Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 405 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Seele enthält die Wärme als eine Eigenschaft in sich, welche, wie etlva der Verstand oder der Wille in und an der Materie lvirkend lvird: anima ealorem eontinet. Darum hat auch die Seele ihren Wohnsitz dort aufgeschlagen, wo ihr Feuerherd brennt, dem sie stets, wie das Prinzip seiner nächsten Wirkung nahe sein muß, im linken Herzventrikel nämlich: Thalamus eordis sinister est domicilium anirnae. Darum kann auch die Seele ihren Sitz nicht wechseln, sie kann im Leibe nicht herumwandern, denn die Herzbewegnng nrüßte aufhören, wenn das Wärme erzeugende, bewegende Prinzip dem Herzen fern wäre. Die Seele verhält sich also zum Leibe wies,das Feuer zum Stoff; wo kein Stoff ist, da ist kein Feuer; mit dem Körper vergeht daher auch die Seele, mit dem verbrennlichen Stoffe das Feuer. A. legt ein großes Gelvicht auf den Satz, daß die Seele ganz und ungeteilt im Herzen wohne. Damit setzt er sich in Widerspruch mit der von Augustinus (Vgl. Huber, Philvs. der Kirchenväter 1859. S. 290) herrühreuden, das ganze Mittelalter beherrschenden Ansicht, daß die Seele ganz im ganzen Körp er und ganz in jedem Glieds desselben gegenwärtig sei, wie auch mit der auf Platon und Galen — (in einer kleinen von Darenberg übersetzten Abhandlung sagt Galen: II ya trois especes d’ämes; ces trois Arnes habitent, Tune dans Ia foie, l’autre dans le coeur, Ia troisieme dans Tencephale. Oeuvres de Gaben (1854) I. 52—55. (Vgl. Lewes, Aristoteles, deutsche Ausgabe 1865, 237) — zurückzuftthrenden Anschauung, daß es mehrere Seelen oder Seelenteile gebe, welche in verschiedenen Körperteilen lokalisiert sind. Gegen beide betont er im 8. Kapitel der Schrift de motu eordis die Einheit, Einfachheit, Unteilbarkeit, Unbeweglichkeit der Seele, welche Eigenschaften es forderii, daß sie sich nur eines Werkzeuges und unausgesetzt bediene. Also ist das Herz nicht nur das prineipiuni vitae, sondern auch das prineipiuni sensus et motus, nicht nur die Stätte des leidenden, sondern auch wohl des tätigen intebeetus. Alle Nerven und Adern erstrecken sich daher nach dem Herzen zur Fortleitung der empfangenen Eindrücke. Dem psycho-physischen Organe, welches das Herz ist, entspricht ein psycho-Physischer Stoff, der Lebensgeist, den das Herz aus den rohen Stoffen bereitet. Die Seele schafft sich gewissermaßen einen neuen Stoff, den sie zum Vermittler zwischen sich und der groben Materie gebraucht. Der Begriff des Pneuma als belebenden und wirkenden Prinzips des animalen Lebens war dem Alfredus durch die antike Physiologie gegeben, aber die Alten verstanden darunter kein Aiittelding zwischen Materie und Geist, sondern einen körperlichen Stoff, wenn auch von subtilerer Beschaffenheit. Auch Galen läßt die psychischen Funktionen von einem Pneuma abhängig sein. Wie materialistisch er dies auffaßte, geht insbesondere aus jenen Stellen hervor, wo er von einer wirklichen Trübung des Pneuma spricht. „Trübung" war ihm kein Trozus; er dachte sich das Pneuma mit andern Stoffen vermengt, getrübt wie ein trübes Wasser." (Ed. Albert, Beiträge zur Geschichte der Chirurgie (Wien 1877) I, 28). Das Herz vergleicht Alfredus der Sonne, welche den ganzen Leib bestrahlt, das Gehirn einem Spiegel, welcher die empfangenen Strahlen auffängt und gewissermaßen in verstärktem Lichte zurückwirft. Doch hat Alfredus die besser« Einsicht nicht eigenen Untersuchungen zu verdanken, sondern der Schrift „de difl'erentia anirnae et spiritus“ und dem Galen, welcher die