Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 410 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Volkes viel weiter. Er läßt das „hochbegabte" deutsche Volk, „eine große Nation von 56 Millionen Seelen, sich von einer Minderbegabten Minorität, einigen hunderttausend Leuten fremder Rasse, anderen Glaubens, völlig abweichender sittlicher Anschauung und Sitte, in seinem Wesen so beeinflußt sein, daß es allmählich einen von seiner Vergangenheit verschiedenen Volkscharakter annimmt rc." Wir müssen gestehen, eine solche Degradierung seines eigenen Fleisch und Blutes ist uns noch niemals vorgekommen, obgleich die Gesinnungsgenossen des Herrn Stöcker in dieser Beziehung doch auch mehr als genug geleistet haben. Wir müssen ferner erklären, daß, wenn eine 56 Millionen Seelen zählende Nation wie die deutsche, die auf geistigem Gebiete so Außerordentliches und auch sonst Großartiges geleistet hat, sich von einer halben Million bis vor kurzem ganz und noch jetzt faktisch teilweise entrechteter Menschen beherrschen, oder was sogar noch schlimmer, in ihrem untersten Fühlen und Denken sich so beeinflussen ließe, wie Herr Stöcker behauptet, diese Nation nicht wert wäre, daß sie der Erdboden ferner trägt, und wenn die verschwindende Minorität, die das zu wege brächte, gar eine mind erbegabte wäre, dann müßte die deutsche Nation für ewige Zeiten gebrandmarkt werden. Aber es ist alles Unsinn, was die Antisemiten sagen, geschweige denn, ivas wir oben aus dem Stöcker'schen Elaborat zitiert haben. Daß es aber zu solchem Unsinn und zu solcher Schmähung des Volkes sich versteigt, um Haß zu entflammen, und, wenn möglich, die furchtbarsten Katastrophen herbeiznführen, das ist das traurigste, so weit Herr Stöcker in Betracht kommt. Denn nach diesem braven Gottesmanne haben bisher „die Negierungen in Staat und Kirche der Judenfrage gleichgültig, ja völlig abweichend gegenüber gestanden," ist bis jetzt „noch nichts von dem Nötigen" gegen die Juden geschehen. In gewisser Weise verdient ja die Bescheidenheit, mit welcher Herr Stöcker, was er selbst in einem Bierteljahrhundert getan, und ivas seine würdigen Kumpaiie, bis hinab oder auch hinauf zum Grafen Pückler-Kl.-Tschirne und den Herren aus Könitz geleistet haben, so sehr gering als nichts einschätzte, Anerkennung. Es ist aber nicht Selbsterkenntnis und Bescheidenheit, die den ehemaligen Hofprediger so sprechen lassen, sondern sein Trachten nach bösen Zielen. Ihm schwebt als Idealbild offenbar der Russe Pobjedonoszeff vor, das russische Reginie und was die von frommen Leuten in Kischinew Aufgehetzten Heldenhaftes getan. Herr Stöcker vergißt nur, daß wenigstens die russische Kirche, wenn auch noch nicht Herr v. Plehwe bereits zum Rückzug geblasen und die Geistlichkeit beauftragt hat, abzulassen von der Hatz als ungesund und wieder zur Versöhnung zu mahnen. Herr- Stöcker steht augenblicklich also noch hinter oder unter Rußland; er verfolgt Ziele, welche die griechisch-katholische Kirche aus Scham vor dem einstimmigen Urteil der Welt, offen lvenigstens nicht mehr zu verfolgen >vagt. s*'3f§; Lir Woche. Berlin, 25. August, ie Antisemiten der verschiedenen Richtungen sind im preußischen Landtage bisher nur durch einen Abgeordneten, Ludwig Werner, vertreten gewesen. Herrn Liebermann von Sonnenbergs heißes Sehnen nach einem Landtagsmandat ist bisher ungestillt geblieben. Sein Reichstagswahlkreis Homberg- Ziegenhain hat im Jahr 1898 schon ihn bei den Landtagswahlen im Stich gelassen und Herrn von Baumbach gewählt mib wird es anscheinend auch diesmal so halten. