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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-21 · Heft 34 (21.8.1903) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 408 (sequence 14)
Language
German
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408 nichts zu sehen ist als Schnee. Dazu braucht man nicht nach Prag auf den Beth Olan zu gehen. In Saal 30 hat unser Glaubensgenosse Otto Marcus (Berlin) ein großstädtisches Staffagenbild „Am Bahnhof Friedrichstraße" mit leidlichem Erfolg ausgestellt. Ein sehr feines und vornehmes Genrebild bietet Ernst Oppler's „Am Klavier" im Saal 25. Das ganze Interieur in tiefem Schmerz läßt die Trauer der Dame, die am Klavier den Blick nach oben richtet, noch eindrucksvoller hervortrete». Das fein ausgeftthrte Rokoko-Interieur „Dame am Spinett" im Saal 16 von Adolf Heller (München) ist nicht minder lobenswert; der sanfte Ausdruck in dem Gesicht der Dame, die am Spinett stehend die Noten durchsieht, berührt besonders sympathisch. Das fein abgestimmte Bild ist auch in dem illustrierten Katalog der Ausstellung ausgenommen worden. Die gleiche Ehre führen bezüglich der Technik und der Wiedergabe des Gesichtsansdrucks das hervorzuhebende Bildnis eines Offiziers von Hans Wehl (Berlin) im Saal 38 und das Bildnis einer alten Dame von Aenny Löwensteiu (Berlin) im Saal 23. Diese auffallende Künstlerin gehört auch ^der vom preußischen Kultusministerium stetig geförderten „freien Vereinigung der Graphiker" an und hat zu der im Saal 4 untergebrachten Sonderansstellung dieser Gruppe zwei treffliche Originalradierungen „Lebensabend" und „Feierstunde" beigesteuert. Bon Glaubensgenossen sind hier noch vertreten Max Fabian «Charlottenburg), dessen „Ahasver" hohe Anerkennung verdient, mit einer Lithographie und einer Studie in Rötl und Hermann Struck (Berlin) mit einem Bildnis des Dozenten am Rabbinerseminar, Prof. Dr. A. Berliner, und fünf Landschaften aus Dänemark und England. Der Künstler hat auch das von Montefiore begründete Jewisli College in Ramsgate aufgesucht und den Ort trefflich wiedergegeben. Diese fünf Landschaften sind ebenso >vie seinerzeit frühere Originalradierungen Strucks auch dieses Mal vom Staat für das Kupferstichkabinett des Berliner Museums angekauft worden. Die von Struck unter seinen Arbeiten beliebte Signatur Chaim Aron ben Dovid neben dem Davidssteril als Künstlerzeichen scheint also für den Erfolg eher günstig als schädlich zu wirken, was sich diejenigen Künstler merken können, die sich wie Schilf vor den Tagesgöhen neigen. Auf früheren Ausstellungen machte einige Zeit ein junger Glaubensgenosse, ein in München lebender junger Künstler, durch die packende Darstellung seiner modernen Genrebilder Aufsehen. Als der Prinzregent sein Atelier einmal besuchte, wurde der junge Maler Mode und damit ihn, der Professvrtitel nicht entgehe, ließ er sich schleunigst taufen. In diesem Salon hat der seit Jahren in Berliil lebende Künstler, der aber immer noch nicht Professor ist und gar keine Aussicht mehr darauf hat, nichts mehr ausgestellt. Bevor wir zur Besprechung der Skulpturen und anderen Grilppe» übergehen, sei als Kuriosuin beiläufig noch erwähnt, daß bei Besprechung des von Loeb (Newyork) ausgestellten Bildnisses von Israel Zangwill in einem großen Berliner Blatte der,'.als Kritiker hochgeschätzte Professor Ludwig Pietsch offen angab, er wisse nicht, wer Zangwill sei, während ein anderer Rezensent in einem Kunstblatt sich darauf beschränkte zu schreiben, wahrscheinlich stellte das Bild einen jener jüdischen Philanthropen vor, an denen das moderne Amerika so reich ist. Man liest eben lieber Geschichten aus Lappland als Dichtungen aus dem Ghetto und seien sie noch so meisterhaft. Judentum ist nicht Mode. Literarilchr Mittrilungkn. Begreifliches Aufsehen hat der vor einiger Zeit in Fagum gemachte Fund eines neuen hebräischen Textes der zehn Gebote und des „Schma" („Höre Israel") nicht nur unter den Fachgelehrten erregt. Der Fund, der von dem Besitzer