Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 412 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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412 konservative Negierung am Ruder bleibt oder ob eine radikale ihr folgt. Die Kritik dürfte sich lediglich gegen die Zweckmäßigkeit vereinzelter Vorschläge richten. * Das englische Blaubuch über die Vorgänge in Kischinew ist. wie wir schon in der vorigen Woche mitgeteilt, eine schwere Anklage gegen die russische Regierung. Der Bericht wurde vom englischen Generalkonsul in Odessa eingeliefert, rührt jedoch nicht von diesem selbst, sondern vom britischen Vicekonsul Bosanqut her. welcher persönlich an Ort und Stelle, wenn auch nicht in amtlicher Eigenschaft, eingehende Erkundigungen eingezogen hat. Mr. Bosanqut rühnrt das liebenswürdige Entgegenkommen, das er in Kischinew. bei allen Personen, mit denen er daselbst in Berührung kam, beim Gouverneur und dem Staatsanwalt wie bei zahlreichen Privatpersonen, gefunden hat. Es will uns jedoch bedünken. als wenn der Berichterstatter sich mit dem Gouverneur und dem Staatsanwalt tiefer eingelassen hätte, als zur Ermittelung der Wahrheit just erforderlich war. Nur dadurch lassen sich manche Widersprüche und Beschönigungsversuche in seinem Bericht erklären. Was in demselben über Beginn und Umfang des Krawalls gesagt wird, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Behörden haben wenig zur Unterdrückung der Unruhen getan, resp. sie begnügten sich mit der Festnahme von einigen, verhältnismäßig noch ziemlich harmlosen Missetätern. Der Gouverneur verblieb die ganze Zeit über in seinem Palais, 4wn wo aus er per Telephon verschiedene Anordnungen gab, die aber von den ausführenden Organen mißachtet wurden. Erst spät hat er es gewagt, die Ordre zum Einschreiten des Militärs zu zeichnen, das sich bis dahin entweder ganz passiv verhielt oder mit den Ruhestörern unzweideutig shmpathisiert. Die Soldaten haben es aber kaum nötig gehabt, Gewalt anzuwenden. Das einzige Mal, wo das Militär von der Waffe Gebrauch gemacht hat, war, als ein christlicher Junge, mit einem schweren Stein bewaffnet, einen jüdischen Knaben verfolgte und von der Verfolgung nicht eher abließ bis ihn der Bajonettstich eines Soldaten zu Boden warf. Dieser Knabe war übrigens der einzige Christ, welcher bei den Kischinewer Krawallen das Leben verloren hat. Es wird allgemein angenommen, daß die Behörden durch rechtzeitiges tatkräftiges Einschreiten die Unruhen weit früher hätten unterdrücken können. Es steht fest, daß am Sonntag keine einzige Mordtat verübt worden ist (dagegen teilte Herr v. Plehwe in seinem durch Mr. White verbreiteten offiziösen Communique mit, daß schon am ersten Tage neun Juden erschlagen wurden), und es ist überaus fraglich, ob bei rechtzeitig ergriffenen Maßregeln auch nur ein einziger Mord passiert wäre. Wo ist nun der Anstifter zu suchen? Vielfach ist man in Kischinew der Ansicht, sagt der Bericht, daß die Unruhen das Werk wohlorganisierter Banden waren. „Es wurde mir sogar berichtet, daß jede Bande ihre besondere Nummer hatte. Die meisten halten die Katastrophe für das Werk des in Kischinew vom Pöbel vielgelesenen „Bessarabetz". Ich kann mich für keine der beiden Mutmaßungen entscheiden." (Der Herr Vicekonsul hätte sich bei dem dreiblätterigen Kleeblatte Stepanow—Poniu—Szerban erkundigen sollen, welche in regelmäßigen, im Hotel Moskau abgehalteuen Sitzungen die Massakres vorher organisiert haben). „Jedenfalls hätten die Artikel des „Bessarabetz" im Vereine mit der unbegründeten Blutbeschuldigung von Dubossary und dem unsinnigen Gerücht, die Inden haben einen russischen Popen