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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-21 · Heft 34 (21.8.1903) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 402 (sequence 8)
Language
German
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402 resp. mSriti heißen durchaus nicht Ziel oder Zielen, sondern „Richtung" resp. „Richten" oder (Abstand)-Messen. Und dem Pfeil z. B. die Richtung „nach" einem fliehenden Tier geben oder - den Speer „gegen" ein anspringendes Tier richten einerseits und das Tier als „Ziel" auffassen oder es als Ziel „treffen" andererseits sind so verschiedene Begriffe oder Tätigkeiten, wie die Handlung mit einer Endabsicht und das Resultat selbst. Das Wort konec Ende ist aber ebenfalls von „Richtung" und „Ziel" verschieden, wenngleich alle drei Begriffe, d. i. die Richtung der Tätigkeit, das Richtungsobjekt und der Abschluß der Tätigkeit (z. B. Jagd) Zusammentreffen können. In gleicher Weise hat der Russe, neben seinem andersdeutigen mepy und konec das deutsche Wort in cel rezipiert. Für „Treffen", das ja ein feindliches und freundliches, ein körperliches und geistiges Erreichen sein kann, hat der Czeche ebenfalls kein Abstraktum, sondern nur die Konkreta des Ergreisens und Erhaschens (ulioditi, desälmouti) resp. der Russe das des Ergreifens (popaäat). Ganz so ist's mit dem Lateiner und Griechen. Der Lateiner kannte kein „Ziel", sondern nur den anderswertenden Begriff „Ende" (tinis) und drei, man könnte sagen, Sportausdrücke : scopus, nieta und tenniuus, die handgreiflich auf die Konkreta, die Richtungs-Objekte des Einschießens und Einfahrens und die Lanf-(Fahr)-Grenze uns Hinweisen, die übrigens griechischen Ursprungs sind. Demzufolge kannte der Lateiner auch nur icere i'erire (scopum) und tangere usw. Das Griechische tkjij« (Wettlaufs-Grenze) und rt).o£ (Ende, Vollendung) sind begrifflich etwas anderes als — Ziel. Und da sollten die sprachlich viel tiefer stehenden S einiten nicht nur das hohe Abstraktum „Richtung" oder „Ziel" gekannt, sondern es noch nach zwei Seiten hin verarbeitet haben, indem sie es einerseits zum — Gottes begriffe emporgehoben (!) und andererseits zu der bloßen Präposition „zu" herabgedrückt (!) haben! Und diese zwei gegensätzlichen Richtungen sollten noch dazu bei dem hoch st werte «den, dem Gottheitsbegriffe, platzgegriffen haben. Dem abrahamitischen Semiten ist es schon im Dekalog verboten worden, den Namen Gottes vergeblich auszusprechen. Deshalb läßt sich schwerlich annehmen, daß er für die Alltäglichkeit einer Redensart, wie licet tibi u. a. die Umschreibung mit einem Worte, das den Gottbegriff aus drückte, ge>vählt und das Wort der Heiligkeit zu — Präpositionen (!) gebraucht habe. Endlich sollten schon die „ältesten" Semiten sich die Gottheit im Himmel oder gar über dem Himmel thronend gedacht und „deshalb" ihre Augen dahin „gerichtet", dahin „gezielt" haben? Die Stellen der Bibel über Jakobs Flucht und Dans Kriegszug u. a. lassen aber keinen Zweifel darüber, daß sich noch die Israel-Semiten, die gegenüber ihren feindlichen Nachbarn religiös-ethisch ziemlich fortgeschritten waren, den Sitz der Gottheit in einem Hause, in einer Lade u. a. gedacht haben. Und selbst die hochstehenden Salomvniten dachten sich Gott noch immer in einem kleinen Raum eines auf dem Erdboden fußenden Hauses, dem Allerheiligsten des Tempels, thronend. Die vermeintlich aus Babylon entlehnte Darstellmlg des Sündenfalles „läßt gar Gott in der Abendkühle im Garten Eden lustwandeln". Das „im Himmel wohneride, Himmel und Erde regierende, göttliche Wesen" als „Ziel der Richtung der Augen und der Sehnsucht des Menschen" dürste daher den „ältesten" Semiten ebenso fremd gewesen sein, wie ihnen, bei ihrer götzenfratzenhaften Darstellung der Götter, der Begriff des unvorstellbaren Gottheitswejeus unbekannt gewesen sein mußte. In der Geschichte Een. 11 von dem Turmbau, Gen. 28 vom Jakobstraum, Ex. 19 von Sinaioffenbarung rc. einerseits ist zwar der Gott