A. L. Nasch der Universitätsbibliothek von Cambridge geschenkt wurde, ist inzwischen von zwei englischen Gelehrten, Cook und Burkit, veröffentlicht worden. Jetzt bringt auch die „Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft" eine Wiedergabe dieses überaus interessanten Textes durch den Lie. Dr. v. Gall. Der Text ist in Quadratschrift, nicht gerade kalligraphiert, auf Papyrus geschrieben und leider nicht überall unversehrt. Es ist nicht der Text von Exodus 20, 2—17, sondern der von Deuteronomium 5, 6—18. Das Blatt wird daher nicht der Teil einer Thorahandschrist gewesen sein, sondern diente der Erbauung oder vielleicht, sein zierlich aus Pergament geschrieben, als Mesusah, die an die Türpfosten genagelt wurde. Der neue Text bietet mehrere Abweichungen von dem des Dekalogs in Deuteronomium, uitb zwar sowohl orthographische als auch Wortverschiedenheiten. Auch von der herkömmlichen Reihenfolge der zehn Gebote weicht der neue Text ab. Ob der Schreiber einen hebräischen Text des Deuteronomium vor sich hatte, der die in Frage kommenden Abweichungen aufwies, läßt sich bei der Knappheit des Fragments nicht entscheiden. — David Deutsch, Rabbiner in Myslowitz und Sohrau. Ein Lebensbild von Dr.J.N o rd en. Herausgegeben vom Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Myslowitz. 1903. Die vorliegende Schrift ist ein trefflicher Beweis dafür, wie Wertvolles auch mit kleinen Mitteln im Dienste der jüdischen Wissenschaft geleistet werden kann. Wenn die jüdische Geschichtsschreibung noch nicht aus der Höhe ist, so liegt das vor allem daran, daß es trotz der vielen Werke, die erscheinen, noch an Materialien fehlt. Bei dem ungeheuren Umfang des in Betracht kommenden Gebiets — handelt es sich doch um die Geschichte und Literatur zweier Jahrtausende und um ein Volk, das in aller Herren Ländern seinen Wohnsitz aufgeschlagen und dort Einfluß geübt und Ein Wirkungen erfahren — mutz auch die Kleinarbeit einen gewaltigen Raum einnehmen. Alle diese Vorzüge sind nun Nordens Schrift nachzurühmen. Sie gibt in edler Sprache und in klarer durchsichtiger Form ein Lebensbild des Mannes, der in den Kämpfen zwischen der Orthodoxie und der Reform keine unbedeutende Rolle gespielt. Und sie erspart einem zukünftigen Geschichtsschreiber dieser Kämpfe viel Arbeit, indem sie einen genauen Ueberblick über alle Schriften und Broschüren dieser Persönlichkeit gibt, das Wesentliche aus ihnen heraushebt und übersichtlich zusammenstellt. Wir lernen in Deutsch einen Rabbiner kennen,Iwie sie heutzutage leider in beiden Lagern selten geworden sind, einen Mann von der umfassendsten talmudischen und auch von allgemeiner Bildung, der niemals einen Streit um seine Person ausficht, der aber sofort aus den Plan tritt, wenn es die Sache gilt, wenn die Grundlagen seiner Ueberzeugung Angriffe erfahren. Irr dem Streit mit Geiger und den Breslauer Gemeindewirren, über die Rabbinerversammlungen in Braunschweig und Frankfurt a. M., in der Orgelfrage hat er auf Seiten der Orthodoxen gestanden, aber die Ehrlichkeit seiner Gesinnung und der Mut seines Auftretens gefielen auch im gegnerischen Lager. In einer Zeit, in der das Neue Testament mit solcher Emphase gegen das alte ausgespielt wird, ist es von Wert, mit der Erinnerung au Deutsch auch die an seine bedeutendste Arbeit wieder zu beleben, an die Herausgabe und Uebersetzung voll Trokis Chisuk Emunah. Wir hätten es gern gesehen, wenn der Verfasser in der vorliegenden Monographie einem weiteren Leserkreise eine kurze Darstellung dieses von christlicher Seite als telea ignea Satanae empfundenen geistvollen Werkes vermittelte. d. Lriekksllm der Nrdaktion. Berichtigung. Im Gemeindeboten, Nummer 33 sollte der Bericht über das Begräbnis des Stadtrats Krämer aus L e o b s ch ü tz, nicht aus Breslau datiert sein. Jll der Korrespoildenz Köln muß es statt Jacoby vielmehr Jaulus-Aachen heißen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Lerlin.

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