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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 416 (sequence 10)
Language
German
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416 die größten Anatomen ihrer Zeit, ließen im Herzen die animalische ulld im Kopfe die intellektuelle Seelenkraft walten, eine Ansicht, die Galen 400 Jahre später aufnahm" (um fortan als deren eigentlicher Vertreter zu gelten). Es hätte der anregenden Lehrhaftigkeit der Rede keinen Abbruch getan, wäre mit Rücksicht auf die räumliche Oekonomie und auf eine anschauliche Linienführung des Gesamtbildes mancher Um- und Ausblick in fernliegende Gebiete entfallen Ulid durch andere mit dem Gegenstände in Beziehung stehende Ausführungerr ersetzt worden. Die Frage, welche die erlesensten Geister durch zwei Jahrtausende intensiv beschäftigte, die Frage: Ist im Kopfe oder im Herzen (in der Brust- und Bauchhöhle) der eigentliche Sitz und das vornehmlichste Organ der Seele als Einheit oder ihrer einzelnen Teile, Kräfte und Funktionen zu suchen? welche Plato zuerst systematisch diskutierte, die von der Stoa und von Aristoteles, sowie von dessen Schülern, vorr Philosophen, Theosophen, Mystikern, von den Autoritäten der Scholastik, von arabischen und hebräischeil Forschern heiß umstritten, bis in die Neuzeit hinein ihre lebhaft bewegten Kreise zog, war nicht mit einigen unvollständigen Angaben abzutun, welche überdies zur Berichtigung oder zu Ergänzungen im Interesse der historischen, linguistischen und psychophysischen Wahrheit auffordern und sei es auch nur zur Entwicklung neuer Gesichtspunkte begründeten Anlaß bieten. Zur Illustration der ungewöhnlichen Bedeutsamkeit dieses Gegenstandes, welchen Guffenbauer mit einigen Streifbemerkungen abfertigt, dienen die eigenen Anschauungen griechischer und römischer Philosophen. Ergänzungen tun in einem Falle wie der vorliegende, besonders not, weil selbst hervorragende Gelehrte auf einein ihnen minder vertrauten Wissensgebiete sich mit einem nicht imrner richtigen Auszuge begnügen und eine kurze Notiz zitieren^), ohne sie in ihrer ursprünglichen weiteren Ausführung zu kennen oder früher zu prüfen; weil ferner, wie sich zeigen wird, auf Plato jene aus der Dreiteilung^) entstandene Zweiteilung der Seele zurückzuführen ist, welche noch immer unsere ganze Anschauungs- und Redeweise beherrscht, obgleich Aristoteles und fast sämtliche Stoiker die ganze Seelentätigkeit in das Herz verlegten und achtzehn Jahrhunderte hindurch hie Plato (oder Galen), hie Aristoteles, die Losung im Widerstreite der Parteien um Kopf und Herz bildete, weil endlich im Zusanunenhange mit den vorangegangenen Vorstellungen und Sprachformen die modernen Lehrmeinungen von Muskelsinn und unmittelbaren Bewegungsempfindungen nur zu sehr erschüttert zu werden geeignet erscheinen. Die Stelle im Timäus, Kapitel 29—44 (D. Uebersvtz. Müller, Seite 191—222), auf die sich Gussenbauers angeführte Bemerkungen über Plato beziehen, lautet: „Der Auferbauer des Göttlichen wurde er selbst, die Erzeugung des Sterblichen aber zu bewerkstelligen, übertrug er den von ihm Erzeugten. Diese aber, indem sie der Seele unsterblichen Ursprung überkamen, umkleideten dieselbe, ihn nachahmend, mit dem sterblichen Leibe, übergaben ihrer Lenkung, wie ein Fahrzeug, den ganzen Leib, Ulld gestalteten in diesem daneben eine andere Gattung der Seele, die sterbliche, in welcher sich mächtige und unabweisliche Leidenschaften regen: zuerst die Lust, des Bösen stärkster Köder, dann der Schmerz, des Wohlbefindens Verscheucher, ferner kecker Mut und Verzagtheit, ein paar unüberlegte Ratgeber, sowie der schwer zu beschwichtigende Zorn und die verführerische Hoffnung; indem sie diesen notgedrungen eine unverständige Täuschung der Sinne und y Es erben sich — auch Zitate — wie eine ewige Krankheit fort. 2) Logistikoii, auch theion, athanaton (der vernünftige, göttliche, unsterbliche Teil der Seele), thymos und thymoeides (Eifer und Mut), epithymetikou (sinnliches Begehrungsvermögen). eine zu jedem Wagnis bereite Liebe beimischten, fügten sie so beu sterblichen Teil (der Seele) zusammen. Weil sie aber darum Scheu trugen, das Göttliche, ohne die dringendste Not, zu verunreinigen, wiesen sie dem Sterblichen, von jenem getrennt, einen andern Teil des Leibes zur Wohnung an und schieden, das Genick dazwischen einfügend, durch eine Erdzunge und Grenzscheide Kopf und Brust, damit