Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- Seite 400 (sequence 6)
- Language
- German
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400 Ser Jahresbericht der „Jewilh Eo1rmj?stion Moriation." Ui. Kanada. 1. Das Baron Hirsch Institut zu Montreal, welches sich hauptsächlich mit dem Empfang und der Unterbringung von jüdischen Einwanderern beschäftigt, hat im Berichtsjahre mit Hilfe der .7. C. A. ein großes Schulgebäude für 476 Schüler errichtet. 2. Der Hirsch-Kolonie geht es so gut, daß die Gesellschaft den Entschluß fassen konnte, sie vollkommen sich selber zu überlassen. Die Kolonie wird in der Folge iu den Jahresberichten der J. C. A. nicht mehr figurieren. Ein Beamter der kanadischen Regierung, welcher im Berichtsjahre die Kolonie revidiert hatte, stellt den Kolonisten ein glänzendes Zeugnis aus und schildert sie als sehr intelligente, fleißige Arbeiter, die energisch, stolz und freiheitsliebend, unter allen Umständen ihren Weg finden werden. Es sind 26 Familien mit 81 Seelen, die 18 Häuser nebst Zubehör, 52 Pferde und 146 Kühe besitzen und 415 da Land angebaut haben. 3. Eine neue Kolonie bei Qu'Appelle. Auf Betreiben einiger Londoner jüdischer Notabeln hat der kanadische Kommissar für Auswanderungswesen sich 360 rumänische Juden ausgesucht, die in der Nähe der Festung Qu'Appelle in der Provinz Assiniboia als Kolonisten angesiedelt werden sollten. Die 3. C. A. zahlte die Ueberfahrt nebst einer gewissen Barsumme pro Familie, während die Regierung jedem Ansiedler Haus, Vieh, Ackergeräte nebst 65 Hektar bereits mit Getreide bepflanzten Bodens zu geben versprach. Die erste Partie von 100 Emigranten gelangte wohlbehalten nach ihrem Bestimmungsorte und heimste gleich nach ihrer Ankunft eine reichliche Ernte ein. Bei der ein Jahr darauf versuchten Landung der zweiten Partie mit 50 Familien passierte ein Zwischenfall: Unter den Emigranten brach die Diphtheritis aus. und sie mußten eine langwierige Quarantäne durchmachen. Als sie viel zu spät für die Ernte, endlich vor Qu'Appelle anlangten, fand sich, daß weder Vieh noch Ackergeräte von den Behörden für sie bereit gestellt waren. Ein großer Teil der Emigranten verlies sich infolgedessen, während der Rest, im ganzen etwa 200 Personen, auf der neuen Kolonie verblieben ist. IV. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wirkt die J. C. A. in Verbindung mit dem Baron Hirsch-Fond und der jüdischen Hilssgesellschaft für Ackerbau und Industrie. Jur Verein mit ersterem fördert sie die Kolonisationsversuche in New-Jersey und die Industrieschule zu Newyork, während sie zusammen mit der letzteren das System der Einzelfarmer betreibt und die Evakuierung des Newyorker Ghetto zu bewirken sucht. 1. Woodbine. Die vor 12 Jahren errichtete Kolonie hat sich zu einem ansehnlichen Orte entwickelt, in welchem nebst Ackerbau in 7Fabriken mit 419 Arbeitern auch Industrie betrieben wird. Die Arbeiter verdienen gegen 32 Mark die Woche und können den jüdischen Bauern zu guten Preisen die Produkte ihrer Milchwirtschaft, der Hühnerzucht und der Gemüsegärten abkaufen. Woodbine hat von der Regierung jetzt Stadt rechte erhalten und stellt demnach den einzigen Platz auf Erden dar, an dem die Juden unter eige uerVer waltu ug leben. Die Ackerbau sch ule zu Wood bi ne hat im Berichtsjahre eine wesentliche bauliche Erweiterung erfahren und ihre Schülerzahl ist gleichzeitig von 120 auf 158 gestiegen. Von den 58 Zöglingen, welche in diesem Jahre die Anstalt verlassen, haben jedoch nur 26 — 45 Prozent den ganzen Unterrichtskursus durchgemacht. Dasselbe läßt sich auch von der 2. Industrieschule zu Newyork sagen, welche den Zweck hat, erwerbslosen Immigranten binnen weniger Monate eine leicht zu erlernende Profession beizubringen. 16 Prozent aller Schüler verlassen den kaum drei Monate dauernden Kursus vorzeitig. In den letzten drei Jahren hat die Industrieschule 437 Einwanderer ausgebildet. 3. Die Einzelfarmer. Im Verein mit der „Jewish agricultural and Industrial aid Society“, welche in Chicago jetzt eine Filialgesellschast besitzt, hat die J. C. A. 80 Farmern Darlehen im Gesamtbeträge von 41517 Dollars gewährt. Die Filiale in Chicago hat überdies 56 neue Farmerfamilien mit im ganzen 302 Seelen in 7 Bundesstaaten etabliert. 