Auffassung des Aristoteles kritisiert und seine Verwunderung über dieselbe ausdrückt. (Oe usu partium, VIII, 3.) Es wird sonach die vielverbreitete, auch von Charles (Roger Bacon S. 219 ff.) geteilte Meinung zu berichtigen sein, daß Roger Bacon der erste gewesen sei, welcher eine richtigere Ansicht über die Bedeutung des Gehirnes und des Nervensystems der Auffassung des Aristoteles entgegenzusetzen den Mut gehabt habe. Bei allem Schwergewicht, welches er auf die Tätigkeit des Gehirnes legt, ist er jedoch sorgsältig bestrebt, den Schein nicht aufkommeu zu lassen, als betrachte er das Gehirn als den Sitz eines besonderen, von der Lebenskraft im Herzen verschiedenen Vermögens. Wenn Guido de Cauliaco das Herz als vilae prineipiuni, als instrumentuni oninium virtutuni, als eorporis et anirnae eompletum vinculum bezeichnet (Chirurg, magna. Tract. I., I)oetr. II, eap. V), so glaubt man Alfredus sprechen zu hören, und doch lassen sich alle Gründe, welche beigebracht werden könnten, eine Anknüpfung an die Schrift de motu eordis wahrscheinlich zu machen, durch Gegengründe erschüttern. Tatsache ist ferner, daß man im dreizehnten Jahrhundert verschiedenen .Modifikationen und Variationen der Hauptthesis, daß das Herz Seelenorgan sei, begegnet. Sie scheint überhaupt Gemeingut aller Gebildeten geworden zu sein. Auch Dante bekennt sich zu ihr. Das Gehirn sieht er als ein bloßes Behältnis der empfangenen Eindrücke an. Di« Seele wohnt im Blute und im Herzen, wo der Lebensgeist, der Gott des Leibes, seinen Sitz hat. In der vita nuova erzählt Dant«, wie in dem Augenblicke, als Beatrice zum erstenmale vor ihm erschien, „der Geist des Lebens, der in der verborgensten Kammer des Herzens wohnt," so heftig zu zittern begann, daß er in. den kleinsten Pulsen sich schrecklich offenbarte und zitternd diese Worte sprach: Sieh' ein Gott, stärker als ich; er kommt und wird über mich herrschen." Vgl. Ozanam, Dante und die katholische Philosophie. (Deutsche Ausgabe. Seite 99—101 und 267.) Auch die andern mit dieser in Zusammenhang stehenden Lehren der Schrift de motu eordis, daß das Herz der Sitz des natürlichen Feuers, die Quelle aller lebendigen Tätigkeit sei, daß der im Herzen gebildete spiritus vitalis das Physisch geistige Band zwischen Leib und Seele bilde, finden wir bei Platonikern und Aristotelikern der Renaissance wieder. Nach der Meinung des platonisierenden Eklektikers Giovanni Pico von Mirandola ist das Herz der vorzüglichste Sitz der Lebenskraft, der Zentralpunkt der bewegenden Kräfte, der Wärmequell und sensoriuni eonnnune, von welchem die Sinne wie fünf Arme eines Meeres ausströmen. Das mittlere, welches nach ihm die vernünftige Seele mit dem Körperlichen verbindet, ist ein ätherisch-körperlich gedachtes Pneuma. (Heptaplus, expos. quartae lib. IV, eap. I. und III.) Noch entschiedener subordiniert der berühmte Aristoteliker Andr. Caesalpini, — welcher wie Haller sagt, gewohnt war, die Dinge aus einem andern Sehwinkel zu betrachten, als die übrigen Menschen — alle Tätigkeiten dem Herzen, dem Zentrum des Lebens, von wo aus die Seele über ihre Aeußerungen in den Organen am Umkreise des Körpers herrscht. Daß das Gehirn das Organ der Seele, der Sitz der Empfindung, der Ursprung der Nerven sei, lvird nach seiner Meinung niemand sagen, nisi is, qui crasse haec contempletur. (Quaestiones Peripateticae [Venet. 1571] V, quaest. 3 und 6.) Zn ähnlichen Ansichten bekennt sich auch der unglückliche Michael Servet, der erste Entdecker des kleinen Kreislaufes in seiner Reslitutio ehristianismi (1552). (Forts, folgt.)