geschlachtet, allein schon genügt, eine Revolte gegen die Juden umsomehr zu entflammen, als das Verhalten der Polizei während der beiden ersten Tage geeignet war, beim Volke die Vermutung entstehen zu lassen, der Regierung sei die Ausrottung der Juden sehr erwünscht. Es kam noch hinzu, daß die Exzedenten sich am Beginn des zweiten Tages in den erbrochenen Kellern mit Wein und Schnaps betranken. Augenscheinlich herrscht unter den niederen Klassen der Stadt die Ansicht, daß es in Kischinew viel zu viel Juden gibt." Von den 115 000 Einwohnern der Stadt sind über 50 Prozent Juden, der Rest besteht aus Moldawanen, Russen, Griechen, Deutschen rc. Der durch die Krawalle entstandene direkte materielle Schaden wird, nach dem englischen Berichterstatter, von den Inden Wohl etwas übertrieben, ans zwei Millionen Rubel und darüber beziffert. Sehr groß ist auch der indirekte Schaden der Handel stockt, da niemand sein Geld jetzt in Geschäften anzulegen wagt. Es herrscht daher vollkommene Arbeitslosigkeit, so daß Tausende von Handwerkern und Arbeitern ohne Beschäftigung und Verdienst sind. Der neue Gouverneur tut sein Bestes, um Ruhe und Vertrauen wieder herzustellen und es scheint, daß die Zustände sich endlich zu bessern beginnen. Die Zahl der Opfer wird behördlicherseits auf 41 Tote 3 Schiver- und 300 Leichtverwundete angegeben. Von jüdischer Seite wird die Zahl der Toten auf 43 bis 47 einschließlick derjenigen, die infolge der ausgestaudenen Angst gestorben sind, beziffert. Die Zahl 41 stimmt mit ben von den Aerzten des jüdische» Krankenhauses gemachten Angaben. Dagegen wurde an dieser Stelle die Zahl der Verwundeten viel höhe: als 303 angegeben. Danach wurden im jüdischen Kranken Hause 9 Schwer- und 300 Leichtverwundete behandelt. Von den Schwerverwundeten sind bis auf 8, die sich noch im Krankenhause befinden, alle wiederhergestellt. Unter den Er mordeten befinden sich 2 Kinder, unter den 93 Schwerverwundeten 25 Frauen, darunter ein 12 jähriges Mädchen. Auck die Christen hatten in diesen Tage» einige Verluste gehabt Außer dem oben erwähnten, von einem Soldaten mit den Bajonett erstochenen Knaben zählten sie 8 Schwer- und 60 Leicht verwundete. Verstümmelungen und Martern der Opfer scheinen nichl häufig vorgekommen zu sein. „Jedoch habe ich einen früher einäugig gewesenen Mann gesehen, dem sein einziges Aug> unter bestialischer Marter mit einem Nagel ausgestochei wurde. Fälle von verlorenen Augen und abgerissenen Ohrei kamen einige vor, auch wurde eine Frau durch einen Stick in den Magen verwundet. Die überwiegende Zahl der Ver letznngen, sowie der Mordtaten wurden aber durch Schläge mit stumpfen Waffen über Kopf und Gesicht vollbracht. Ekamen auch Rippen-, sowie Arm- und Beinbrüche vor. Ferner wurden auch Fülle berichtet, wo Tote verstümmelt wurden ebenso, daß ein Kind an den Beinen gepackt und entzwei gerissen wurde." Der Berichterstatter konnte auch nicht ermitteln, ob der Pöbel bewaffnet war, oder seine Opfer blos niit zufällig an Ort und Stelle Vorgefundenen Gegenständen erschlagen hat. Die Zahl der geschändeten Frauen wird offiziell auf drei beziffert. Von privater Seite erfuhr der Konsul dagegeu, daß diese Zahl sechs und mehr betragen hat. Es läßt sich am leicht begreiflichen Gründen annehmen, daß viele vergewaltigte Frauen das ihnen zugestoßene Unglück nicht an die große Glocke hängen. Ihm kamen Fälle zu Ohren, wo zwei Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren vergewaltigt wurden. lieber die Bestrafung der Exzedenten heißt es in dein Bericht: „Der Staatsanivalt hat mir am 22. Juli mitgeteilt, daß von den 880 verhafteteil Unruhestiftern 216 wegen Mangel an