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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-14 · Heft 33 (14.8.1903) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 33 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
Seite 395 (sequence 13)
Language
German
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395 Tag hatte sie gebraten und gekocht ... wie sich's gehört zu dem Feiertag. Und die Rarchesdecke hatte Matchen gestickt, auf feine» Canevas mit Seide und Perlen. Zwei Löwen, was halten die hadibros, darüber eine goldene Krone und darunter in hebräischen Lettern aus veilchenblauer Seide die Broche. Diese Bilder zogen an seinem Geiste vorüber, als er Glas auf Glas einschänkte und es ablehnte, daß einer seiner Söhne ihm dabei behilflich war, „denn das schickt sich nich für ä studierten Mann", hatte er gesagt. Was ich Ihnen hier erzähle, das hat damals der Herr Rechtsanwalt Munk, was is direkt von Breslau gekommen, alles gesagt in seiner Verteidigungsred . . . Das Glück von Josef Glaserfeld hat nämlich nebbich ä sehr mißen Soff genommen. Es war schon gegen Abend und die Schänk war fast ganz leer. Der Tag war sehr heiß gewesen, wie ein verspätigter Sommertag. Anfangs September. Die Leit saßen draußen im Freien, am Chansseegraben oder in ä Wirtshansgarten, und Josef zählte seine Kasse nach und machte sich bereit, das Geschäft zu schließen. Neben dem Schanktisch befand sich eine Treppe, die zum Keller führte. Die Falltür stand offen, weil er noch einige Flaschen eingefüllt hatte, und dann den dort ebenfalls lagernden, „fein gezehrten" Ungarwein zum Kidduschmachen und zur Abendtafel heraufgeholt hatte. Schmunzelnd las erdie Etikette . . . „fein gezehrt" . . . Das war etwas für sein Weib und seine Kinder und auch für ihn, au einem Jontow, wie heit. Verächtlich beinahe schänkte er ein Glas Branntwein ein, das eilt betrunkener Bauer, der soeben eiugetreten war, verlangte. Er kannte den Mann. Es war ein einmal sehr begüterter Hofbesitzer, mit zahlreicher Familie, der sein Hab und Gut nach und nach versoff. Ein Gefühl des Abscheus beschlich den Branntweinschänker und unwillig schob er ihm das zweite Glas zu, das er begehrte. „Sag' mal Jud'" . . . sing jetzt der Bauer an, der sich auf den Schänktisch lehnte, um seinen schwankenden Beinen einen Stützpunkt zu schaffen. „Du mußt doch viel Geld haben . . . Jud' verfluchter, ivillst Du mir 500 Taler borgen? Ich geb' Dir zwanzig Prozent und Zuschlag von Provision .. . wie ich geb' den anderen Wucherern . . . den Saujnden in der Stadt. . . ich brauch das Geld morgen früh" . . . und wieder reichte er ihm das Gläschen zum Füllen hin. In diesem Augenblick wurde in der Tür, hinter des Vaters Rücken, Matchen sichtbar, die gekommen war, um zu sehen, ob der Vater noch nicht fertig sei. Als der truickene Bauer sic erblickte, starrte er sie gierig mit vertierten Blicken an, lachte laut aus und rief: „Also gib die 500 Taler her; hast Du aber schönes Judenschicksel da . . . komm her . . . kriegst Schnapsglasel, wenn Du mir Küsset giebst." Erschrocken wandte sich das Mädchen um und schloß die Tür zu. Glaserfeld, der sich umgedreht hatte, erkannte nur flüchtig die fliehende Gestalt seiner Tochter. Siedend heiß stieg ihm das Blut zu Kopfe. „Mach, daß Du rauskommst, verdammter Hund," rief er dem Trunkenen zu, wütend .vor Zorn und Schreck über die seinem Kinde widerfahrene Schmach. „Hinaus!" Aber dieser grinste ihn blödsinnig an und hielt ihm wiederum das geleerte Glas hin. „Schönes JndenschiMxl, Josef! Ich geb' Dir fünfundzwanzig Prozent, wenn Du sie drauflegst auf die 500 Taler." lallte er in völliger Betrunkenheit. Eine rasende Wut bemächtigte sich Josefs. „Mach, daß Du hinaus kommst, Schwein ... elendes ... Viech gemeines" ... und mit fester Hand langte er über den Tisch hinweg nach ihm. um ihm auf die Beine zu helfen. Da versuchte der Bauer sich aufzurichten, erhob drohend seine Faust und wollte auf ihn zu, aber er schwankte, stolperte, machte