Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 406 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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406 Was mein alter Freund erzählt. Von Ludwig Weiß. II. ßj~t\va3 Eigentümliches fällt mir auf bei alten Juden, als deren Typus nur mein alter Freund erscheint. Es fehlt ihnen der Sinn für Naturschönheit. Vielleicht weil in der Engnis des Lebens, erst in die Ghettos eingeschlvssen, dann an die Scholle gebannt, auf der sie Handel treiben konnten, ihr Blick kurzsichtig ivurde, ihre Empfängnis für den Naturgennß nie befruchtet. Erst im Kontakt mit den gewaltigen Schwingungen des Daseins, erst als wir schwimmen gelernt im brandenden Strom des Lebens, weitete sich unser Auge und wir sahen die Welt und wir erkannten die Herrlichkeiten der Natur, und wir erfaßten sie in ihrer Vielfältigkeit und ihren Wundern. Als ich gestern neben meinem Freunde sitzend dem Rauschen des Meeres lauschte, als ich am fernen Horizont in sanften, reichen Farbentönen den Abglanz der zur Ruhe gehenden Sonne sich widerspiegeln sah und von der Schönheit dieses Anblicks ergriffen ausrief: Wie köstlich ist dieses Seegestade, sah er mich verständnislos an und sagte: „Merkwürdig ist nur. wie die Leit hier ins Wasser gehn und baden." Und dann in Plötzlicher Jdeenverbindung: „Bei uns in der Khille is man auch gegangen baden, aber in die Mikwe." Dann lachte er auf. „Eine komische Geschichte muß ich Ihnen noch erzählen von der Mikwe, Herr Doktor," und er begann: „Zu komisch is es gewesen, zu komisch! Also denken Sie sich, Herr Doktor, die Wohnung für den neuen Rabbiner, die damals der Tischler Josepf hat eingerichtet, war im Gemeindeschulhaus, neben der Mikwe. Diese hat gepachtet gehabt eine gewisse Frau Rahel Schwarz, die Tochter von Mansche Brody, was später nach Jeruschulajim is ausgewandert. Die Rose! war Witwe und man hat ihr die Pacht von der Mikwe zukoinmen lassen, damit sie etwas verdient und es war ä ganz feines Geschäft Herr Doktor, denn die Khille war groß und die Frauen haben, wie sichs gehört, ihr Bad genommen und wenn eine is nich pünktlich erschienen, hat Jewka es sofort erzählt, dem Vater von Frau Rosel Schwarz. Reb Mansche Brody, und in der Khille war ein Getuschel und Gered', und man hat gewußt, ivenn eine Szude wird sein beim Herr Goldstttcker oder beim Herrn Simmel. Jewka ivar nämlich die Magd von Frau Rosel Schwarz, und hat eingepnmpt das Wasser in den großen Kessel, von wo man es hat geleitet in die Badewannen und in die Mikwe. So was Mießes und Krummes wie Jewka hats gar nich mehr gegeben. Geschielt hat sie übers Quer und die schwarzen Haar hab'n ihr wie Zotteln um den Kopf gehangen. Die Kinder hab'n Furcht gehabt vor ihr und ivenn sie beim Badehalls vorbeigekommen sind, haben sie ängstlich durch den Zauil geguckt, um zu sehen, ob Jewka da is. ltn Jewka war immer da und hat den ganzen Tag Wasser eingepnmpt, denn in einer großen Khille wurden täglich Bäder bestellt. Man inußte sich nämlich vorher anmelden. Aber Jewka wußte schon immer im Voraus, heute kommt die Frau Simmel lind morgen die Frau Lewh und übermorgen die Frau Eisenberg. . ." Er blickte wie in Eriilnerung versunkeil vor sich hin. „Aber das Hab' ich nicht sagen wollen, Herr Doktor, sondern wie Jewka hat gepumpt, am Tage, wie der neue Rabbiner und seine Frau sind hier eingezogen. Am nächsten Tag