Israels im Himmel wohnend vorausgesetzt, und andererseits hatten die babylonischen Götter von jeher solaren bezw. hinnnlischen Charakter, aber von der „Richtung der Augen" zum Himmel empor, bis zur „Sehnsucht" des Herzens nach Gott im Himmel und seiner Erfassung als „Ziel" ist ein gewaltiger Sprung, der über Jahrtausende der Menschen- und Religionsgeschichte hinwegsetzen würde. Herr Professor Dr. Sellin, der dem sprachgeschichtlichen Teile dieser meiner Ausführung zuzustimmen die Freundlichkeil hatte, machte mich aufmerksam, daß e 1 tatsächlich fünfmal im alten Testamente (Gen. 31, 29, Deut. 28, 32, Micha 2, 1, Proph. 3. 27, Reh. 5, 5) Macht (oder Stärke), niemals aber „Ziel" bedeute. Durch den Versuch der Wort-Klitterung: „Ll--Ziel" wird man ans dem Götzenfratzen verehrenden Babylonier ebenso wenig einen Monotheisten machen, wie man aus zufälliger Wortgleichheit, richtiger Wortklangähnlichkeit, auf Entlehnung einer ganzen Weltanschauung eines Volkes schließen darf. Daraus, daß z. B. das „Ei" im Hebräischen und Slavischen, dann „Sack", „Kiffe" (Stuhl) rc. im Deutschen und Hebräischen sich nicht vielleicht bloß ähneln, sondern gleich lauten, weil z. B. der Slave und der Hebräer die Versetzung des Infinitivs als Verstärknngsart für das gleiche Verbmn kennt (z. B. somam, tismalr) einen Kulturzusammenhang konstruieren zu wollen, wäre ebenso widersinnig, als aus der Art der Worthäufimg die Erhebung einer bestimmteu Zahl zu einer „heiligen". Ein Jude liest mit demselben Erstaunen die Delitz sch e Annahme, daß die Dreizahl oder Siebenzahl „heilig" sei, wie er erstaunt liest, daß irgend eine jüdische Sekte existiere oder existiert habe, die Blut zu Ritualzwecken gebraucht haben solle. Mit demselben Rechte resp. Unrechte könnten die Juden den Christen die „Heiligkeit" der Zweizahl, der Zahl acht, vierzehn imputieren, weil ihr Religionsstifter in den schwersten Stunden seines Erdenwallens zweimal ausgerufen hat: „Vater, Vater, laß den Kelch an mir vorübergehen", bezw.: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" resp. weil die Zahl der Generationen des Stifters mit dreimal vierzehn angegeben wurde, oder in der im 2. Epistel Petri die Abstufung vom Glauben zur Wohltätigkeit eine achtgliedrige ist rc. Zum Schluß noch eine Bemerkung: Zum Beweise der angeblichen Minderwertigkeit oder besonderen Sündhaftigkeit der jüdischen Semiten beruft man sich auf die Strafpredigten der Propheten gegen Könige und Volk und zum Beweise der Hochwertigkeit der affyrischen Semiten beruft sich Delitzsch aus die Selbsthymnen eines Assyrerkönigs. War Nero oder Justinian deshalb ein edler und weiser König, weil während seines Lebens ausgestellte oder geschriebene Denkmäler ihn als solchen priesen? Und ist das Zeitalter des Sonnenkörrigs und der deutschen Duodezfürsten und Seelenverkäufer deshalb weniger lasterhaft gewesen, weil sich damals kein Prophet gefunden hat, der, gleich den jüdischen, den Mut und das Gewissen hatte, öffentlich über König und Volk den Stab zu brechen? Da aber das Amt des jüdischen Propheten nicht darin bestand, zu loben, wie ein Hofpoet oder königlicher Archivar, sondern zu mahnen und zu strafen, so finden sich naturgemäß in den jüdischen Prophetenbüchern überaus viele Klagen über des Volkes und der Könige Schlechtigkeit, während die Lobeshymnen ans des assyrischen Volkes Könige sich vorfinden in den — Königsarchiven. Julius Bauer hat den trefflichen Spruch getan: „Moses' Bibel hat einen Kopernikus ertragen, sie wird ein Delitzsch auch nicht erschüttern." Und was die vielenorts geäußerte Freude über die kühnen Versuche, den Juden das Prestige zu rauben, daß sie Empfänger der Offenbarung und das gottauserwählte Volk sind, anbetrifft, so mögen sie sich trösten: Es kann ihnen nicht schlechter ergehen, wenn man sie sürderhin nicht mehr „gottauserwählt" und als „Offenbarungsträger" und „Spender des Gotteinheitsglaubens" ansehen würde, als es ihnen bisher

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