Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Guirlanden und Blumen geschmückten Platz geleitet. Nach dem Minchagebete und dem Chorgesattge „Herr, wir dankett Dir", richtete Vorstandsvorsitzender H u g o Schuck eine längere Ansprache an Dr. Dienemann. Im Namen der ganzen Gemeinde bot er ihm zunächst ein herzliches Willkommen. Mit eindringlichen Worten gab er der festen Zuversicht Ausdruck, daß Dr. Dieuemann sein ganzes Wissen und Können in den Dienst unsrer Gemeinde stellen, daß er mit ganzem Herzen Anteil nehmen werde an Frend und Leid der Gemeindentitglieder und seinen ganzen Eifer anwenden werde, Religiosität und Treue zum Herrscherhause in unserer Gemeinde zu pflegen. Hierauf wurde der Rabbiner von Herrn Hugo Schuck in sein Amt eiugeführt und durch Handschlag verpflichtet. Nach einem Sologesänge des Oberkantors S ingermann hielt Dr. Dienemann seine Antrittspredigt. In forinvollendeter Rede kennzeichnete er den Beruf des Rabbiners als den eines Nachfolgers der Priester, der Propheten und der Schriftgelehrten. Besonders betonte Dr. Dienemann, daß er stets bestrebt sein wolle, die Worte Hitlels „den Frieden zu lieben und zu fördern" zur Richtschnur seiner Amtstätigkeit zu machen. Er schloß seine Rede mit einem Gebet für Kaiser. Reich und Behörden und mit dem Segen an die Gemeinde. Nach dem Gesänge des 150. Pfalmes schloß der feierliche Akt. 8. Breslau, 3. August. Die Beerdigung des plötzlich an Gehirnschlag verstorbenen Herrn Stadtrats Kraemer fand am 28. v. M. unter zahlreicher Beteiligung statt. In der Villa an der Iägerndorferstraße, wo der Sarg inmitten eines reichen Blattpflanzenarrangements anfgebahrt war, hatte sich eine große Menge Leidtragender eingefunden, darunter auch der Regimentskommandeur Oberstleutnant Liman und der Landrat Dr. Zßmer, die Mitglieder des Magistrats mit dem Beigeordneten Geheimen Sanitätsrat Dr. Kober an der Spitze, sowie die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung; den Trauerzug eröffnete die Stadtkapelle, der der vollzählig erschienene Kriegerverein folgte. Vor dem Sarge wurden auf einem Kissen die Ehrenzeichen des Verstorbenen getragen. Dem Leichenwagen folgten die Angehörigen des Dahingeschiedenen und ein außerordentlich zahlreiches Trauergesolge. Auf dem Friedhofe hielt Prediger Dr. Tiktin die Gedächtnisrede. Die rituellen Gesänge führte Herr Kantor Liebel aus. Die zahlreiche Beteiligung an der Trauerfeier war ein Beweis dafür, welch großer Beliebtheit der Verstorbene sich in allen Kreisen der Bevölkerung unserer Stadt erfreute. 8. Breslau, 4. August. Wie wir bereits in unserer vorigen Nummer mitteilten, starb hier nach langem, schweren Leiden im Alter von 62 Jahren der Kaufmann Isidor Freund. Eine ideal veranlagte Natur, voll streng rechtlicher Gesinnung waren Gotteslehre, Gottesdienst und wohltätiges Wirken die Richtschnur seines Lebens. In streng orthodoxem Sinne hat er auch seine Kinder erzogen, von denen noch 11 ain Leben sind und welche, zunr Teil bereits in geachteter Lebensstellung befindlich, noch heute sämtlich nach der Tradition leben. Der Verblichene besaß ein für heutige Verhältilisse ungewöhnliches Wissen in der hebräischen Literatilr, wie es sonst nur bei Fachgelehrten anzutreffen ist, und, trotzdem er durch seinen Berus voll in Anspruch genomnien war, hat er dieses Studium nie vernachlässigt. Bei aller religiösen Strenge lvar er von großer Milde und Toleranz, und in weiten Kreisen erfreute er sich deshalb allgemeiner Hochachtung und Wertschätzung. Obwohl er nie nach Aemtern gestrebt hatte, lvar er im jüdischen öffentlichen Leben in hervorrageildem Maße beteiligt. Den Verein zur Förderung jüdisch-religiöser Jnteressell half er mitbegründen und war lange Zeit dessen Vorstandsmitglied, viele Jahre hindurch gehörte er dem Vorstande des Vereins für Jugendgottesdienst an. In unermüdlichem Eifer widmete er ferner die reichen Gaben seines Geistes uild die Schätze seiner Erfahrung dem Verbände zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder, jenem ulustergültigen Institute, welches unter seiner Mithilfe vor 12 Jahren ins Leben gernsell wurde, dessen Vorstände er bis zil seinem Tode angehörte und lvelches sich in segensreichster Weise zunl größten Vereine in Breslau entlvickelt hat. Mit seltenem Geschick hat er den Verband über Fährnisse ulld Krisen hinweg geleitet und dessen ferileres Bestehen gesichert; er war die Seele des Vereins, dessen glänzende Höhe wesentlich seinem gedeihlichen Wirken zu verdanken ist. Der Verband hat es sich deshalb auch ilicht nehmen lassen, dem nunmehr Heimgegangenen das Ehrenbegräbnis ausznrichten, das unter ungelvöhnlich großer und ehrender Teilnahme lveiter Kreise stattfand. In Vertretling der Gemeinderabbiner hielt Rabbiner