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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 35. Berlin, 28. Angnst 1903. Ein unparteiisches Megan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig PHMppsoir. Verlags - Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Ttarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lrr Sltr Stöcker. Berlin, 25. August. achdein der ehemalige Hosprediger Stöcker eine Zeit lang sich verhältnismäßig ruhig verhalten hat, ist feine Kampfnatur Plötzlich wieder erwacht und er zeigte 'ich als der ganze alte Stöcker. Haben ihn die Lorbeeren des wieder auf dem Kampfplatz erschienenen Kanonikus Rohling nicht schlafen lassen? Ist er eifersüchtig auf den Missionsnspektor Dr. Plath? Oder fürchtet er die Konkurrenz des neuen Reichstagsabgeordneten Krösell, seines Kollegen im Weinberg des Herrn, in der Volksvertretung und in der Judenhetze? In einem in der „Reformation" erschienenen Artikel über „Sozialdemokratie und Judentum" übertrifft der würdige Gottesmann nicht nur die genannten geistlichen Mitstreber, sondern sogar den Laien Grafen Pückler-Kl.-Tschirne, ja — was schier unmöglich scheint — sich selbst. Wir wissen nicht, welche Kirchenlichter die Herren Stöcker and Plath sind — von Rohling und Krösell wissen wir, daß sie keine sind — aber es scheint fast, als müßten die Männer, ne sich vorzugsweise mit überirdischen und seelischen Fragen beschäftigt haben, unfähig werden, in weltlichen Fragen sich in klares Urteil zu bilden, ebenso wie physisch Weitsichtige nicht gut die Dinge in der Nähe sehen können und darüber stolpern. Daß Marx, Lassalle, Singer Juden und gleichzeitig Sozialdemokraten sind, ist für den christlich-sozialen Agitator ein Beweis, daß „die Sozialdemokratie ganz in das Judentum eingetaucht" ist. Daß Lord Beaconsfield und Stahl die Neuorganisatoren der konservativen Parteien in England und Preußen waren, und Rothschild zu den Konservativen gehörte, beweist shm nicht, daß die konservativen Parteien ganz in das Judenlnm getaucht sind. Mit der Leichtigkeit, die man längst an ihm kennt, behauptet der ehemalige Hofprediger, daß „die großen Gaben von 10000 und 30000 Mark, die seinerzeit im „Vorwärts" für die Wahl quittiert wurden, sicherlich von Juden kornmen. „Marder Mann, der Bebel 400000 Mark vermacht hat, etwa auch ein Jude? Sind nicht andere große Gaben fürsozialdemokratische Zwecke auch von nichtjüdischer- Seite gekommen? Und warum sollten reiche Juden, die wie beispielsweise Singer und Dr. Arons sich offen zur Sozialdemokratie bekennen, nicht auch aus allerlei Gründen anonym den Wahlfonds ihrer Partei bedenken? Nicht minder schnell fertig mit dem Schluß ist Herr Stöcker hinsichlich des ersten Berliner Wahlkreises. „Und" — sagt er — „daß der Jude Arons im ersten Berliner Wahlkreise, der das Tiergartenviertel, die Straße Unter den Linden und das alte Berlin-Kölln umfaßt, eine Stimmenzahl, wie sie nie zuvor ein Sozialdemokrat erhielt, auf sich vereinigt hat, beweist für jeden Kundigen, daß die reichen Juden Berlins mit dem Umsturz persönlich verbunden sind." Nein, Herr Stöcker. Jeder Kundige wird ehe er zu dem sinn- und wahrheitswidrigen Schluß kommt, „daß die reichen Juden Berlins mit dem Umsturz persönlich verbunden sind," eine ganze Reihe von Momenten zur Erklärung der Stimmenverhältnisse im ersten Berliner Wahlkreise finden. Wir wollen einige solcher auf der Hand liegenden Momente anführen. Dr. Arons war gemaßregelt worden, und es ist bekannt, daß zahlreiche Personen mit Vorliebe für gemaßregelte Personen stimmen, ebenso wie sie mit Vorliebe konfiszierte Zeitungen und von der Zensur verbotene Stücke lesen. Der freisinnige Kandidat war, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, in gewissen kaufmännischen Kreisen unbeliebt, und es war noch vor dem Wahlergebniffe die Aufstellung dieses Kandidaten, der mit nur geringer Majorität schließlich in der Stichwahl durchgekominen ist, als bedenklich, ja gefährlich bedauert worden. Uud hat Herr Stöcker noch nichts davon gehört, daß in den letzten wenigen Jahren gerade im ersten Berliner Wahlkreise eine große Veränderung in der Znsainmensetzung der Bevölkerung eingetreteu ist? Und schließlich, wenn in den 396 Wahlkreisen des deutschen Reiches die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen sich um 900 000 vermehrt haben, warum soll sie nur im ersten Berliner Wahlkreis, in welchem ein gemaßregelter Privatdozent kandidierte, sich nicht vermehrt haben? Bloß weil Arons ein Jude ist? Indessen die bisher aufgezählten Behauptungen sind noch nichts, verglichen mit denen, die Herr Stöcker im weiteren Verlaufe seines Artikels leistet. Die Juden sind nach Stöckergleichzeitig Vertreter des Kapitalismus und der diesen bekanntlich auf das entschiedenste bekämpsenden Sozialdemokratie, d. h. die Juden spannen nicht nur ein Pferd vorn und eins hinten an, sondern sorgen dafür, daß sie sich selbst politisch ausfressen. Bisher hat man die Juden für besonders schlau ausgegeben und ihre Ausnahmebehandlung mit der Notwendigkeit begründet, das Volk vor diesen Ueberschlauen zu schützen. Wir haben stets in Abrede gestellt, daß die Juden im großen und ganzen mehr als andere Menschen auch veranlagt seien. Es gibt Begabte und Unbegabte unter den Juden, wie es Begabte und Unbegabte unter Russen, Franzosen, Germanen, Hottentotten gibt. Wir. haben es stets als eine dem deutschen Volke zngefügte Beleidigung bezeichnet, daß die Antisemiten die halbe Million Juden in Deutschland als Herren über die 56 Millionen deutschen Seelen ausschrieen. Aber die Antisemiten erklärten diese angebliche Herrschaft wenigstens mit einer gewissen, wenn auch ihnen unangenehmen Begabung der Juden. Herr Stöcker geht in der Beleidigung des deutschen

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