Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Sinne des Wortes ein treuer Vater der Waisen war und die große allgemeine Achtung der Bürgerschaft besitzt. — Bei dem diesjährigen Kö nigsschie ßen des hiesigen Bürgerschützenvereins, das hier am 9. und 10. August stattfand, wurde heute Abend nach beendetem Schießen als Schützenkönig zum ersten Male hier ein Jude, uänilicf) der Fleischermeister Samuel Krisch von hier, proklamiert. — In der am 8. August abgehaltenen gemeinschaftlichen Plenarsitzung des Vorstandes und des Repräsentautenkollegimus unserer Gemeinde kam die wichtige Vorlage betreff die Renovierung der Gemeindesynagoge zur Beratung. Wie aus dem erstatteten Referate hervorging, ist bei der Königlichen Regierung zu Bromberg eine anonyme Anzeige eingegangen, in der der Denunziant die Behauptung ausstellte, die Jnowrazlawer Synagoge befinde sich in einem baufälligen Zustande. Aus Grund dieser Anzeige hat die Aufsichtsbehörde durch das Landratsamt in Juowrazlaw das weitere veranlaßt. Die Synagoge wurde gründlich und genau von der städtischen Ban-- kommission untersucht; dabei wurde durch die Sachverständigen festgestellt, daß die Synagoge nicht baufällig ist, nur die Decke sei reparaturbedürftig. Nach diesen Gutachten sind die früheren Mitteilungen eines sensationslüsternen Reporters über die große Baufälligkeit unserer Synagoge vollständig aus der Luft gegriffen. Die Synagoge ist wegen Vornahme der Reparaturarbeiten aus einige Wochen bis kurz vor den hohen Festtagen geschlossen worden. — Die „Posener Zeitung" hatte eine Nachricht aus Juowrazlaw verbreitet, betreffs des Eigentumsrechts der Synagogen sitze. Die Mitteilung ist in dieser Form geeignet, eine irrtümliche Auffassung eintreten zu lassen. Wie uns von bestinformierter Seite mitgeteilt wird, ist die Notiz betreffs des Eigentumsrechts der Sitzplätze verfrüht in die Oeffentlichkeit gelangt und die Sache ist noch garnicht spruchreif, es haben überhaupt noch keine Unterhandlungen darüber stattgefunden. Wie wir hören, werden die Körperschaften unserer jüdischen Gemeinde für den Fall eines Neubaues der Synagoge den Inhabern von Sitzplätzen coulant in jeder Weise entgeaenkommen. — Z. Sch. Salzdrmm, im August. Ueber eine Kantoren- Versammlung in Bad Salzbrunn wird uns von zuständiger Seite berichtet: Wenn die Zeit der großen Ferien herankommt und alles sich aus dem Gleichmaß der täglichen Arbeit heraussehnt in dem begreiflichen Verlangen nach Erholung unb Ruhe, dann erfaßt auch den Kantor der Wunsch, eine kleine Ferienreise auzutreten. Und wahrlich, ihm tut es nur allzu not! Selbst das kräftigste und abgehärtetste Organ bedarf nach der Anstrengung eines Jahres der Erholung und Erfrischung, zumal gar bald nach den großen Ferien für den Kantor die schwere Arbeit der hohen Feiertage heranuaht. Leider ist es nur verhältnismäßig wenigen Kantoren vergönnt, sich eine Sommerwohnung zu gestatten, da es ihnen teils pekuniäre Hindernisse. teils die Rücksicht aus die schwer zu findende geeignete Vertretung verbieten. Aus diesem Grunde fanden sich auch in diesem Jahre in Salzbrunn, das doch wegen seiner der Stimme zuträglichen Quellen und seines nicht allzu teuren Aufenthalts das „Kantorenbad" genannt wird, kaum ein Dutzend Kollegen in der Hauptsaison zusammen. Es ist selbstverständlich, daß sich die Unterhaltung der Kantoren hauptsächlich um Standesiuteressen und die Ausbesserung des nicht immer beneidenswerten Loses dieser Beamten bewegte, zumal alle dort versammelten Männer von treu kollegialischer Gesinnung waren. Schon vor vielen Jahren war Bad Salzbrunn der Sammelpunkt vieler Kollegen behufs Beratung und Einbringung einer Petition an den Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund. Waren auch damals die Petenten von dem Erfolge ihres Gesuches wenig befriedigt, so hatte doch der D.-J. G.-B. durch die Ausfertigung eines Normalvertrages zu erkennen gegeben, daß die Notlage der Kultusbeamten groß ist, und daß etwas geschehen müsse, um sie zu heben. Diesmal war es die Berliner „Hilfskasse", welche die von Herrn Oberkantor Singermann-Ratibor einberufene Versammlung zu beraten hatte. Anwesend waren die Kantoren: Sarasohn-Stettin. Blaustein- Bromberg, Schöneberger-Potsdam, Schnittkin-Posen, Helischkowski- Schneidemühl, Bernstein-Graudenz und Scheftan-Pleß. Auch Rabbiner Dr. Levy-Graudenz folgte einer Einladung und nahm eifrig an der Debatte teil. Wie in allen derartigen Versammlungen waren auch hier die Anträge einzelner Herren nicht immer annehmbar. Doch wurden verschiedene Vorschläge von Herrn Singermann zur besonderen Berücksichtigung empfohlen. Die Herren Sarasohn und Schönberger konnten mit