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt nämlich das Folgende: „Eine Vertrauensmännerversammlung des Bundes der Landwirte für Homberg-Ziegenhain beriet am Sonntag die Landtagskandidatur. Beide in Frage kommenden Kandidaten, Herr von Baumbach (der seitherige Abgeordnete) und Herr Liebermann von Sonnenberg, erkennen die Bundesforderungen unumwunden an. Bei der Abstimmung erhielt keiner dieser beiden Kandidaten die erforderliche Zweidrittel- Mehrheit. so daß die Versammlung einstimmig beschloß, den Mitgliedern des Bundes der Landwirte frei zu lassen, für einen dieser beiden Kandidaten einzutreten." Ein antisemitisches Blatt macht hierzu die höhnische Bemerkung: „Dank vom Hause Oesterreich." Mit einem Landtagsmandat für Stöcker sieht es zur Zeit ebenfalls noch sehr windig aus. Aus freien Stücken treten ihm die Konservativen keins ab, aus den bekannten Gründen. In Schlüchtern-Gelnhausen, wo seine Aufstellung geplant war, scheinen die Chancen eines Zusammengehens mit den Konservativen nicht gerade günstig zu liegen. Herr Stöcker muß sich also noch weiter in Geduld fassen. Allscheinend soll auf die Konservativen in anderen Wahlkreisen eine Pression ausgeübt werden. Westfälische Blätter berichten llämlich von folgendem Kuhhandelversuch: „Eine am 15. d. Mts. in Elberfeld tagende Vertrauensmänner- Versammlung der christlichsozialen und verbündeten Parteien der Wahlkreise Elberfeld-Barmen, Lennep-Mettmann und Solingen- Remscheid hat beschlossen, die Kandidaten der Mittelparteien unter keinen Umständen zu unterstützen, wenn die Mittelparteien bei der Aufstellung ihrer Kandidaten sich nicht entgegenkommend erweisen. Eine bessere Organisation für die nächsten Wahlen wurde für unbedingt erforderlich erachtet. Für den am 23. September in Mülheim a. d. Ruhr stattfindenden Parteitag wurden Vertreter gewählt. Nach dem Parteitage wird der Parteisekretär, Reichstagsabgeordneter Dr. Burckhardt, in den drei Wahlkreisen in mehreren Versammlungen Vorträge halten. Vom 1. Oktober ab soll ein neues christlichsoziales Wochenblatt, der Bergische Volksfreund, herausgegeben werden. Dasselbe wird in Radevormwalde erscheinen." Das alles geschieht offenbar nur zu dem Zwecke, um für Stöcker irgendwo auch ein Landtagsmandat auf dem Wege des Kuhhandels herauszupressen. « Mindestens einmal im Jahre, und zwar gewöhnlich im Sommer, pflegt die „Kölnische Zeitung" über die Juden zu orakeln. Ihr Standpunkt ist bekannt und vermag heute weder zu überraschen noch zu imponieren. Diesmal wendet sie sich aus Anlaß der Einberufung eines jüdischen Turntags an leitender Stelle gegen die jüdischen Abschließungsbestrebungen und sagt, es müsse entschieden vor den schlimmen Folgen gewarnt werden, wenn die Juden aller Länder ihre Interessen als solidarisch erklären, wenn ihre Kämpfe um Gleichberechtigung und politische wie gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr innerste ethische, sondern allgemein jüdische Angelegenheiten sein sollen, bei deren Nichtbeachtung ein Jude für den andern einzustehen habe. Mit der politischen Gleichberechtigung müßten sie auch die gesellschaftliche Gleichberechtigung zu erringen suchen. Gleichzeitig veröffentlicht aber die „Kölnische Zeitung" eine Zuschrift des Kölner jüdischen Turnvereins, wonach dessen Gründung erst erfolgte, als sämtliche österreichischen Gaue Juden von der Mitgliedschaft ausschlossen und die deutsche Turnerschaft diese Beschlüsse unter Bruch der Buttdessatzungen guthieß. Abgesehen davon, daß die letztere Mitteilung nicht richtig ist, gibt sich das Kölner Blatt durch den Abdruck jenes Briefes selbst die richtige Antwort. Es hat aber in der Hitze des Gefechtes auch noch übersehen, daß die deutsche Judenheit im großen und ganzen allen derartigen extravaganten Absonderungsbestrebungen völlig fernsteht. Die gesellschaftliche Abschließung muß aber doch nicht so schlimm sein, wenn ein