Dr. Deutsch-Breslau, ein Iugendfreund des Verstorbenen, eine tiefempfundene Gedächtnisrede. Gleichzeitig im Namen der Familie rief der Sohn des Verblichenen, Rabbiner Dr. Freun d-Ostrowo, dem Vater herzliche Worte des Gedenkens nach. Als Vertreter des Verbandes zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder schilderte Herr Theodor Oschinsky das vorbildliche Walten des Toten ttnb würdigte die großen Verdienste, welche der Tote in rastlosem Eifer sich um den Verband erworben. Dem Verewigten ist ein treues uud dankbares Gedenken in Breslau itnb weit über Breslaus Mauern hinaus, wovon die zahlreichen, der Familie übersandten Sympathiekundgebungen Zeugnis abgeben, gesichert. Witten, 7. August. Am 1. September d. I. wird der Lehrer an der hiesigen israelitischen Schule, Herr Jacob Ostlvald, nach ungefähr 44jähriger Amtstätigkeit (seit 1863 amtiert er in Witten) ill den wohlverdienten Ruhestand treten. Ostlvald ist eine stadtbekannte und sehr beliebte Persönlichkeit. Ja es gab eine Zeit — als er tu den Jahren der Kraft sich befand — da war Ostwald einer der populärsten Männer Wittens. Trotzdem er während der ganzen Zeit seiner Amtsführultg in hervorragender Weise seine Schuldigkeit in Schule und Synagoge tat (Herr Ostwald bekleidete auch das Amt eines Kultusbeamtett in der israelitischen Gemeinde) und es allzeit ernst nahm mit seiner Pflicht, fand er noch Zeit für Vereine und unser Gemeinwesen. Von Bedetltung lvaren seilte Leistuttgen in dem Bildungsverein; eine hervorragende politische Tätigkeit hat er einst an der Seite seines Freundes Louis Berger-Witten entfaltet. Zahlreich sind daher seilte Freunde in hiesiger Stadt. Diese fandet: sich danlt am Schlüsse des Semesters in dem großen Voß'schen Saal zusammen, um beit verdienten Mann durch einen Abschiedskommers zu feiern. Obwohl Herr Ostwald in der ihm eigenen Bescheidenheit und mit huntorvollem Hinweis auf seilten f(einen Körperbau gebeten hatte, matt möge doch „um eitler solchen Kleinigkeit" willen nicht so viel Aufhebens machett, so hatte matt es sich doch nicht ttehmen lassen, ihm eine würdige Ehrung zu bereiten. Hittter Grün versteckt, befand sich eilte Musikkapelle, die ihre Weisen ertönen ließ, als Herr Ostwald, geschmückt mit dem Hohettzollernschen Hausorden, geführt Volt zwei Komiteemitgliedern den schön dekorierten Saal betrat. Alle Anlvesettden — an die 200 — aus den erften Kreiselt Wittens erhoben sich 31t seiner Begrüßung von ihren Plätzen. Bankier Moritz Hanfs eröffnete darauf den Kommers, hieß die Anlvesenden willkommen, wies auf die Bedeutung des Abends für die versammelte Ostwaldgemeinde hin ttnd weihete das erste Glas dem Kaiser, worauf die Nationalhymne stehend gesungen wurde. Nachdem alsdann das Kommerslied „Brüder reicht die Hand zum Buttde" verklttngen war, ergriff Battkier L. Hauff das Wort zur Festrede. Er hob die Verdienste des Emeritus um Schule und Syltagoge in würdiger Weise hervor uttd dankte namens der Gemeindevertretung, deren meiste Mitglieder aus mancherlei Gründen am Erscheinen verhindert waren, in bewegten Worten für das, was Ostlvald in der Gemeinde während der langen Jahre geleistet. Seine Worte klangen iit dem Wunsche aus: Herrn Ostwald möge noch eilt recht langer uttd heiterer Lebensabend beschieden sein! Nun folgte Toast auf Toast; jeder schloß mit einem Hoch auf den Gefeierten. Zahllose Glückwunschdepeschen lvaren int Laufe des Abends von austvürtigen Freundelt und Schülern, sogar aus dem Auslände eittgegattgen. Jlt sinnigett Liedern hattett die Herren Felix Bttchthal, Ludwig Hattff, Dr. Marx, Paul Bethge, August Dreier und andere den Euteritus und seine Familie gefeiert. Manches schöne Wort wurde noch gesprochen; das bedeutsamste vielleicht vott Herrn Ostlvald selbst. Mit eitler Gedächtniskraft uttd Geistesfrische, die wohl alle in Erstaunen setzte, dankte er für die Ehrungen, die man ihm bereitet, auf jede eiltzelne vorher gehaltene Rede kam er dabei in eingehettder Weise zurück, alles von dettt Gesichtspunkte aus betrachtend, daß die Konfession nicht trennen dürfe, sondern einen solle. Er habe sich stets nach dem Lessing'schen Werte gerichtet, wonach jeder zuerst Mensch uttd dantt Bekenner von Religion sei. Von diesem Standputtkte aus habe er stets seilt gattzes Tutt eiltgerichtet, und wenn er Anerkenttung Etttgegenkommen ttttb Wohlwollen gefunden, so sei das hauptsächlich dieser Anschauung 31t verdanken, mit der er allzeit ausgekommett tntd die empfehlenswert für jeden sei, der int öffentlichett Leben stehe. Er danke allen für die Liebe, die sie ihm gezeigt. Seinem heißen Gefühle für Witten könne er tlicht besser Ausdruck verleihen, als durch den Wunsch, daß sie weiter wachsett, blühett uttd gedeihen möge. Lauter Beifall folgte diesen Ausführungen.