Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Von den obigen 360 Personen werden 260 der bloßen Teilnahme an einem Aufruhr beschuldigt, worauf im russischen Jesetz Kerkerstrafe steht. Die übrigen 100 sind des Mordes and anderer schwerer Vergehen beschuldigt und dürften, ns ofern sie nicht freigesprocheu werden sollten, zur Zwangsarbeit auf der sibirischen Insel Sachalin verurteilt werden." Und das heißt in Rußland Gerechtigkeitspflege! örikke aus dem Orient. Schumla, ü'n Juli. Konstantinopel. s hat seit einiger Zeit den Anschein, als ob auch endlich bei den Jndeil Konstantinopels etwas wie ein öffentliches Interesse erwacht. Diese aus sechzigtausend, man muß 'agen, intelligenten Leuten bestehende Gemeinde war bisher »folge der sie schwer bedrückenden Sorge ums tägliche Brot gegen öffentliche, das heißt vor allem Gemeindeangelegenheiten peinlich gleichgültig gewesen. In den letzten Monaten ist aber eine Wendung zum Besseren eingetreten und man ist mit Eifer an die Verbesserung kommunaler Institutionen gegangen. Erstens wurde ein Konsistorium von neun Mitgliedern gewählt, non denen nebenbei erwähnt fünf höhere türkische Beamte sind. Es sind das, wie leicht begreiflich, alles sehr fähige und vertrauenswürdige Männer, die, falls sie guten Willen haben and von den bisher geübten Gepflogenheiten absehen, einen großen Einfluß auf die gesamte Lage der Juden im Orient ausüben könnten. In mehreren Punkten könnten sie auch reformierend einwirken. Sie sollten z. B., gleich dem Zentralkonsistorium der bulgarischen Juden, eine halbmonatliche oder monatliche Zeitschrift herausgeben, in der die Mitteilungen der Provinzialgroßrabbiner, Details aus der jüdischen Statistik, Artikel juristischen und pädagogischen Inhalts veröffentlicht und allgemein interessierende Fragen zur Diskussion gestellt werden sollten. Ein solches Blatt könnte zur Bildung und geistigen Verbindung der in den Provinzen des türkischen Reiches weit oerstreuten Juden unendlich viel beitragen. Zwei Institutionen wenden die dortigen Juden ihr ganz vesonderes und lebhaftes Interesse zu: dem Nalionalkrankenhaus „Or-Ahaim" und dem rabbinischen Seminar. In allen Nummern der dortigen israelitischen Blätter werden die Listen der in Geld oder in Naturalien zum Besten beider Institute geleisteten Spenden veröffentlicht. In diesem Jahre ist in Konstantinopel eine neue jüdische Schule eröffnet worden und zwar an der asiatischen Küste in Haidar-Pascha, welche von der Alliance israelite subventioniert und geleitet wird. Haidar-Pascha ist eine sehr reiche Vorstadt Konstantinopels und ein Knotenpunkt der Bagdadbahn; es -st sehr malerisch gelegen und wird von 3000 Israeliten bewohnt. Di« dort lebenden deutschen Juden (Aschkenasim) haben vor kurzem ihr reges geistiges Streben durch die Gründung eines jüdischen Literaturvereins bekundet. Der Vorsitzende Dr. Marcus, ein junger Rabbiner von großen Verdiensten, hat bereits mehrere interessante Vorträge in diesem Verein gehalten, so unter anderen über Shylock und über die von Professor Delitzsch heraufbeschworene Streitfrage „Babel und Bibel". Saloniki. Obgleich Saloniki jüngst infolge der macedonischen Unruhen die tragischsten Revolutionsszenen in seinen Mauern hat abspielen sehen, sind die dortigen Juden entgegen den Berichten einiger europäischen Zeitungen (u. a. auch des „Temps" vom 3. Mai) völlig verschont geblieben und habe»: keine Opfer zu beklagen gehabt; man müßte denn etwa zu ihren Opfern rechnen, daß der jüdische Richter in Skutari, welcher zugleich mit dem armenischen ermordet wurde, aus Saloniki gebürtig war. Es dürste auch nicht uninteressant sein, zu erfahren, daß der reiche Industrielle, welcher der Ottvmanbank sofort nach dem Bombardement ihres Bankgebäudes eins seiner Grundstücke zur Verfügung gestellt hat, ein Jude war; sein Name ist Modiano. Aber auch in anderer Hinsicht macht die jüdische Gemeinde Salonikis von sich reden, und sogar die jüdische Presse Europas beschäftigt sich damit. Ueber zweierlei beklagt man sich in Saloniki, erstens über das eigene Elend und zweitens über die Hinterziehung einer dieser Stadt angeblich zugedachten Erbschaft. Ueber das dortige große Elend berichtet die Zeitung „La Epoca" und gibt die genauen statistischen Zahlen an. Wir sind hier, so schreibt das genannte Blatt, ungefähr 70000 Juden So und soviel Opfer bringen wir für unsere Schulen, so und soviel für unsere Krankenhäuser, so und soviel für verschiedene Wohlfahrtszwecke usw. usw. ans; vergleicht man aber das Budget Salonikis mit dem Smyrnas irnd Jerusalems speziell hinsichtlich der Hilfsbeiträge, welche diese drei Städte von jüdischen Gesellschaften in Europa erhalten, so bleibt Saloniki ganz und gar auf sich selbst angewiesen und hat die schwere Pflicht, seine 48 000 Armen fast völlig allein zu unterhalten." Es ist in der Tat kein Druckfehler, es leben dort wirklich 48 000 Arme. Mit der von Saloniki reklamierten Erbschaft verhält es sich aber folgendermaßen: Die verstorbene Baronin Clara von Hirsch hatte in einem an das jüdische Konsistorium Salonikis gerichteten Schreiben versprochen, die dortige Gemeinde in ihrem Testamente mit einigen hunderttausend Franks — 200000 Franks, wenn ich nicht irre — zu bedenken, welche zur Errichtung und Unterhaltung eines Krankenhauses verwendet werden sollten. Leider fand sich nach dem Hinscheiden der Baronin keine derartige Bestimmung in einem der Testamente oder Codicille vor, und die Erben weigern sich, irgend eine Verpflichtung gegen Saloniki anzuerkennen. Die jüdische Gemeinde will es nun deshalb auf einen Prozeß gegen die Erben ankommen lassen. Anatolien. Die jüdische Gemeinde Smyrna hat sich endlich nach langjährigen inneren Kämpfen entschlossen, Waffenstillstand zu schließen. Die Fleischer haben ihren, man muß eingestehen, heldenmütigen Widerstand aufgegeben und darin gewilligt, für das Stück Rindvieh 10 anstatt wie bisher 8 Frank Schlachtsteuer zu zahlen. Das Einnahmeplus ist zum Unterhalt des Israelitischen Krankenhauses alias Rothschildhospizes bestimmt. In der Tat bestritt bis Ende vorigen Jahres das Wiener Haus Rothschild allein die gesamten Unterhaltungskosten des Krankenhauses. Erst seit Januar 1903 gehen die Verwaltungskosten zu Lasten der Gemeinde, welcher die Benutzung der Räumlichkeiten unentgeltlich zugesagt worden ist. Auch ihre geistigen Interessen haben die dortigen Juden nicht vernachlässigt. Von den Lehrern der in dieser Stadt bestehenden Schulen der Alliance israelite wurde in einer der