ihren praktischen Erfahrungen als langjährige Vorstandsmitglieder der „Hilfskasse" die zu hoch geschraubten Wünsche einiger Kollegen in ein ruhigeres Fahrwasser bringen und versprachen auch, ihr möglichstes dazu beizutragen, den hier geäußerten Wünschen gerecht zu werden. Die anwesenden Kollegen erklärten sich bereit, dem Verein beizutreten und in ihren Gemeinden außerordentliche Mitglieder zu werben. Sie beabsichtigen auch gleichzeitig ihre Anträge schriftlich einzubringen und zum teil auch als Delegierte zu der in den Weihnachtsserien stattfindeuden Generalversammlung persönlich zu erscheinen. Wir wünschen und hoffen, daß alle kollegial gesinnten Kantoren dem Beispiel der in Salzbrunn anwesenden Kollegen folgen und baldigst ihren Beitritt zu der „Hilfskasse" anmelden werden. Ist doch die „Hilfskasse" der einzige Fachverein, der seit beinahe 25 Jahren sich bewährt hat und auch in Zukunft bestehen wird, sobald ihm von beu Kantoren einiges Interesse entgegengebracht wird. Die Tätigkeit des Vorstandes im letzten Jahre, und der eben erschienene Rechenschaftsbericht legen Zeugnis ab von der Lebensfähigkeit des Vereins. Möge deshalb die Versammlung in Salzbrunn wieder neue Anregung gegeben haben, die Kollegialität unter den Kantoren zu festigen zur Hebung und Förderung unseres Vereins. — Marburg, 6. August. Am 8. d. M. beging die „Jüdischwissenschaftlich-gesellige Vereinigung" hier ihre Semesterschlnßfeier. Der Verein blickt nunmehr auf das erste Semester seines Bestehens zurück. Er bezweckt vor allein den Zusanlmenschluß der Marburger jüdischen Studenten zur Förderung geistiger und geselliger Bestrebungen. An den Vereinsabenden finden wissenschastliche Vorträge von Mitgliedern statt, an die sich Diskussion mtb gemütliches Zusammensein anschließen. Der Verein besitzt eine eigene Bibliothek, die den Mitgliedern unentgeltlich zur Verfügung steht. Znm Vorstand für das Wintersemester 1903—1904 wurden gewählt die Herren: cand. phil. Leopold Rothschild, cand. med. Leo Löweustein, Leopold Maier. Neuanmelduugen für das Wintersemester sowie Anfragen sind an Herrn cand. phil. Leopold Rothschild in Alsfeld (Hessen) Marktplatz oder an Herrn cand. med. Leo Löwenstein in Marburg, Elisabethstraße 1311 zu richten. München, 7. August. Im hiesigen antisemitischen Lager geht es sehr bewegt zu. Der Agitator E. A. Kuhn hat sich mit den Leuten, mit denen er den „Christlichsozialen Verein für Bayern" gegen den bisher „Christlichsozialen Verein" Wenggs gegründet hat, überworfen und schreibt nun böse Dinge über sie, die ihn ebenso bedienen. Um Kuhn aus dem „Christlichsozialen Verein für Bayern" hinauszubringen, löste man den Verein auf und wollte ihn ohne Kuhn neu gründen. Kuhn kam ihnen zuvor, grülldete selbst den Verein neu und meldete ihn bei der Polizei rasch ab. Nun streiten beide feindliche Teile um die Berechtigung, ihre Nengründung nach dem aufgelösten Verein zu benennen. o. Karlsruhe, 15. August. Der großherzogliche Oberrat der Israeliten beauftragte die Herren Bezirksrabbiner Dr. Pinkus-Heidelberg und Dr. Doktor-Bruchsal mit der Bildung eines Fortbildungskursus für die Lehrer und Kantoren aus deren Rabbinaten. Den Teilnehmern sollte kein amtlicher Zwang zum Besuch auferlegt sein, dagegen volle Reiseentschädigung und auskömmliches Zehrgeld gegeben werden. Der grobherzogliche Oberrat wollte diese Institution als eine Vergünstigung aufgefaßt wissen. Der Hauptzweck sollte darin bestehen, für eine würdige und einheitliche Gestaltung des Gottesdienstes, auch in den Landgemeinden, die Wege zu ebnen, damit sich diese Segnung im Verlauf von einigen Jahren über das ganze Land verbreiten würde. Am 26. April d. I. begann unter der Anwesenheit obengenannter Herren Rabbiner der Kursus mit 16 Teilnehmern. Der als Musiker und Sänger rühmlichst bekannte Kantor Scheuermann-Heidelberg war als Instruktor ernannt. Er ließ es sich angelegen sein, die altehrwürdigen, unvergleichlich schönen Gesänge für Sabbat, wie sie für die Landgemeinden ohne Chorgesang im Volke fortleben, zu sammeln und leicht verständlich in Musik zu setzen. Das Werk, das. den Titel führt: „Die gottesdienstlichen Gesänge für das ganze Jahr", zusammengestellt von S. Scheuermann, Kantor in Heidelberg 1903 und die Abschnitte enthält: 1. Freitag Abend, 2. Morgengottesdienst, 3. Minchagottesdienst, 4. Mariv nebst einem Anhänge: die guten Sabbate mit ihren Einschaltungen, bereicherte er noch durch die Ausnahme schöner Kompositionen von Japhet, Lewandowsky, Liebling und Jakobsohn. Jeweils am Sonntag Nachmittag von 3 bis 5 Uhr fanden die Uebungen in der Synagoge zu Heidelberg statt und erreichten ihren Abschluß am 26. Juli, der einen