beide getrennt bleiben. An die Brust aber und den sogenannten Brustharnisch fesselten sie den sterblichen Teil der Seele und schiedell, da er von Natur in einen bessern und schlechter» zerfiel, wiederum die Höhlung des Brustkastens und legten, wie mau die Wohnung der Frauen von der der Männer trennt, zwischen beide das Zwerchfell. Demnach wiesen sie dem der Mannheit und des Mutes teilhaftigen, kampflustigen Teile der Seele seinen Sitz näher dem Kopfe zwischen Genick und Zwerchfell an, damit er, der Vernunft gehorsam, gemeinschaftlich mit ihr gewaltsam das Geschlecht der Begierden im Zaum halte, wenn es in keiner Weise freiwillig dem von der Burg ausgegangenen Gebote und der Vernunft gehorchen wolle. Doch dem Herzen, dem Knotenpunkt der Adern und dem Born des alle Glieder mächtig durchströmeuden Blutes, wiesen sie die Stelle eines Wachtpostens an. damit, sobald der Leidenschaften Wut ausbrause, auf die Mahnung der Vernunft, daß weder von außen her, noch auch von den Begierden im Innern aus, etwas gegen die Seele Ungerechtes geschehe, alles was im Körper für Ermahnungen und Drohungen empfänglich ist, durch alle diesen engen Gänge hindurch folgsam werde und jede Richtung sich erteilen lasse, und so dem besten alles zu leiten gestatte .. Darum öffneten sie die Kanäle der Luftröhre nach der Lunge und legten die sanft sich bewegende um das Herz, damit es, wenn die Leidenschaft in demselben auflodere, gegen ein Nachgebendes anschlagend und so abgekühlt, minder bewegt, eher in der Leidenschaft der Vernunft sich zu fügen vermöge. Dem der Speise und des Trankes begierigen Teil unserer Seele und dem, was vermöge der Natur des Körpers ein Bedürfnis fühlt, wiesen sie seinen Wohnsitz zwischen dem Zwerchfell und der in der Gegend des Nabels gezogenen Grenze an . . . Da sie das wilde Tier im Menschen aber kannten, daß es Vernunftgründen nicht zugänglich, und sollte je davon etwas irgendwie an dasselbe gelangen, seine Natur nicht so beschaffen sei, um irgend um Vernunstsgründe sich zu kümmern, sondern daß es bei Tag und Nacht stets durch Trugbilder und Schattengestalten sich leiten lasse — indem also der Gott das erwog, verband er demselben das Gefüge der Leber . . . Die Götter, welche uns gestalteten, veredelten, des Befehles ihres Vaters eingedenk, der ihnen den sterblichen Teil nach ihrem Vermögen auf das beste zu bilden anbefahl, auch den mangelhastern Teil unserer selbst, und wiesen, damit er irgendwie mit der Wahrheit in Berührung komme, der Seherkraft an dieser Stelle ihrer! Sitz an. . . Das Mark selbst aber ging aus andern Bestandteilen hervor. Denn indem der Gott jegliche von den ihnen eigentümlichen Gattungen aussonderte und nach richtigen Verhältnissen sie verband, bildete er aus allen, auf einen Urerzeugungsstoff für das gesamte sterbliche Geschlecht bedacht, das Mark. An dieses knüpfte er darauf die ihm eingepflanzten Teile der Seelen und ordnete sogleich bei der ursprünglichen Verteilung so die Zahl und Beschaffenheit der Gestaltungen des Markes nach der Zahl und Beschaffenheit, die diese (die Seelen), ihren Arten nach, zu erhalten bestimmt waren. Und denjenigen Teil des Markes, der gleich einem Saatfeld, den göttlichen Samen in sich enthalten sollte, nannte er, indem er allerwärts in sich zurücklaufend ihn gestaltete, das Hauptmark (Gehirn), weil nach Vollendung jedes Lebenden das Haupt zum Gefäß für dasselbe bestimmt war; aber das den übrigen Teil unserer Seele in sich zu fassen Bestimmte, diesem teilte er so runde wie längliche Gestaltung zu, nannte das alles Mark und umzog es, indem er wie Ankertaue die Banden unserer Seele daran knüpfte, zunächst schirmend mit einer knöchernen Decke, um welche er unfern ganzen Körper vollendete . . . Um die beseeltesten Knochen legte er nun das wenigste Fleisch, um die im Innern seelenlosesten aber das meiste und festeste . . . Aus allen diesen Gründen wurde also dem Rumpfe jedes Menschen ein für Sinneswahrnehmung und Nachdenken empfänglicherer, aber weit schwächlicherer Kopf angefügt ... wo die im Körper umherirrenden, von säuern und salzigen Verschleimungen herrührenden, sowie ätzenden und gallichten Säfte nach außen keinen Ausweg finden, sondern, im Innern sich umhertreibend, mit den Bewegungen der Seele, denen ihre Ausdünstung sich beimischt, sich vereinigen, da erzeugen sie rnehr oder minder heftige, häufiger

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