Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 407 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Und die feinsten Leckerbissen , Solltest oßer Du vermissen. Aber wenn Du ins Manöver Für wen mach ich Griew und Leber? Ohne Dir is's Leben Stuß! Und ich bleib mit Gruß und Kuß Deine Dich ewig liebende Zettel Pniower." Ich lachte helllaut aus über diese Köchinnenromautik und die Reimkiinst von Jekel Herz und mein alter Freund schmunzelte vergnügt, dann aber nahm er eine ganz feierliche Miene an und sagte: Wissen Sie, Herr Doktor, wie der Khilledichter den Tod seiner Frau anzeigte, die am 11. März 1858 gestorben ist? „Js gekommen der Monat März und hat mitgenommen die alte Frau Herz . . ." Jetzt lachte ich nicht, sondern dachte darüber nach, was für absonderliche Erscheinungen auf dem Boden dieser alten Judengenieinschaften erwachsen waren. Mein Freund aber schien meine Nachdenklichkeit anders aufzufassen und sprach: „Sie müssen es nicht für ungut nehmen, daß ich Sie mit solche Narrischkeiten unterhalte, Herr Doktor. Aber wenn man so zurückdeukt um 40 Jahr, kommt einem allerhand in den Sinn, und neben dem Traurigen und Ernsten, was die Juden damals haben erlebt, fällt einem auch das Lustige ein. Sie sollen aber sehen, daß das nur Nebenfach war, und ich möchte Ihnen jetzt eine Geschicht' erzählen, was ist passiert 25 Jahr später, was Sie aber auch sehr interessieren wird. lForts. folgt.) 0fr Salon 1903. Von M. Friedeberg. s gab eine Zeit, in der man in Deutschland, ja in der ganzen Welt für das besondere Genre der Dorfgeschichten schwärmte; ein Jude, der Dichter Berthold Auerbach durste unter großeni Beifall am preußischen Hofe in Berlin sein „Barsüßele" und sein „Edelweiß" oder „Josef im Schnee" vorlesen. Heute hat sich der literarische Geschmack anderen sozialen Schichten zugewendet, die er ebenso hellleuchtend idealisiert, wie es Berthold Auerbach einst mit den Schwarzwälder Bauern getan hat. Nur die Juden sind, während man für die entlegensten Dinge schwärmt, zumeist ein Kräutlein „Rühr' mich nicht an" geworden oder sie müssen sich gefallen lassen, als naturalistische Zerrbilder verwandt zu werden. Der edelmütige Jude, der Typus des weisen „Nathan", ist in Literatur und Kunst fast ganz zurückgetreten und man liebt es mehr oder minder, starke Chargen des Shhlock-Typus aufzuspüren. Ein Klagelied soll hier deshalb nicht angestimmt werden; die Moden des Tages kommen und vergehen. Fehlt doch auch in der Kunst dem modernen Genrebild längst die Sonne und das warme Gemüt, das vordem ein Vorzug gerade im deutschen künstlerischen Schaffen war. Wir sind heute zufrieden, wenn die Tendenz des Tages wenigstens nicht direkt einen Angriff bringt, oder wenn auch nur scheinbar unparteiisch Licht und Schatten gleich verteilt scheinen. Diese Gedanken müssen uns bei der Betrachtung einiger Genrebilder des diesjährigen Salons aufsteigen. Das dem Raume nach große Genrebild von Moritz Coschell (Berlin) „Die Abtrünnigen" ist ganz und gar naturalistisch, im Aeußeren fast einem Shylock ähnlich, wimmert hier schmerzvoll ein alter Jude der verlorenen Tochter eilt klagendes „Jessika, mein Kind!" nach. Die Mutter, durch das Haarnetz als fromme Jüdin charakterisiert, ringt die Hände, der Greis neben ihr, mit dem weißen Barte, der abwehrend die Hand erhebt, scheint jede Hoffnung auf Wiedergewinnung der „Abtrünnigen" aufgegeben zu haben. An dieser, die mit halb offener leichter Bluse vor ihrem Galan sitzt, der nach neuester Mode, beide Hände in den Taschen, trotzig, wie zum Schutze hinter ihr