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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-21 · Heft 34 (21.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 würdigen Verlauf nahm. Bezirksrabbiner Dr. Pinkus, der auch den Proben beiwohnte und vielfach eingegriffen, drückte seine Befriedigung über das Gehörte ans und ersuchte die Teilnehmer, sich immer mehr in den Geist der Stücke zu versetzen, um die Gesänge recht würdevoll in der Synagoge vorznführen. Die gleiche Anschauung vertrat auch der vielfach bei den Uebungen anwesende Rabbiner Dr. Doktor ans Bruchsal, der namentlich die Kunst des Gesanges definierte und meinte, eine große Summe von kleinen Umständen sei bei dem schönen Singell zu berücksichtigen, die, wenn unberücksichtigt geblieben, dem Vortrage einen unschönen Charakter verleihen. Der Vertreter des großherzoglichen Oberrats, Direktor Driesen, schloß sich den lobenden Ausführungen des Vorredners an und freute sich über das schöne Verhältnis zwischen Rabbiner und Lehrer. Von sämtlichen Rednern wurde dem großherzoglichen Oberrate der Dank für diese Einrichtung, die nun für das ganze Land geschaffen werden soll, ausgesprochen, auch von Kursusmitgliedern, namentlich dem verdienten Leiter Herrn Scheuermann. d. Luxemburg, 16. August. Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt, ist am 3. d. M. nach zweiunddreißigjähriger Wirksamkeit innerhalb unserer Gemeinde Herr Landrabbiner Dr. Blumen stein im Alter voll sechzig Jahren plötzlich verschieden. Der Heimgegangene, welcher seine Ausbildung am Rabbiner-Semiilar zu Breslau erhalten hat, war während des Krieges 1870/71 einer der beiden Feldprediger in der deutschen Armee und wurde unmittelbar nach dem Friedensschlüsse hierher berufen. Durch sein energisches Eintreten in dem Prozesse gegen das ultramontane „Luxemburger Wort", welches im März 1889 wegen Beschimpfung der jüdischen Religion, begangen durch Abdruck des Brimann-Justusffchen „Judenspiegel", verurteilt wurde, hat Dr. Blumenstein den ersten Versuch, die Judenhetze nach Luxemburg;u verpflanzen, erfolgreich verhindert. Seirr Tod weckt die Erinnerilng an eine Scene aus dem deutsch-französischen Kriege, deren Mittelpunkt Dr. Blumenstein war und die durch Wort imb Bild weithin bekannt geworden ist. Ec war es, der den israelitischen Feldgottesdienst vor Metz am Versöhnungstage im Jahre 1870 leitete, an dem eine große Anzahl israelitischer Soldaten aller Waffen von der Be- -agernngsarmee teilnahm. Dr. Blumenstein war während des ganzen Krieges in aufopfernder Weile tätig. Mit den siegreichen Truppen zog er im Sommer 1871 in Berlin ein. Gesterretch-Nngam. □ Wien, 17. August. Zu der von uns bereits gemeldeten Ritualnordgeschichte im Zip ser Ko mitat wird noch gemeldet: In der unglückseligen Affäre des Szepes-Jakubfaluer Raubmordfalles ist.leider bis heute insofern keine günstige Wendung eingetreten, als der des Berbrechens Verdächtige jüdische Fleischhaller Neius (so der Name des Beschuldigten) aus der Untersuchungshaft nicht entlassen, sondern, nachdem die Untersuchungskommission in Lublo gewesen, nach Leutschau ms Gefängnis überführt worden ist. Viele Christen, die unter dringendem Verdacht verhaftet waren, wurden nach einigen Tagen wiederum aus der Haft entlassen. Was die starke Aufregung der nichtüdischen Bevölkerung, die bereits intensivere Dimensionen angenommen zatte, betrifft, ist eine Beruhigung der Gemüter eingetreten, und das darum, weil der Pfarrer zu Szt. Jakubfalu — ein friedliebender loyaler Mann — alles anwendet, der Bevölkerullg den Wahn der Blutbeschuldigung auszureden und für den jungen Mann speziell sehr varm in die Bresche tritt, indem er behauptet, für die Schuldlosigkeit "»es jungen Mannes, den mall allenthalben als zwar ganz ungebildeten, iber höchst tugendhaften Menschen kennt, schwören zu können. Von der Entscheidullg des Gerichtes erhofft mail das .weitere. — Der neue Ehrendoktor der Heidelberger Universität Dr. Heinrich Friedjung iat 1873 das Doktorat der Philosophie an der hiesigen Hochschule erworben, ist als Schiedsrichter im Weltprozeß der Jahre 1859—1866 um Ehrendoktor der Rechte ausersehen lvorden; kurz vorher haben hm Dümmler, Riezler und Meyer-Knonau den Peter-Müller-Preis wn 4500 Mark samt der silbernen Medaille zuerkannt. Die philoophische Fakultät Prag hat ihn auch vor einigen Jahren schon zum Professor der Geschichte vorgeschlagen. Warum dem Vorschlag keine Holge gegeben wurde und warum das österreichische Ministerium bisher nicht Friedjung einen akademischen Wirkungskreis zubilligte, brauche ich Ihnen nicht weiter anseinanderzusetzen. — Krakait, 9. August. Heute Mittag xim 12 Uhr wurde der all, gemeine Rabbi n er ko n greß eröffnet. Zahlreiche Vertreter erschienen aus allen