eine Seitenbewegung und fiel die geöffnete Treppe hinab in den Keller. Der erschrockene Mann hörte einen dumpfen Fall und ein Anfstöhnen. Er wollte zunächst ihm zu Hilfe eilen, aber als er auf der ersten Treppenstufe stand, rief sein Sohn von der Eingangstür des Ladens ihm zu: „Vater, kommst Du nicht, es ist höchste Zeit, die Sterne stehen schon am Himmel, der Jontow hat längst angefangen ... die Mutter wartet und wir alle" .. Gleich!" antwortete er. Dann ein Moment der Ueberlegung oder Verwirrung! Mochte der unten seinen Rausch ausschlafen... es sind nur wenige Stufen, viel wird dem Kerl nicht passiert sein, und er schloß die geöffnete Falltür, sperrte die Laden zu, nahm die Kaffe an sich, löschte das Licht und trat, nachdem er sich vorher gewaschen hatte und den schwarzen Schabbesrock angezogen, zu seiner Familie in die Sukkah. Heller Lichterglanz strahlte ihm entgegen. Aus dem Kürbis leuchtete eine kleine gelbliche Flamme. Das Silber glänzte und er erhob den Becher und sprach laut die Segenssprüche des Festes und pries den Herrn, „daß er ihn habe erleben und erreichen lassen diesen Tag!" Aber es war keine rechte Freude heute an Josef Glaserfelds Tisch. Alle waren bedrückt und wie von einer inneren Unruhe erfaßt. Die Mutter glaubte, die Schwüle des Tages sei Schuld daran. In Malchens Antlitz malte sich »och Schreck und über den Abscheu rohen Angriff, dem sie ausgefetzt gewesen, und drohend stand über dem völlig ahnungslosen Geschöpf vielleicht schon das Verhängnis, daß sie die einzige belastende Zeugin sein würde gegen ihren Vater. Dieser war einsilbig und dachte an den betrunkenen Bauern, der in seinem Keller schlief . . . Die trübe, schwere Stimmung beuiüehtigte sich auch der Söhne und so atmeten alle erleichtert auf, als das Mahl vorüber war und sie sich zur Ruhe begeben konnten. Aber niemand schlief in dieser Nacht im Hause. Das Sukkothsest hatte seinen Einzug gehalten unter Bangen und Grauen. Am nächsten Morgen fand man den Bauernhossbesitzer Wvstinek als Leiche im Keller von Josef Glaserfeld. Wie war er dahin gelangt? Die Szene im Laden hatte keinen Zeugen. Was ich Ihnen vorhin erzählte, war das, was Glaserfeld wahrheitsgetreu den Geschworenen über den Vorgang sagte. SeineTochterMalchen wurde infolgedessen als Zeugin vorgeladen, und was das junge Mädchen verzweifelnd in ihrer Herzensangst unter Weinen und Schluchzen aussagte, wurde als belastendvom Staatsanwalt angeführt. Es war schrecklich, und wenn ich noch hundert Jahr lebe, ich vergeh das nicht. Malchen hatte nämlich auf alle Querfragen des Präsidenten zugegeben, gehört zu haben, daß Hostiuek 500 Taler von ihrem Vater verlangte, als sie beide neben der geöffneten Falltür standen. Nur die Zahl 500 war ihr im Ohr haften geblieben, da sie schleunigst davon gelaufen war . .. Dies wurde so gedeutet, daß Wvstinek diese Summe von ihm zu bekommen hatte. Glaserselds Aussage, daß er sie von ihm borgen wollte, wurde angezweiselt, denn warum sollte er ihn dann erschlagen und im Keller versteckt haben? Weil er sein Kind beleidigt hatte? Seit wann beleidigt man einen Juden? Ein Bauernhofbesitzer einen Branntweinschänker? Da schien es doch viel wahrscheinlicher, daß Wostinek von dem Inden Geld zu bekommen hatte, nud daß dieser, um die Schuld nicht bezahlen zu müssen, jenen beiseite schaffte. Diese Annahme wurde noch verstärkt durch die Anssage des Kaplans. Dieser gab nämlich unter Eid zu Protokoll, daß er kurz vorher im Ausschank gewesen sei und den Juden sehr aufgeregt gesunden habe, und daß dieser geprahlt habe mit seinem Vermögen und seinen Söhnen, die studieren, und seiner Tochter, die einen gelehrten Mann heiraten solle. Auch habe er, als er dann die Schänke verließ, an der Ecke der Straße den Bauern Wostinek getroffen, der ihm, nach dem Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus", zugerufen habe: „Geh ich jetzt zum Juden, mir meine 500 Taler holen". Daß der Bauer total

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