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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 415 (sequence 9)
Language
German
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Jakob de Back widerlegte die Lehre vom Herzen als Wärmequelle und damit zugleich die Ansicht von der Suprematie des Herzens über dis anderen Organe des Leibes — diesen letzten, in die neuere Zeit hinübergewanderten Rest der wunderlichen antik-mittelalterlichen Anthropologie — indem er einerseits experimentell zu zeigen bestrebt war, daß das Herz nicht wärmer sei,, als andere Organe des Körpers und andererseits die Wärmeerzeugung als eine Funktion der Ernährung nachzuweisen versuchte, vissertatio de corde, 195. Der Ausfluß jener Vorstellungen über den Sitz gewisser Seelenteile und -aktionen im Gehirne war die Phrenologie, über welche Johannes Müller mit den Worten den Stab bricht: „Bedenkt man die zum Teil ganz unpsychologischen, von Gall zusammengebrachten Vermögen, so kann man diese durch nichts zu beweisenden Willkürlichkeiten ohne weiteres von dem Forum wissenschaftlicher Untersuchungen ausschließen." Gleichwohl kann die Psyche als eine Phase in dem Gärungsprozesse angesehen werden, der zur Lokalisierung der Seelenakte im Gehirn führte. — Bei der Anordnung und Distribuierung des behandelten Stoffes ging ich von der An- und Absicht aus, den grundlegenden semitischen Anteil an der Entwicklung der Frage mit den unerläßlichen Beziehungen zu andern Forschungsgebieten vom Beginne bis zu den Ausläufern darzustellen, um dann ausführlich zu den römisch-griechischen Quellen überzugehen. Wenn dabei Wiederholungen sich ergeben und dieselbe Materie in verschiedenen Behandlungsformen dargelegt wurde, so geschah es nicht nur. um den Forderungen nach Vollständigkeit und Gründlichkeit, soweit es tunlich und möglich erschien, gerecht zu werden, sondern auch um aufzuweisen, wie ein Gegenstand bei wechselnden Gesichtspunkten, Voraussetzungen und Tendenzen auch eine abweichende Auffassung und Behandlung erfährt und dabei die Konturen des logischen Prozesses verschoben und verzerrt werden können. Der Uebergang von einer semitischen Anschauung zu der davon durchtränkten und durchwachsenen griechisch-römischen Vorstellungsweise braucht nicht erst durch eine bedeutsame literarische Kundgebung von hervorragender Seite angeregt zu werden. Vor einem Parterre — wenn auch nicht von Königen, so doch — von Rittern des Geistes, von Koryphäen der Wissenschaften hat Professor Gussenbauer, selber eine Leuchte der medizinischen Disziplinen, einen Ausflug in die frühgeschichtlichen Anfänge derselben mit einigen konzisen Sätzen unternommen und das Thema, das von mir in Nummer 31 der „Wage" vom 27. Juli 1902 über „Kopf und Herz" behandelt wurde, teilweise zum Gegenstände seiner Rektoratsrede gewählt?) „Die Geschichte der Medizin überliefert uns, daß Pythagoras zwei von seinen drei Teilen, in welche er die vom Aether stammende Seele unterschied, nämlich den Verstand (Nous) und das Gemüt (Plirenes) als im Gehirn sitzend ausah, während er den dritten, den Mut (Thymos) in das Herz verlegte. Da aber bei Pythagoras dem Gehirn noch ganz andere Leistungen h Die Jnaugurationsrede. gehalten vom Professor der k. k. llnivcrsität in Wien, Hosrat Professor Dr. Karl Gussenbauer. am 27. Oktober 1902. Anschauungen über Gehirnfunktionen. