Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 404 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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404 dem sie in ihrem Sein und Wirken abhängig sind; also das Organ, das eine absolut bestimmende und durchdringende Macht auf alle übrigen ansübt — das Organ der Organe, durch dessen Funktion die Funktionen aller übrigen Organe erst möglich und wirklich werden. Welches aber ist das Organ der Organe, dem die allgemeinste Funktion, die Funktion der Funktionen ausschließlich zukommt? Gewiß kann dieses fundamentale Organ nur entdeckt werden aus seiner Funktion, nur erkannt werden, wenn man erkannt hat, was die fundamentalste, die allgemeinste Funktion hn Organismus ist, was die Funktion ist, von der alle übrigen unabhängig und bedingt sind, mit der und dllrch die sie bestehen, mit beveit Jutermittieren oder Aufhören auch ihre Wirksamkeit eingestellt ist. Die Fnnktion ist nach Alfredus das Leben. Erst auf der breiten Grundlage des Lebens, lehrt er, ist das mannigfaltige Spiel der übrigen organischen Tätigkeiten, wie Bewegung, Empfinden, Wahmehmen, Erkennen, Denken möglich. Die Seele ist irr erster Linie Lebenspriuzip; Leben der erste Akt der Form in der fähigen Materie, die Bedingung der Verwirklichung aller Vermögen in der Räumlichkeit eines Leibes. Lebe:: ist also die allen Formen und Stufen des Organischen gemeinsame Grundlage, und wo nur Leber: ist, da ist Seele. Alles roas lebt, ist also nach Alfredus beseelt, urrd nur das erweist sich als beseelt, welches Leber: zeigt. Animatum et vivens ad se invicem paria sunt. Wo eine Lebenserscheinung stattsiudet, da hat rr:an auf das r:otwer:dige Dasein einer Seele zu schließerr. Auch die nicht err:Pfir:denden Wesen, rvie die Pflanzen leben; auch der Embryo lebt aktuell, während alle übrigen Funktionen in ihn: nur potentiell vorhanden sind. IIitb das Leben ist in aller: dasselbe; als lebendige, beseelte Weser: unterscheiden sich r:ach Alfredus die einzelner: Geschöpfe nicht von einar:der. Das Leber: ist all^n der gemeinsarrre Grund, an der:: sich ihre verschiedenen Vermögen entwickeln. Ar: derr: Leber: partizipieren in gleicher Weise der Errrbrho wie der Jüngling, der Elefant rvie die Ameise. Es ist also die Grundfurrktiorr des beseelten organischen Leibes. Alle übrigen Funktionen desselben körnren durch Schlaf, Krankheit. Alter urrterbrochen oder aufgehoben werden, ohne sein Dasein selbst aufzuheben, nur das Leben nicht. Das Leben karrn nie schlafe::, nie durch Krankheit oder Erschöpfung seine Funktionen einstellen, in seiner Tätigkeit irrnehalten. Wenn seine Regungen innehälten, so tun sie es für immer. Das Organ, welches der Grundfunktion der Seele im Leibe, der:: Leber:, dient, wird daher auch das gesuchte Seelenorgan sein. Die Frage nach dem Seelenorgan verwandelt sich daher für Alfredus in die Frage nach dern Lebensorgan. Was ist also das domicibum vitae? Ist es der ganze Körper in aller: seinen Teile::, oder ein bestiirrmter Teil desselberr, oder sind es mehrere bestimrrrte Organe des Leibes? Alle Teile des Körpers können nicht gleicherweise als dem Leben als solcherr: dienende Organe betrachtet werden, den:: das Leben kann bestehen, obgleich viele derselbe:: zu Grurrde geher:. Mehrere oder einige können es auch nicht sein. Der:n jeder besonderen Tätigkeit, jedem besonderen Vermöge::, entspricht eir: durch seine zweckgemäße Einrichtung oder Beschaffenheit erkennbares Organ. So verschieden die Vermögen, so verschieden sind die Organe, in welchen sie sich aktualisieren. Ein und dasselbe Orgar: kann nicht die Tätigkeit mehrerer Vermögei: ermitteln, und eir: Vermögen nicht mehrere verschiedener: Zwecken dienende Organe Hervorbringen. Selbst die verschiedenen Arten eines Vernrögens, wie z. B. die einzelnen Sinne, welche dem Gesamtverrnögen der Sinnlichkeit untergeordnet sind, haben besondere Werkzeuge, durch