steht, scheint die Judenheit nicht gerade allzuviel verloren 31t haben. Der jüdischen Galiziergruppe links an der offenen Tür hat der Künstler noch eine heftig schreiende junge Jüdin mit einem Kinde auf dem Arm hinzugesügt und, uln den Gipfel naturalistischer Wahrheit zu ersteigen, putzt sich ein kleines jüdisches Mädcheil in der Ecke, unbekümmert um den tragischen Austritt, noch die Nase. Der moderne Lorenzo, ein selbstbewußter „Arbeiter", ein Blusenmann, verhält sich passiv gegenüber der in ihrer Faniilienehre gekräilkten jüdischen Gruppe, der der Künstler so starke Züge von Fanatismus ausgeprägt hat, daß wir verstimmt seine Absicht merken, für das Liebespärchen auf der anderen Seite die ganze Sympathie zu erobern. Das wird indes vergebene Mühe gewesen sein, denn Eltern sind eben Eltern und, wo der Eltern Segen nicht das Haus erbaut, da zweifeln wir — ein Blick auf das ungleiche Paar vor uns bestätigt diesen Zweifel — an der Dauer des auf sehr flüchtiger Grundlage erbauten Glückes. Jsmael Gentz, der Sohn des bekannten Orientmalers Wilhelm Gentz, ist ans der diesjährigen Ausstellung mit einem Aquarell vertreten, das der Künstler „Nichts zu machen" betitelt hat. Ein alter Jude mit einem schwarzen Käppchen auf dem Kopfe, ein rotes Bündel in der Hand, steht mit tief bekümmerter Miene auf der untersten Stufe der zu einem vornehmen Hause führenden Treppe, die er soeben, ohne seine Hoffnung auf ein in dem Palazzo zu erzielendes Geschäft erfüllt zu sehen, hinabgeschritten ist. Der Gegensatz zwischen der prunkvollen Umgebung und dem gramvollen, schmerzdurchfurchten Antlitz des alten Juden ist sehr gut wiedergegeben. Wenn wir uns bei dem Namen Gentz des mit orientalischer Glut gemalten, sonnigen Bildes in der Nationalgalerie erinnern „Einzug des Kronprinzen von Preußen in Jerusalem 1869", so enttäuscht uns das jetzt im Salon aufgestellte Bild von Hermann Knackfuß (Kassel), das den Einzug Kaiser Wilhelms II. in Jerusalem darstellt. Den Mittelpunkt bildet das Kaiserpaar mit Gefolge. Von weit und breit strömen Araber und Juden herbei, von letzteren weniger Männer als Frauen und Kinder, in weiße oder weiß und gelb gestreifte Tücher gehüllt; auf der linken Seite fällt ein hübsches jüdisches Mädchen auf, deren lange Wimpern ein mandelförmiges Augenpaar beschatten, auch ein paar kleine jüdische Mädchen verstärken in angenehmer Weise den Eindruck der bunten Staffage. Und doch läßt das ganze Schauspiel die Seele kalt; es fehlt die innerlich erwärmende Sonne, mit der die Gestalt Kaiser Friedrichs, von Licht durchflutet, auf dem Gentz'schen Bilde in die heilige Stadt einst einzog. Auch die mächtigen Pyramidenquadern gleichenden Mauersteine der Bauten Jerusalems verfehlen ihren Eindruck bei der Stumpfheit des Kolorits auf dem Bilde von Knackfuß in Saal 6. Das Bild von Jerusalem in Saal 29 von einem anderen Maler, das einen Gesamteindruck der heiligen Stadt wiedergeben will, erfüllt ebensowenig diese Aufgabe. In Saal33finden wir von Hirth du Franks ein landschaftliches Genrebild: „Alter Jndenfriedhof in Prag". Es ist ein verschneiter Wintertag, Krähen fliegen an den alten mit Schnee bedeckten Grabsteinen vorbei, die durcheinander stehen. Das kleine Bild, dessen Technik ziemlich mäßig ist, hängt noch dazu ungünstig an dunkler Stelle. Ob hier ein Stück des berühmten alten Prager Friedhofs der Alt-Neuschule wiedergegeben werden soll, ist nicht zu erkennen. Der spezifisch erhebende Eindruck, den alte Mazewoth mit ihren Inschriften auf jüdische Beschauer zu machen pflegen, geht verloren, weil