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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-21 · Heft 34 (21.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 dankbare Verehrung genossen. Ein Jude war der Lieferant für den Haushalt des Kardinals Sarlo, der von dessen Schwestern geleitet wurde. Als derselbe einmal am Sabbat Waren ablieferte und der Kardinal ihn dabei betras, tadelte er denselben auf das Strengste und erklärte ihm, daß er nie wieder den erzbischöflichen Palast werde betreten dürfen, wenn er seinen Sabbat entweihe. Nuszland. 1s. Kischinew, im August. Am 15. v. M. hat das Kischinewer Rabbinat unter Führuug des Kronrabbiners Kottlowker beim neuen Gouverneur Fürsten Urussow eine Audienz gehabt. Der Fürst empfing die sechs Rabbiner überaus herzlich, reichte einem jeden die Hand und setzte ihnen eigenhändig Stühle vor. Das Rabbinat bat um Erlaubnis, die während der drei Schreckenstage voll dem Pöbel zerrissenen und geschändeten Thorarot len unter den üblichen Feierlichkeiten auf dem jüdischen Kirchhof beerdigen z u d ürsen. Der Gouverileur bewilligte gern die Bitte. Die Mitteilung der Rabbiner, daß seit der Ankunft des Fürsten in Kischinew die Juden sich viel sicherer fühlen, hat diesen sichtlich erfreut, und man sah es ihm an, daß es ihm mit dein dem Rabbinat gegenüber wiederholten Versprechen, die Juden kraftvoll beschützen zu wollen, heiligster Ernst war. Einige Tage darauf erschien der Gouverneur unangemeldet beim Kronrabbiner Kottlowker, um ihm den Besuch zu erwidern. Die Beerdigung der Thorarollen, lvelche während der Krawalle entweiht lvorden sind, fand unter Beteiligung fast der gesamten trauernden Kischinewer jüdischen Gemeinde ani 9. Aw., dem Tage der Tenipelzerstörung, in feierlicher Weise statt. Dicht bei der Grabstätte der ermordeten Märtyrer wurde ein weites und tiefes Grab ausgehoben und mit Cement ausgelegt. Die Thorarollen wurden einzeln in Urnen getan und diese dann geschlossell und versiegelt ins Grab gelegt. Auf jeder einzelnen Urne wurden in hebräischer Schrift die näheren Umstände angegeben, unter denen die sich in ihr befindende Thorarolle geschändet wurde. — Nebst dem Herrn v. Raben und denr Vicegouverueur Ustrugow, dem Organisator des Kischinewer Krawalls werden noch eine große Anzahl anderer pflichtvergessener Polizeibeamten demnächst Kischinew unfreiwillig verlassen müssen. So der Polizeimeister Chanshenko, der Gendarmerieoberst Brauikowski nebst seinem Gehilfen Dowgall sowie der Jsprawuik Sikow. Ebenso wird eine Anzahl kleinerer Diebe gehenkt, darunter der famose Pristaw Dobroselski, in dessen Wohnung mau ein ganzes Waarenlager während der Krawalle gestohlener Sachen fand; ferner der Pristawgehilfe Sadoroshni, der aus die Aufforderung des Juden Berljant, sein Haus gegen die Einbrecher zu schützen, ganz lallt und mit weit vernehmbarer Stimme erwiderte: „Ich werde wegen der verfl .. . Juden mich nicht hineinmengen. Wenn es euch hier nicht gefällt, so geht doch nach Palästina!" Endlich wird auch der Pristaw Solowin fliegen, weil er persönlich und in voller Uniform eine Räuberbande angeführt hat. Mit dieser Entfernung weniger Beamten, die ihn gar zu sehr kompromitiert haben, glaubt Herr von Plehwe für die Juden genug getan zu haben. Jedenfalls weist er jedes Ansinnen, die geplünderten Juden zu entschädigen lveit von sich, und hat er diese seine Ansicht einem jüdischell Kischinewer Anwalt, der ein diesbezügliches Gesuch an ihn richtete, in einer abschlägigen Alltwort offiziell bekundet. Nebst diesem gescheiterten Versuch, auf administrativem Wege zu einer Entschädigung zu gelangen, wurde auch der gerichtliche Weg betreten. Zwei ausgeplünderte Juden haben die Herren v. Raaben und Ustrugow beim Senat auf Schadenersatz verklagt. Die Kläger berufen sich auf die bekannte Mitteilurlg im „Regierungsboten", in welchem den Kischinewer Behörden offiziell Nachlässigkeit im Amte vorgeworfen wird. Dem Ausgang des Prozesses wird begreiflicherweise mit großer Spannung entgegellgesehell. — Die Vornutersuch un gen über den Kischinewer Krawall sind zum großen Teil beendet, und die Ergebnisse dem Gerichtshöfe in Odessa zugestellt. Ueber die Vorgänge in beu Vorstädten, wo bekanntlich weniger ges raubt als gemordet wurde und wo das jüdische Blut in Strömen geflossen ist, sind die Voruntersuchungen noch zwar nicht abgeschlossen, dürften aber bis Mitte September ebenfalls zum Abschluß gelangen. Zu diesem Termill sollen nämlich die Schwurgerichtsverhandlungen beginnen. Bezeichnenderweise werden diese nicht in Kischinew, sondern in dem im Gouvernement Cherson belegenen Orte Tiraspol stattfinden. Offenbar traut niall weder dem Kischinewer Pöbel, noch auch