4. Die Versuche zur Eva kuierung der großen amerikanischen Ghettos werden mit etwas besserem Erfolge als bisher fortgesetzt. Die Einwanderer werden bereits am Landungsplatz in Ellis Island von Beamten der Gesellschaft abgefangen und zur sofortigen Weiterfahrt zu bewegen gesucht. Der Erfolg war, daß 3208 Emigranten Newyork verlassen haben und weiter ins Hinterland gegangen sind. V. Cypern. 1. Margo Tschiflik. Die Kolonie umfaßt jetzt 1114 Hektar, von denen 289 in Anbau genommen worden sind. Die Ernte war aber noch schlimmer als im Vorjahre, das seinerseits schon ebenfalls sehr viel zu wünschen übrig ließ. Von den sieben Kolonistenfamilieu haben daher wiederum zwei den unglückseligen Platz verlassen. Es sind noch fünf Kolonistensamilen, vier ehemalige Schüler von Mikweh Israel und vier eingeborene Pächter in Tschiflik vorhanden. Die Gesellschaft fährt aber fort, das Anwesen zu verbessern und weiter auszustatten. Im vorigen Jahre hat die 3. C. A. für Cypern 10 000 Mark übrig gehabt. 2. Neuer Ankauf. In diesem Jahre hat die d. Q A. auf Cypern eine weitere Erwerbung von 400 Hektar Land gemacht. Es handelt sich um die Margo Tschiflik benachbarte Domäne Cholmakchie. Das Land wurde bis auf weiteres an sieben Eingeborene verpachtet. VI. Anatolien. Die 2587 Hektar umfassende Domäne Gr. Je hu da hat 946 Hektar brauchbaren Boden. Von diesen sind 167 an 22 Personell, darunter 5 Juden verpachtet, 121 all 84 Griechen vermietet ltnb 157 in eigener Regie bearbeitet. Die Ackerbauschule von Gr. Jehuda zählt jetzt 54 Zöglinge. Domäne und Schule haben im Vorjahre 241 806 Mark erfordert. VH. Rußland. Nebst den Kolonien in Argentinien wendet die 3. C. A. mit vollem Recht ihr Interesse den Juden Rußlands zu. Ein mit großen Kosten im vorigen Jahre (65 000 Mark) in Petersburg unterhaltenes Zentralkomitee dient dem Verwaltungsrat gleichzeitig als beratende Körperschaft und ausführendes Organ. In erster Reihe fördert die J. C. A. in Rußland 1. das Unterrichtswesen, wobei sie, auf dieser Bahn weiterschreitend, sich jetzt nicht mehr mit Erziehungsanstalten begnügt, sondern auch immer mehr reine Bildu ngsanstalten zu fördern beginnt. In diesem Jahre wurden unterstützt resp. vollständig unterhalten: 5 Acker- und 2 Gartenbauschulen mit einem Landbesitz von 1188 Hektaren, 20 Lehrern und 163 Schülern. Ferner zählen wir 13 Handwerkerschulen mit 1400 Zöglingen, 7 Industrieschulen für Mädchen mit 998 Schülerinnen und 2 gemischte Anstalten mit 300 Knaben und 328 Mädchen. Im ganzen werden also in Rußland nicht weniger als 3241 jüdische Kinder zu tüchtigen Landwirten und modernen Handwerkern erzogen. Dazu kommen noch zwei einfache Arbeitsstuben, in denen 52 Mädchen nützliche Handarbeiten erlernen. Die Zahl der Arbeitsstuben ist in Wirklichkeit bei weitem größer, da die meisten Handwerks- und Industrieschulen solche Arbeitsschulen zur praktischen Erlernung zahlreicher Berufe nusweiseu. So zählen wir im Bericht nicht weniger als 20 solcher Werkstätten, in denen 1953 Knaben und Mädchen einen Beruf erlernten. Leider wird die Wirkung dieser mit großen Kosten verbundenen Anstalten — im Jahre 1901 wurden für Unterrichtszwecke 446 321 Mark verausgabt — durch die große Armut der Juden zum wesentlichen Teil wieder illusorisch gemacht. Von 550 Zöglingen, die im Berichtsjahr die Anstalt verlassen haben, haben nur 205 den ganzen Unterrichtskursus durchgemacht, 345 --- 63 Prozent aller Zöglinge mußten den Unterricht vorzeitig unterbrechen, da ihre notleidenden Angehörigen sie nicht länger ernähren konnten. resp. auf die Kinderarbeit angewiesen waren. Diese Zahlen sollten dem Verwaltungsrat der 3. C. A. zu denken geben und seine Aufmerksamkeit auf die Pflege der Abend- und Sonabendschulen für Erwachsene lenken. Einstweilen schreitet die d. C. A. auf der^ nach unserer Ansicht falschen Bahn weiter, und hat sich von dem unter Vorsitz des Baron Horaz Günzburg wirkenden „Verein zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden" immer mehr zur Unterhaltung von reinen Bildungsanstalten verleiten lassen. Die Zahl der von der 3. C. A, alljährlich in Primarschulen unterrichteten jüdischen Kinder ist von 1760 im Jahre 1901 auf 5550 im Berichtsjahre an