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller, 1902. zugeschrieben werden, so hat diese Angabe keine durch die Erfahrung bestätigte Grundlage gehabt. Hingegen hat ein Schüler und jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras, der Arzt Alkmäon aus Kroton, der erste das Gehirn als den Sitz des Bewußtseins und der Gefühle betrachtet und den vernünftigen Teil der ihm unsterblichen, in ewiger Bewegung gleich den Gestirnen begriffenen Seele als den dominierenden (Hegemonicon1) angegeben, welcher bei den Sinnenverrichtungeu hauptsächlich ivirke. Wenn wir noch bedenken, daß durch Anaxagoras neben dem Stoff mit der Aufstellung des ordnenden Intellekts (Nous), als dem Beweger der Materie, zugleich ein immaterielles Prinzip, welches nach Zweckmäßigkeit handelt, in die Betrachtungsweise der Dinge eingeführt wurde, so ist es wohlbegreiflich, daß die Meinung des Alkmäon über die Bedeutung des Gehirns zu seiner Zeit nicht mehr Beachtung fand .... Platos Lehre von den angeborenen Ideen und das Verhältnis dieser zur Erscheinungswelt war nicht geeignet, medizinische Kenntnisse, welche sich auf dem realen Boden der Erfahrung aufbauen mußten, zu fördern. Es ist daher von geringer Bedeutung, wenn Plato seinen göttlichen Verstand im Kopfe, welcher wegen seiner Kugelform eine Nachahmung des ganzen Weltalls ist, thronen und von dort aus den ganzen Körper regieren läßt. Merkwürdigerweise hat selbst Aristoteles in dem Gehirn nur einen blutlosen, feuchten Körper gesehen, der den Kopf anfülle und mit dem Rückenmarks Zusammenhänge. Und obwohl ihm bekannt war, daß der Mensch das größte Gehirn unter allen Tieren besitze, «so konnte er demselben doch nur eine kalte Natur zuerkennen und meinte, daß die Natur aus weisen Absichten, die zu große Hitze des Herzens durch die Kälte des Gehirns mäßigen wolle. Wenn solche Meinung beim großen Peripatetiker möglich war, so wird man sich auch nicht so sehr verwundern, wenn man aus den Schriften des größten Arztes unter den Asklepiaden, dem zweiten Hypokrates (?) erfährt?) daß er das Gehirn für einen weißen, schwammigen, drüsigen Körper hielt, welcher die Feuchtigkeiten anzieht. . . Und noch viel weniger wird es befremden, wenn unter den Aerzten der ersten dogmatischen Schule, welche der hypokratischen folgte, selbst die hervorragendsten wie Diokles von Karystus, dem Gehirn, als Organ des Körpers, gar keine Aufmerksamkeit schenkten. Aehnliches findet sich von Praxagoras aus Kos und Philotimus. . . Herophilus und Erasistratus, y Hegemonicon ist ein vielgedeutetes Wort, ebenso wie Tones und Nous. Theodor Gomperz (Griechische Denker) erklärt letzteres für unübersetzbar. Die erwähnten, wie noch andere Begriffsbezeichnungen, schwanken und wechseln oft sogar bei demselben Schriftsteller in ihren Bedeutungen. Bedenkt man überdies, wie den griechischen Klassikern, Aristoteles zumal, fremde minderwertige Produkte unterschoben und als Kukukseier in das Nest gelegt wurden, so muß man eingestehen, wie schwer es ist, über Anschauungen aus jener Zeit decisiv und zweifelsohne ein Urteil abzugeben und wie notwendig, sich dabei skeptisch zu verhalten. Selbst illustre Gelehrte, vierdimensionale Geistesgrößen, sollten sich bei den vorliegenden Fragen eine größere Reserve auferlegen. h Die seltsame Schreibweise, von Galen konsequent festgehalten, gab mir Anlaß, mich an Professor Theodor Gomperz. der mit ungewöhnlicher Liebenswürdigkeit zu Rat, Belehrung und Aufklärung stets bereit ist, mit der Anfrage zu wenden, ob dafür irgend ein Grund oder eine Berechtigung vorhanden sei. „Es ist wohl begreiflich," erwiderte er mir, „daß Sie einem in seiner Fachwissenschaft und zur Zeit im Amte hochstehenden Manne nicht den lächerlichen orthographischen Mißgriff zutrauen, dessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht hat. Es ist aber nichts anderes; vielleicht mag schon irgend ein mittelalterlicher Schreiber in einer lateinischen Ueberfetzung den Namen des Vaters der Medicier so verballhornt haben." Was dieser Aufsatz über Gussenbauer enthält, wurde schon vor dessen inzwischen erfolgtem Ableben zur Veröffentlichung übergeben.

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