welche sie in Wirksamkeit treten. Jedes Organ hat seinen eigentürulichen Wert, seine eigentümliche, in sich abgeschlossene Tätigkeit. Alle Momente, die zum Begriffe des Organismus gehören, sondern sich in den verschiedenen zu ihn: gehörigen Organen auf das bestimmteste. Differen tiarum virtutum diversa sunt organa. Subalternatarum virtutmn non eadem sunt instrumenta. Es muß also auch das Grund verurögen aller Vermögen, das Leben, ein be stimmtes Organ haben. Die Organe unterscheidet Alfredus in Haupt- und Nebenorgane (organa principalia und principalibus deser vientia) Hauptorgane sind Herz, Gehirn, Leber und Genitalien. Organ des Lebens kann keines der drei letzteren sein. Also kann e> nur das Herz sein, welchem alle die Eigenschaften zukommew welche jener: fehlen, un: als Organe des Leberrs erkannt zu werden. Die Bervegung des Herzens ist nämlich eine kontinuierliche, unausgesetzte Tätigkeit, die rächt aufgehoben, unter brocher: werden kann, ohne daß das Tier zu Grunde gehe. Auch geht vom Herzen der Lebensgeist aus, der in alle übriger: Glieder des Leibes eindringt, so daß sie, von dem lebenspendenden Mittelpunkte abgesondert oder isoliert, zu funktiv nieren aufhöreu. Herz und Leben sind also eins. Da^ Herz ist das Organ der Organe, der Wohnsitz des Vermögender Vermögen, die unermüdliche Werkstätte des Lebens. Cor igitur vitae domicilium pronuntio, so schließt Alfredus. Daruru hat der gütige Schöpfer weise vorgesehen, daß Venen und Arterien vom Herzen aus sich durch den ganzen Organismus verbreiten, damit, wie aus einer Quelle hervorbrechend, da> Leben Wege finde, den ganzen Körper zu durchströmen. Die Ansicht, rvelche Alfredus hier ausspricht, ist in letzter Jr:stanz auf Aristoteles zurückzuführeu. In der arabischen Philosophie und Medizin wurde sie mit Beihilfe des aus Galem Schriften Geschöpften zu einer Theorie entwickelt, welche längst in den arabischer: Schüler: von Bagdad bis Cordova diskutier! wurde, ehe sie in Alfredus ihren ersten Vertreter und Verteidiger irr: christlichen Abendlande fand. Alfredus wird sie zuerst aus dem im Anfänge des 13. Jahrhunderts vier verbreiteten und gelesenen Schriften des Avicenna kennen gelernt haben. (Liber canonis, übersetzt von Gerhard von Cre mona, Fen. I, Doctr. 5, Cap. I.) Das Gehirn kann vornehmlich deshalb nicht der Sitz der Seele sein, rveil seine Tätigkeit intermittieren kann, während die organische, die Lebenstätigkeit wesentlich kontinuierend sein muß. Unter allen Körperorganen zeigt nur das Herz eine solche Tätigkeit, welche keine Unterbrechung zuläßt. Also kann nur dieses als besonderes Orgar: der mit der Lebenskraft identischen Seele arrgesehen werde::. Alfredus anerkennt dir Mitwirkung des Gehirns beim Zustandekommen der Funktione-r der Erkeuntllis und der Bewegung, aber zu dieser Mitwirkung wird es nicht befähigt durch ein besonders in demselben lokal! siertes psychisches Prinzip, sondern durch die ihn: vom Herzen und der darin zentralisierten ganzen und einen Seele mitgeteilten Kräfte und Fähigkeiten. Die Seele verwirklicht ihr Vermöge:: in verschiedenen, zu verschiedenen Zwecke:: gestalteten Organe:? aber diese Aktualisierung ist nur denkbar vermöge eines alll übriger: beherrschenden Organes, des Herzens, in welchem fich Leib und Seele gewissermaßen wie in einen: Punkte berühren, und in dem alle eir:zelnen Organe selbst wieder eine Einheit bilden, ungeachtet ihrer unterschiedenen Bestimmungen und Funktionen. Es handelt sich, um mit Avicenmr zu sprechen, um den processus operationis der virtus vitalis im Herzen. Wie erweist sich das Herz als Lebensmittelpunkt und Berührungspnntt von Leib nub Seele, als Instrument der den physischen Leid informierenden Seele! Die causa principalis kann nur eine kor:tinuierlich wirkende, unerschöpfliche Kraft sein, welche nicht ermüdet und erlahrrrt, irrnner neues Lebensöl auf den Docht des Herzens zu gießen,