Ländern Oesterreich-Ungarns, wie aus Frankreich, Rußland, Deutschland. Rumänien lind Aegypten. Viele Hunderte Rabbiner sandten brieflich ihre Zustimmung mit dem Bedauern, nicht anr Kongresse teilnehmen zu können. Der Rabbinerkongreß wurde in der fast eintausend Jahre alten Synagoge eröffnet. Eine nach Hunderten zählende Schar von Andächtigen füllte das ehrwürdige Gotteshaus. Alls der Straße bildeten Reihen von tausenden Menschen Spalier. Der hiesige Oberrabbiner Ch. L. Horovitz hielt die Eröffnungs, rede, begrüßte die versamlllelten Rabbiner und verkündigte im Namen aller die Huldigung für unsereil Herrscher Kaiser Franz Josef. Hierauf sprach der Rabbiner vor geöffneter Bundeslade mit der Thora in der Hand einen heiligen Eid, daß die Blutbeschuldigung erdichtet und erlogen sei. Die Eidesleistung enthält zum Beispiel folgende Sätze: Wir alle wissen es ganz genau, daß wir unschuldig sind an dem Verbrechen, das uns angedichtet wird. Jndenr aber auch in jüngster Zeit in den elltferntesten Ländern unsere Menschenwürde durch den schändlichen Vorwurf der Blutbeschuldigung mit Füßen getreten wird, erheben wir anläßlich des hier versammelten Weltrabbinerkongresses im Nanlen der Rabbiner und Lehrer der gallzen Diaspora, die sich uns angeschlossen, laut Protestation gegen diese gräßliche Beschuldigung. Wir beschwören beim Namen des allmächtigen Gottes, der Herz imb Nieren prüft und in das Dunkel unseres Erdendaseins hineinleuchtet, wir rufen den himmlischen Vater, den höchsten Gesetzgeber zum Zeugen der Wahrheit und Unschuld an, wir beschwören, daß es in Israel nie einen solchen Kultus gegeben hat, daß nie eine ähnliche Lehre, Vorschrift oder Brauch zu finden war, weder in der heiligen Schrift noch in den Schriften von Gelehrten, noch in der Tradition, weder im Oeffentlichen noch im Geheimen; auch nicht bei irgend einer Sekte oder bei einzelnen jüdischen Individuen, daß eine solche Lehre oder Vorschrift nie weder ausgeführt noch versucht wurde, daß nie eine solche Grausamkeit aus dem Munde eines Juden wo immer und wann immer gehört wurde. Möge dieser Eid, diese vollgültige Protestation ganz Israels gegen das geschändete Menschenrechtals Proklamation an die gesamte Menschheit, die Widersacher des jüdischen Volkes in Freunde umwandeln! Amen. — Der feierliche Akt erschütterte die Andächtigen, und kein Auge blieb tränenlos, als die greisen sowie jungen Rabbiner unter Schluchzen und Weinen den Schwur Wort für Wort nachsprachen. — Hierauf hielt der Grand Rabbin aus Alexandrien Exc. Hazan eine hebräische Rede, die Oberrabbiner Horovitz aus Alsokubin in deutscher Sprache ergänzte. Nach Nezitierung des Kaisergebetes richtete Rabbiner Horowitz ans Alsükubin Dankesworte an die Kultusgemeinde, deren Vorsteher und an den Rabbiner Krakaus für die brüderliche Gastlichkeit, die den aus weiter Ferne erschienenen Würdenträgern zu teil wurde. Kultusprästdent kaiserlicher Rat Landau dankte dem Redner für die freundlichen Worte und sagte: Die Kultusgemeinde fühle sich geehrt, die rabbinischen Zierden Israels in der altehrwürdigen Gemeinde Krakau begrüßen zu können. Dieser historische Akt wird noch in späteren Zeiten der Knltusgemeinde sowohl wie den geistlichen Würdenträgern Israels zur Ehre gereichen. — Die Kongreßberatuugen, die ausschließlich das religiöse Leben betreffen, werden im Laufe dieser Woche täglich stattfinden. Italien. Rom, 7. August. Ueber die Familie und die Jugend des neuen Papstes erzählt sein Bruder Angelo Sarto. früher Viktualienhändler und heute Posthalter in Curtatone bei Mantua unter anderem folgendes: Nachdem er in Tombola neun Jahre Pfarrer gewesen, wurde er nach Salzano versetzt. Dort lebte in einer Sommerwohnung die bekannte jüdische Familie Rom ani n-Ja cur, und der alte Herr lieb den neuen Pfarrer in sein Haus einladen. Aber Beppi wollte, ehe er ging, erst die Erlaubnis der Vorgesetzten haben; er erhielt sie und lebte im liebreichen, engen Verkehr (allattuosu intimite) mit der Familie Jacnr. Der alte Herr half ihn bei seinen Liebeswerken, beriet sich mit ihm über die religiösen Allgelegenheiten seiner zahlreichen Dienstbotenschaft und wollte vom Pfarrer immer wissen, ob feine Dienstboten auch wirklich zur Messe gegangen wareil. Und wenn dies nicht der Fall, so schalt er sie tüchtig aus oder entließ sie auf der Stelle. Der Abgeordnete Leo Romanin teilte einem Journalisten mit, daß er auch in letzter Zeit mir dem Patriarchen von Veliedig in brieflichem Verkehr gestanden und dieser ihm FörderlMg seiner Projekte versprochen habe. Der neue Papst hat also in seinem ehemaligen Wirkungskreise als Patriarch von Venedig für unsere Glaubensgenossen warme Sympathie bekundet und auch bei den letzteren

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