbolische Handlung des Gerichtes, bei welcher des Toten Herz dem Gotte Anubis überliefert und von diesem ans eine Wage gelegt wird, welche in Ueberschrift „die Wage der Rechtfertigung" heißt. (Totenbuch, Tafel L. Will. Suppl. Pl. 88). Könnte man heutzutage die Gerechtigkeit nicht eher herzlos sich vor- und darstellen? Vide Kischenew! . . . Wenn ich im Texte und in den Fußnoten eine erkleckliche Zahl von Maten aufreihte, so geschah es auch in der Absicht, Fachgelehrten, denen diese Blätter zu Gesichte kommen, Gelegenheit zu geben, nachzusehen, ob und in welchem Maße Allegate als Quellen mit den daraus geschöpften Anschauungen sich decken. Ob Gussenbauers Darbietungen mit Bezug auf die andern von ihm erwähnten Autoren oder eigentlich die von ihm benutzten fachgeschichtlichen Angaben mit den eigentlichen Quellen übereinstimmen, soll hier nicht weiter untersucht werden. Daß er aber bei seiner sprichwörtlich gewordenen Akribie in der Form — er soll ein Stephan der Medizin sein — welcher seine penible sachliche Gewissenhaftigkeit gewiß nicht nachsteht, als viel gerühmter Praktiker gerade ein solches Thema gewählt, kann nicht ohne Befremden vermerkt werden. Wenn Gnssenbauer beispielsweise das Wort „Plireiies“ bei Pythagoras als Gemüt anführt, so ist denn doch zu bedenken, daß Phrenes in den ältesten Zeiten Zwerchfell bedeutete (Homer, Od. 9. 801), daß es mit „phrazo, sprechen" in Verbindung gebracht, eine Bezeichnung für vernünftiges Denken und Sprechen (Verwandt ratio und oratio) wurde, als dessen Sitz ursprüglich die Brusthöhle galt. „Das Herz schlägt die Phren mit Furcht," heißt es bei Aeschylus. (Forts, folgt.) Was mein alter Freund erzählt. Vo» Ludwig Weiß. III. ir haben doch neulich gesprochen über die Juden an der polnischen Grenze nnd über ihre Lage dort . . . wie's heut is, weiß ich nicht . . . gewiß is es nich besser geworden, seit der Antisemitismus zu Buß gesagt hat zugenommen im heiligen russischen Reich, aber damals, zu Anfang der siebziger Jahre Hab' ich dort eine Gerichtsverhandlung erlebt, die sollen Sie zu hören kriegen, Herr Doktor. In Czenstochau war's, ich bin hingefahren wegen einer Lieferung auf eiserne Schienen . .