den Geschworenen die nötige Ruhe und Objektivität zu. Von Sah und Lern. — Dem Rentier Herrn Herrmann Abraham hier ist als Anerkennullg seiner Verdienste auf dem Gebiete praktischer Humanität vom Kaiser der Kronenorden vierter Klasse verliehen worden. — Der Privatdozent für Mathematik an der Technischen Hochschule Dr. Ernst Steinitz ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden. — Aus Anlaß seines 50jährigen Doktorjubiläums hat Sanitätsrat Dr. Ludwig Rosenthal hier den Roten Adlerorden IV. Klasse mit der Zahl 50 erhalten. — Nach dem Tabellenwerk des städtischen Statistischen Amts sind in Berlin unter 1252 Blinden 66 und unter 1660 Taubstummen 160 Juden. — Von dem verstorbenen ehemaligen Reichstagspräsidenten A. v. Levetzow sagen die Antisemiten, daß ihnen „seine ablehnende Haltung zu sehr maßvollen antisemitischen Anträgen nicht gefallen habe." Das ehrt den Mann über das Grab hinaus! — Als der größte Dauerschwimmer gilt gegenwärtig Leo Leder mann in Breslau. Derselbe hat 145 Ehrenpreise aufzuweisen und in diesem Jahre beim Wettschwimmen im Mittelländischen Meere in Nizza fünf Preise erhalten. 1895 ist er am 15. August von Dover nach Calais, 80 000 Meter in 16'^ Stunden geschwommen. — Wie die „Sächsische Arbeiterzeitung" mitteilt, ist Herr Oswald Zimmermann von der Redaktion der „Deutschen Wacht" in Dresden zurückgetreten. — Der Lehrer und Prediger L. Oppenheimer in Mülheim a. d. R. tritt nach 43jähriger unermüdlicher Tätigkeit am 1. Oktober d. I. in den wohlverdienten Ruhestand. 27 Jahre war er im städtischen Schuldienst, sowie im Dienste der jüdischen Gemeinde als Prediger tätig. — Die Wahl S tö ckers für den Landtag im Kreise Gelnhausen ist erfreulicherweise hinfällig geworden. Ein neuer Wahlkreis wird eifrig gesucht. — In Mülhausen i. E. ist der Präsident des dortigen Konsistoriums Jsaac Lantz, ein wegen seiner Wohltätigkeit und Herzensgüte allgemein geachteter Mann, gestorben. — Professor Israel Gollanez, der bisher als Lehrer der englischen Literatur an der Universität Cambridge tätig war, wurde zum Professor am Kings College in London ernannt. Die dem Gelehrten widerfahrene Auszeichnung erscheint umso größer, als Gollancz, der einer der vorzüglichstell Shakespeareforscher ist, als erster Jude eine Kanzel der Londoner Hochschule erhielt, die bis vor ganz kurzer Zeit überhaupt nur mit Anglikanern besetzt werden durfte. — Der italienische Gelehrte Vispi-Landi hat auf Grund langjähriger Beobachtungen die Behauptung aufgestellt, daß auf dem Grunde des Tiber ungeheuere Schätze geprägten und ungeprägten Goldes, Juwelen, Statuen aus kostbarstem Metalle, Waffen, ja sogar der goldene Leuchter aus dem Tenlpel zu Jerusalem zu finden seien. Es soll sich bereits ein Konsortium, das über IV2 Millionen Franks aufgebracht hat, zur Durchsuchung des Tiberflusses gebildet haben. (?) — Das Rabbinat in Wilna hat einen Hirtenbrief in hebräischer, russischer, und jüdisch deutscher lJargon-) Sprache erlassen, in welchem die jüdische Bevölkerung vor der Sozialdemokratie gewarnt ulld zum Patriotismus ermahnt wird. — Während des Durchmarsches einer Abteilung russischer Sängersoldaten in Warschau, die bei jedem russischen In« sailterieregittlent zur Musikkapelle gehören, entstand am 10. d. M. ini Judenviertel Nalewki zwischen den Soldatensängern ulld den Juden ein Streit, der bald in ein Handgemenge überging. Die Polizei versuchte vergebens Ordnung zu schaffen. Man requirierte hierauf vier Sotnieil Kosaken, und es entstand ein förmlicher Kampf. Die Juden verteidigtet! sich mit Stöcken und eisernen Stangen. Auf beiden Seiten gab es viele schwer Verwundete. Beinahe 600 Juden wurden v.er^ haftet. Die Zensur untersagte den Warschauer Blättern, über diese!. Vorfall zu berichten. — Dr. Theodor Herzl ist augenblicklich in S t. Petersburg, wie es heißt, um die Zurücknahme der verschiedener, jüngst gegen die Zionisten ergangenen Verfügungen zu erwirken. - Professor Dr. W. Heine mann in Dunedin (Neu-Seeland), wurd in die Prüfungskomtnission der Universität gewählt, in Anerkennung seiner früheren Dienste an der Otago-Universität. Seinen Bemühungen ist es vor 5 Jahren gelungen, Hebräisch als Prüfungsgegenstand fü° das sogenannte B. A. M. A. und Honors-Examen der Universität einzuführen. — Israelitische Jünglinge im Alter von 18 bis 25 Jahren haben in Williainsburg, der 16. Ward Brooklyns, die American Zion Military Association gegründet, die auf eine Stärke von 2000 Mann gebracht und dann dem Staate Newyork als ein Regiment der Nationalgarde angeboten werden soll. Ans eigenen Mitteln will die Organisation eine Waffenhalle mit Exerziersaal erbauen.

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