hat sollen die Hochzeit sein von Fräulein Ulrike Ettinger mit dem Sohn von Herrn Kalmail Tarnowski aus Groschin. Eine große Chaffene und es war das erste Mal, daß der Rabbiner sollte Kiduschin geben in seinem neuen Amt. Für den Abend war die Mikwe bestellt und Frau Rosel Schwarz stand schon im schwarzen Seidenkleid, wie stets bei solchen Anlässen vor der Tür des Hauses und unterhielt sich mit ihrem Nachbar, dem Lotterielosehändler Jekel Herz, der immer nur in Reimen sprach. Jeden Augenblick konnte der Wagen mit dem neueil Rabbiner Vorfahren, die Leute sammelten sich schon um das Gemeindeschulhaus, und gegen Abend sollte die Mikwe besucht werden. Das warerl zwei denkwürdige Ereignisse an eiirem Tag. Im Hofe stand Jewka und pumpte unermüdlich. Eine lange Rinne führte von der Pumpe hinüber durch eine Luke nach deiil Kessel, der innerhalb des Hauses sich befand. Die ganze Einrichtung war sehr einfach, und wenn die Rinne voll war, dann lief sie über. Plötzlich verbreitet sich das Gerücht: sie kommen. Alle Leute sahen erwartungsvoll dem herannahenden Wagell entgegen. Die Ankommenden stiegen aus, höchste Spannung malte sich auf allen Gesichtern, da mit einem Mal erschallt ein Gequietsch und Geschrei und von einem Wasserstrahl getroffen, fahren die Leut auseinander. Jewka hatte vor Eifer so heftig gepumpt, daß die Rinne geborsten war und das Wasser emporspritzte, auf die, die unten warteten. Sie kennen sich das Gelächter und Geschrei denken, Herr Doktor. Frau Rosel Schwarz aber war verzweifelt und ries ein über das andere Mal: Was wird sein heit Abend? Nach und nach zerstreuten sich die Menschen, nur Jekel Herz blieb bei seiner Nachbarin und neckte sie: „As die Kalle »ich kann baden, Gibt es morgen keinen Fladen." Ja, seh'n Sie Herr Doktor, das waren so die Witz' und Scherz, womit man zu meiner Zeit sich in der Khille amüsierte. Aber an etwas Schlechtes hat oßer damals auch nur Einer gedacht. Der alte Herz, der immer Gereimtes sprach, war überhaupt eine ganz komische Person. Die Leute hatten ein kleines Mehlgeschäft und Hülsenfrücht' und derlei und daneben handelte er mit Anteilscheine an Lotterielose. Wer zu ihm kam in Laden, bekam immer ä Vers mit auf den Weg und die jüdischen Köchinuen ließen sich ihre Liebesbriefe von ihm schreibe». Gedichte, Herr Doktor, soll ich leben, wirkliche Gedichte. So ein Brief hat manchmal die ganze Gemeinde erheitert und wenns Glück gut is, kann ich noch einen auswendig. Ich wünscht', alles bei mir wär noch ä so gut wie mein Gedächtnis. Wollen Sie ihn hören, Herr Doktor? Die Bürgschaft von Schillern iS es nich, aber vielleicht mehr zum Lachen. „Aber selbstverständlich, mein lieber Freund, das denke ich mir nun ganz besonders charakteristisch. Ich bitte darum." Und dann deklamierte mein alter Freund: „Teurer Jonas, mein Geliebter! Lange wollt' ich Dir schon schreiben, Aber immer ließ ich's bleiben Wegen meiner Fran Madam, Die mich sehr in Anspruch nahm. Spaß, teilt sie mir aus Geseires Immer weiß sie etwas Neieres, Was sie tut von mir verlangen Während ich nach Dir tu bangen. Gestern will sie Pflaummnskreppel, Heute ausgebackne Aeppel. Spudebarches, Butterfische, Hefenknödel auf'm Tische. Stets die allerfeinsten Sachen Mnß ich für die Leite machen. Und ich tät es ach so gerne. Wärst Du, Jonas, nicht so ferne. Wärst Du hier bei die Soldaten, Macht' ich gern die besten Braten,